Elche und Elektronika, das geht in Schweden erst seit kurzem zusammen. In einer der schönsten Varianten bei Martin Abrahamsson aka Bauri. Der Elch steht im Wald und der Musikhörer im Knäckebrotgeäst. Seelenwäsche ohne DSP.
Text: rene margraff | thecrashkid@gmx.de aus De:Bug 53

Elektronika

Knick Knack Knäckepop
Bauri

Schweden, da denken viele zunächst einmal an unverwüstliche Autos, preiswerte Kleidung und diese Möbel, die einfach jeder hat. Aber Elektronika aus diesem Land der Elche, in dem verdorbener Fisch eine Delikatesse ist? Nun, neben den netten Pluxus, die sich ihre eigene Analog-P!O!P!-Welt gebastelt haben, wohnen dort nämlich auch noch die Kopfkissenelektroniker Plod und ein Herr namens Martin Abrahamsson, der als Bauri weit mehr als nur eine “exotische” Alternative zur Elektronika aus D, UK oder US bietet.

Veröffentlicht hat der gerade mal 21jährige Martin allerdings eh schon überall auf diesem Planeten: nach einer 12″ auf Pitchcadet, diversen Samplerbeiträgen für so verschiedene Labels wie Merck, Mille Plateaux, City Centre Offices oder Ben Becula kommen nun mit der “Embryo E.P.” auf Debug Hartwaren vier seiner allerschönsten Tracks raus. Mitsommernachtsplinkermelodien, weite Fjordflächen und knusprige Knäckebrotbeats für alle, die sich keinen teuren Schwedenurlaub leisten können. Ruhe und Deepness: Bauri ist nicht unbedingt ein Hektiker. Im echten Leben geht er einem nicht näher bezeichneten Job nach, den er nicht wirklich mag. Aber ohne Geld geht gerade in Stockholm einfach gar nichts. Die Mietsituation ist fatal. Bauri hat Glück, denn er wohnt mit zwei Freunden in einer WG in einem Vorort im Süden. Vergleicht man Bauris neue “Embryo E.P.” mit seiner ersten 12″ auf Pitchcadet, so hat sich einiges verändert. Das ist nicht mehr so minimal und knarzig. Bei Bauri 2001 gibt es Melodien und Flächen ohne Ende, dabei wird er aber nicht kitschig überladen, wie es bei einigen der IDM-Acts immer wieder passiert. Kein fader Beigeschmack von “Artificial Intelligence X”, eine gewisse Klangverwandschaft mit Arovane könnte noch am ehesten als grobe Orientierungshilfe dienen.

Computerliebe
Doch von Anfang an, wie kam denn Herr Abrahamsson zur Musik? “Ich mochte es schon immer, kreativ zu sein. Als Kind habe ich die ganze Zeit gemalt, meist Fantasiewesen. Später habe ich dann den Computer für mich entdeckt. Mitte der 90er begann ich dann wieder, viel zu schreiben. Fast täglich schreibe ich Tagebuch, bringe Gedanken und Geschichten zu Papier. Musik ist etwas, zu dem ich immer wieder zurückkehrte, seit ich denken kann. Als ich anfing, Musik zu machen, war es fast wie eine Droge: ich wusste, dass ich bessere Musik machen kann. Am Anfang habe ich mit Trackerprogrammen gearbeitet, das war wunderbar, da ich alles sampeln und verändern konnte. Ich war vom Equipment her sehr eingeschränkt, aber ich denke, dass ich so einige gute Dinge zustande bekommen habe. Die Leute sehen Tracker immer als primitiv an, dabei sind sie sehr gut, wenn du mit dem Musizieren anfangen möchtest und kein Geld für Hardware hast. Bald benutzte ich Software, mit der es mir möglich wurde, den Sound noch mehr zu verändern. Seitdem hat sich meine Musik immer weiter entwickelt. Hardware benutze ich nach wie vor nicht.”
Doch zurück zur Embryo EP. Bauris Musik hat sich in letzter Zeit zu etwas mehr melodieverliebten Tracks entwickelt. Niemand erfriert hier im Minimaldubecho. Wie sieht er das?
“Ich denke, dass sich meine Herangehensweise an Musik in den letzten Jahren verändert hat. Zunächst habe ich knüppelharten Techno und deepe, Maurizio beeinflusste, Tracks produziert. In diesen ‘Technojahren’ habe ich mich mehr um neue Techniken und Software gekümmert als um Melodien zu entwickeln und gefühlsbetonte Musik zu machen. Die EP auf Pitchcadet war für mich so etwas wie ein Neuanfang. Ich beschäftigte mich gerade mit neuer Software, und daher sind die Tracks auch etwas roh, die Produktion etwas schmutzig. Ich fing damals auch damit an, meine Musik live aufzunehmen. Das ermöglichte mir einen komplett neuen Klang. Ich erkannte recht schnell, dass ein live aufgenommener Track wesentlich organischer klingt als die komplett durchprogrammierten Sachen. Livemixing ist somit sehr wichtig für den ‘baurian sound’. Ich benutze meist sehr elektronische Klänge und ich mag diesen Kontrast zwischen dem organischen Feeling und dem elektronischen Sounds. Ich mochte auch schon immer Klänge, die nach Wasser und Meer klingen, große Soundscapes, Sound überall. Solche Tracks gehören in die Kopfhörer. Das ist etwas komplett anderes als Lautsprecher. Meine Musik ist Kopfhörer-freundlich. Ich denke, dass meine Musik sehr emotional ist, da ich sie für mich selbst mache und so eine Art Seelenwäsche betreibe. Daher kann ich nicht immer Musik machen. Ich muss etwas fühlen, um es in Sound umzusetzen. Viele sagen, dass meine Musik melancholisch und depressiv sei, aber das ist einfach, wie ich mich fühlte, als ich sie schrieb.”

Post-Elektronika vs. Indiepop
So elektronisch seine Sounds scheinbar klingen, mit einem engstirnigen IDM-Nerd hat man es bei Bauri nicht zu tun. Auf seiner Homepage listet er seine Lieblingsplatten, da ist dann auch eher wenig elektronische Musik dabei. “In letzter Zeit höre ich am meisten Indie- und Elektropop und Gitarrensachen wie Trembling Blue Stars, Figurine, My Bloody Valentine, Nixon, Bright Eyes, The Cure, Mercury Rev, Ladytron, Belle & Sebastian, Push Kings, Sigur Rós…Ich höre nicht gerade viel Elektronika, das langweilt mich inzwischen echt, überrascht mich einfach nicht mehr, aber Sachen wie Plod, Freescha, Múm, Solvent, Lowfish, Skanfrom und Arovanes frühe Sachen, die mag ich sehr. Autechre habe ich beispielsweise zur Zeit von ‘lp5’ abgeschrieben, viel zu digital. Vielleicht bin nur ich es, der die Melodien hinter den Bassdrumgeboller nicht hören kann. Ich brauche Melodien und Gefühle, nicht DSP-Effekte ohne Ende.” Neben seiner 12″ für Hartwaren hat er vor einigen Monaten die “Lakonia” EP mit ähnlich schönen Tracks veröffentlicht. Die kam, wie eine geplante Split-10″ mit Ilkae und seiner für 2002 angekündigten Debut-LP, auf Neo Ouija raus und ist definitiv eines der besten Releases dieses Labels. Für sein eigenes Label Saundart hat er auch einiges auf dem Zettel stehen. Zunächst wird es eine Split 7″ des wunderbaren Proswell mit J. Fotmeijer geben, weitere Release sind lediglich eine Frage des Geldes.

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Elektronische Lebensaspekte.