Unweit von Paddington Station hat die BBC in London ihr Radio-Zentrum, Maida Vale. Hier hat John Peel alle Sessions hat aufnehmen lassen, aber auch der Radiophonic Workshop hatte dort sein Hauptquartier.
Text: Dominikus Müller aus De:Bug 136

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Von Dominikus Müller (Text) & Lucy Johnston (Bild)

Für viele Studio-Nerds und Tontechniker sind die Maida Vale Studios der BBC so etwas wie der siebte Himmel. Die Kathedrale, in der man ehrfürchtig zum Gebet auf die Knie fällt. Dabei sind sie eher ein Labyrinth, das sich in gigantischen Ausmaßen tief in den Boden des Westlondoner Mittelklasse-Stadtteils Maida Vale gräbt. Kein Wunder, dass die BBC hier, auf der Grundlage einer 1909 erbauten Eislaufbahn im zweiten Weltkrieg ihre Nachrichtenzentrale eingerichtet hatte.

An den Ruhm dieser Studios reichen also nur wenige andere heran. Gut, Clement ’Coxsone’ Dodds Studio One in Kingston/Jamaika vielleicht, Geburtsstätte des Reggae, ”Conny’s Studio“ im nord-rheinwestfälischen Kaff Neunkirchen-Seelscheid, in dem Conny Plank mit nicht zuletzt an Dub geschulten Recording-Skills fast der gesamten Krautrock-Liga und noch vielen mehr auf die Welt geholfen hat. Doch dann muss man schon schwer überlegen. Kraftwerks eigene Klingklang-Studios in Düsseldorf, okay, die mauernahen Hansa-Studios in Westberlin, naja – aber spätestens hier wird die Liste schon reichlich willkürlich.

Das Mehrzweck-Studio

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Von all den genannten Studios unterscheiden sich die Maida Vale Studios der BBC allein dadurch, dass sie nicht privat betrieben sind und auch nicht in erster Linie zur Aufnahme ganzer Alben dienen, sondern vom staatlichen Radio unterhalten werden, das hier einen Großteil seines tagtäglichen Programms produziert. Broadcasting. Mehrzweck.

Bis hin zum Hörspiel- und Drama-Studio. Insgesamt beherbergt das mehr als hundert Meter lange, unscheinbare und nur eingeschossige Gebäude in der Delaware Road ganze sieben Studios. Fünf davon sind in Gebrauch, unter anderem das riesenhafte Studio 1 mit Platz für ein mehr als 150 Mitglieder fassendes Symphonieorchester zuzüglich Chor und 250 Besuchern auf der Empore.

Ein Studio im Konzertsaal-Format. Oder aber das Studio 3, tief unten in den Boden gegraben, gefühlte Kilometer entfernt von der Außenwelt. Auch dieses Studio kommt von der Größe beinahe an eine Grundschul-Turnhalle heran – und wirkt mit seiner braunen Holzvertäfelung und der altertümlichen Uhr an der Stirnseite, als wäre es auch ästhetisch irgendwann in den 1970er-Jahren luftdicht versiegelt worden. Kein Geräusch erklingt hier, das nicht erklingen soll. Die Luft ist abgestanden. Bing Crosby hat an diesem Ort 1977 seine letzten Aufnahmen gemacht, bevor er nur drei Tage später auf einem Golfplatz in Spanien von einer Herzattacke hinweggerafft wurde.

Heute nehmen in diesen Räumen Tortoise zusammen mit Colin Newman, seines Zeichens Frontmann der Punklegende Wire, Labelbetreiber des Swim-Labels und Mitglied der Band Githead, eine gemeinsame Session für das Programm ”Late Junction“ auf BBC 3 auf. Peter Meanwell ist der Produzent dieser Session. Er erklärt sein Vorhaben hier in Zukunft ”unterschiedliche Musiken und verschiedene Musiker zusammenzubringen, von denen man nicht denken würde, dass sie miteinander funktionieren“.

In die Aufnahmesituation sind sowohl die Chigagoer Postrocker wie auch der Londoner Punk-Veteran völlig unvorbereitet gegangen. Keine großen Absprachen, schnelles Losjammen. Und genauso schnell war es wieder vorbei. ”Colin hat oft darauf gedrängt, frühe Takes zu nehmen. Er hat uns damit einen riesigen Gefallen getan, weil wir die Tendenz haben, uns immer wieder über die Sachen zu beugen und wieder und wieder aufnehmen zu wollen, sobald wir in einem Studio sind“, so Jeff Parker von Tortoise.

Und Bassist Douglas McCombs ergänzt: ”Heute ging es einfach darum, ein Event zu dokumentieren. Normalerweise, wenn wir unsere eigenen Alben aufnehmen, verbringen wir eine Menge Zeit im Studio, es ist das genaue Gegenteil von heute. Es ist eine ganz andere Erfahrung.“ ”Aber es hat gut funktioniert. Vor allem wenn man bedenkt, dass wir uns nie vorher getroffen haben,“ sagt Newman.

Mystischer Musikeralltag

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Also stehen nun alle, die gesamte Band, Newman, der Tonmann und der Produzent in dem engen Kontrollraum hinter einem monströsen SSL-9000J-Analog-Mischpult mit 72 Kanälen, das nur geringfügig kleiner ist als zwei zusammengeschobene Billard-Tische. Auf einem von zwei Monitoren in der Mitte hinter dem Mischpult ist eine alte Bandmaschine zu sehen, die im Vorderraum steht.

Ab und an scheint sie erratisch einfach loszulaufen oder zurückzuspulen. Denn aufgenommen wird auch hier – Tradition hin oder her – längst digital. Aus den länglichen, fast raumhohen Abhörlautsprechern mit ihren jeweils vier Speakern der Firma PMC klingt schneidend klar die gerade aufgenommene Session. Man möchte die Musik mit Händen aus der Luft greifen, so plastisch klingt das.

Die fein-kristallinen Höhen scheinen, angestoßen von den warm-runden, extrem vollen Bassläufen, die mal McCombs, mal Newman eingespielt hat, in den Ohren zu zerfallen. Zerstäubte Soundpartikel von unerhörter Klarheit drehen ihre Runden in der stickigen Luft des Kellerstudios. Es klingt wie 5 x Tortoise plus eins, roher aber, viel spontaner. Alle nicken im Takt mit dem Kopf und scheinen zufrieden. Am Ende einigt man sich auf fünf Tracks. Musikeralltag.

Für Tortoise und auch Newman ist das nicht die erste Session in den Maida Vale Studios. Beide haben hier, eine Tür weiter im Studio 4 für John Peel aufgenommen. Newman hat allein mit Wire insgesamt fünf Auftritte absolviert, Tortoise in den 1990er Jahren zwei. Jetzt hängt an der Tür des Studios eine Gedenktafel mit dem Konterfei des 2004 verstorbenen Radio-DJs. ”Teenage Dreams So Hard To Beat“, steht darauf.

Peel, der wie kein anderer für seine Experimentierfreude, seine Radikalität und seinen – doch stets Sinn machenden – Eklektizismus bekannt war, hat weit mehr als einer unbekannten Band mit Airplay die Karriere angeschoben. Oder aber mit einer Einladung zu seinen hochgeschätzten Sessions. Über 4000 davon mit mehr als 2000 Bands, Musikern und Projekten hat Peel von 1967 an bis zu seinem Tod aufgenommen. 4000 in 37 Jahren, das macht einen Schnitt von mehr als hundert Sessions pro Jahr. Und zwei pro Woche.

Auch das ein Unterschied zu anderen Tonstudios, in denen längerfristig an einzelnen Alben gearbeitet wird. Hier geht alles schnell, sehr schnell. Man ist beim Radio. Rein. Und wieder raus. Viele der Bands, die hier in der Regel vier Tracks einspielten, betraten zu dieser Gelegenheit zum ersten Mal ein professionelles Aufnahme-Studio. Und einige danach auch nie wieder.
Ganz generell aber hat man hier den Eindruck, als dass der Mythos von Maida Vale nicht so sehr von seinen bahnbrechenden Aufnahmen herrührt, nicht so sehr von den Personen und Technikern, die sie gegründet und geleitet haben und dabei mit eigener Handschrift an einer ganz bestimmten Vision von Klang gearbeitet hätten, sondern im Gegenteil schlicht von der schier unüberbietbaren Historizität.

Wohl wenige Studios weltweit haben eine so bewegte Geschichte, haben soviele Anekdoten gespeichert in ihren schalldichten Wänden, soviel Patina aufgesogen in die Isolierung, soviele Bands, Projekte, Konzerte und Aufnahmen kommen und gehen sehen. ”Sicher, die Maida Vaile Studios haben definitiv diesen mythischen Beigeschmack,“ sagt Meanwell, ”aber vor allem, weil hier über die Jahre unglaublich viele Bands und Musiker zusammenkamen und gespielt haben. Diese Geschichtlichkeit spürt man schon. Und doch sind die Studios zunächst einmal ein Arbeitsplatz, eine Resource, die wir benutzen, um unserer Shows zu produzieren.“

Das Studio als Instrument – Radiophonic Workshop

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Das aus sound- und produktionstechnischen Aspekten interessanteste und maßgeblichste Kapitel ist somit ebenso an das Prinzip Broadcasting gebunden – zuerst für das Radio, dann auch fürs Fernsehen. Die Rede ist vom BBC Radiophonic Workshop, der über vierzig Jahre, von seiner Gründung 1958 bis zu seinem Ende 1998 hier im Maida-Vale-Komplex seine Heimat hatte. In den Räumen 13 und 14 wurden hier unter der Ägide zunächst von Desmond Briscoe, dann ab 1977 unter Brian Hodgson das praktiziert, was erst einige Jahrzehnte später mit den Möglichkeiten digitaler Klangerzeugung und Aufnahmetechnik Gang und Gebe wurde: ein Verständnis vom Studio als Instrument.

Hier kam es zur Welt, jedoch nicht auf der Basis von kreativem Freiraum, sondern ganz banal in der zweckgebundenen Umgebung einer Nine-to-Five-Arbeitswelt. Hier machten Menschen ganz einfach ihre Arbeit. Sie bekamen Aufträge und mussten dafür Lösungen finden.

Der BBC Radiophonic Workshop war ein Musique-Conrète-Verbund in staatlichen Brot und Würden, der für populäre Produkte die unmöglichsten und unerhörtesten Sounds erfand, indem er Bänder Ton für Ton zerschnitt, das Tempo in unmögliche Regionen pitchte oder mit einem Schlüssel über rostige Klaviersaiten fuhr. Für die beliebte britische Science Fiction-Serie ”Dr. Who“ etwa, die seit den 1960er Jahren auf BBC läuft, erfand der Workshop futuristisch klingende Geräusche für landende Raumschiffe, Zeitreisen und allerlei Funktionen von seltsamen Zukunftsmaschinen.

Delia Derbyshires Spacepop-Titelsong für ”Dr. Who“ erreichte einige Berühmtheit. Nachträglich betrachtet war das populärkulturelle Basisarbeit für die Akzeptanz avantgardistischer Klangerzeugung, öffentlich-rechtlicher Bildungsauftrag im Dienste elektronischer Musik. Noch dazu publizierten die Workshop-Mitglieder ihre technischen Errungenschaften und Erläuterungen zur Produktion einzelner Sounds regelmäßig und machten so ihr Know-How zugänglich.

Das eingerichtete Studio und sein Equipment existiert längst nicht mehr. Dort wo der Workshop jahrelang erst Tonbänder manipuliert hatte und dann mit Synthesizern experimentierte, werden heute Archive gelagert. Unter anderem die 4000 Peel Sessions – selbstverständlich – Ironie der Geschichte – digitalisiert. Schicht über Schicht, Name über Name, Programm über Programm. Digital über Analog.

http://www.bbc.co.uk/radio3

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Elektronische Lebensaspekte.