Ein Kind von Pop und TripHop aus dem Hause Anticon.
Text: Michael Aniser aus De:Bug 144

Kurz gefasst klingt Baths Album “Cerulean” wie eine auf 33 abgespielte Breakcore-Platte, als wäre 2Pac in einem amerikanischen Richard Linklater Suburb aufgewachsen oder ganz einfach so, als hätten Flying Lotus und Washed Out gemeinsam eine Valium geschmissen, ihre Disney- Videokassetten-Sammlung hervorgeholt und ein Album produziert. Alles klar?

OK, beginnen wir die Geschichte nocheinmal ganz von vorne: Cerulean, zu deutsch Coelinblau, wird in der Malerei seit dem Impressionismus verwendet. Das artifizielle Pigment wurde aufgrund seiner Kräftigkeit, Reinheit und Permanenz geschätzt. Mit dieser künstlichen Farbe konnten die Impressionisten ihre Bilder synthetisch erstrahlen lassen. Kulturpessimisten gab es natürlich auch damals schon und die propagierten ihre ewig gleichen Werte, sprich, klassische, natürliche Farben. Am besten Erdtöne. Diese Geschichte wiederholt sich ständig, von proprietären analogen Sounds hin zu digitalem Eklektizismus, oder umgekehrt?

Will Wiesenfelds Projekt Baths kippt mit manischem TripHop-Gefledder und nervösen Cuts nochmal ordentlich Salz in die Wunden der ewigen Nörgler und Besserwisser. Als Massive Attack 1991 ihr erstes Album rausbrachten – auf dem sich ein Track mit dem Titel Blue Lines findet – und noch nicht ahnen konnten, dass sie damit TripHop lostreten würden, war Will Wiesenfeld gerade mal ein Jahr alt. Mit vier Jahren beginnt er Klavier zu spielen – Portishead bringen zu der Zeit ihr Debütalbum Dummy heraus, das Cover ist blau gehalten. Mit dreizehn, aufgescheucht durch ein Björk-Erlebnis, beginnt er damit, elektronische Musik zu machen. Es folgen Jahre des Experimentierens – Ambient-Flächen, noisige Nicht-Tracks und schließlich das Lo-Fi-Emo-Projekt [Post-foetus], das in seiner Fragilität und Direktheit an ewig Traurige wie Conor Oberst anknüpft, welcher sich natürlich auch irgendwie ständig “blue” fühlt.

Diese Gefühlsduselei weiß er jedoch mit extrem kopflastigen elektronischen Strukturen zu brechen. Hiermit sind die ersten Referenzpunkte gesetzt: die Farbe Blau, TripHop, Björk und klassisches Songwriting. Doch damit ist Will Wiesenfelds Sound noch lange nicht erklärt. Dazu ist es nötig sich etwas weiter umzusehen. Die Retro-Aneignungsmaschinerie arbeitet unaufhaltsam weiter und – klar – auch immer schneller und partikulärer. Das angesagte Konsensmikrogenre des letzten Sommers war Chillwave oder Glo-Fi – also naive 80er Referenzen und Sounds, wie ausgeleierte Kassetten, die oft so wohlige analoge Wärme versprühen bei den Proto-Digital-Natives in den Mittzwanzigern. Die Protagonisten dieser Szene tragen so klangvolle Namen wie Memory Cassette, Neon Indian oder Washed Out. Parallel dazu überschlugen sich auch die Beatcutter: Hudson Mohawke, Dorian Concept, Flying Lotus um nur einige zu nennen, lieferten zerschnipselten und nervösen Post-HipHop zum darüber diskutieren.

Will Wiesenfeld dynamisiert und durchbricht das Chillwave übliche Geschwurbel gekonnt – der Track Animals wird allein von Kinderstimmen über den zerfransten Beats getragen. Da denkt man natürlich sofort an Boards of Canada – doch die sind irgendwie zu ernsthaft. Kindlich ja, aber in all der Verspielt- und Verspultheit scheint bei Wiesenfeld eher noch unschuldigeres wie beispielsweise Jay Zs It‘s a Hard Knock Life durch. In Rain Smell wird der Facebook Chat Message Sound als Beat über Field Recordings gelegt und erzeugt so eine seltsame Diskrepanz zwischen persönlicher, analoger Nähe und digitaler Verbundenheit “I still smell you, distance aside”.

“Cerulean” ist auf Anticon erschienen.
http://www.anticon.com

2 Responses

  1. Merowinger

    Der Track heißt übrigens nicht “Animals” sondern “Aminals”.