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Text: kerstin schäfer aus De:Bug 30

/downtempo/nu jazz Wie aus dem Oder ein Und wurde Beanfield Die durch den technischen Fortschritt entstandene Trennung der Produktionsmethoden in analoge oder digitale Klangerzeugung verschwimmt derzeit im Nichts. Jedenfalls in München, bei Compost. Anderswo gilt meistens: erst mal digital, dann immer digital. Future calls. Ein Griff in die Vergangenheit mit der Fixierung des Hervorgeholten wirkt befremdlich, der Vorwurf der strikten Retrospektive droht in hölzernen Lettern. Aber der alte Rechenschieber mit den schönen gelben und roten Kugeln wächst krachend und splitternd in die langweilig anzuschauende, graue Tastatur des Computers. Was nun? Rechnen tut heute keiner mehr mit dem Rechenschieber, denn wir können es ja auch schneller und viel komplexer haben. Das Spiel der Finger mit den kleinen Kugeln auf dem Draht ist der Tastaturvirtuosität der Hände gewichen. Die neuentstandene musikalische Kooperation ist meist unsichtbar, sie passiert im Kopf. Das Wort ‘oder’ zwischen digital/analog wird zum ‘und’. Dieses ‘und’ ist hörbar geworden. Wie das geht? Beanfield als Beispiel. Das Trio um Jan Krause, Tobias Meggle und Michael Reinboth hat mit dem zweiten aktuellen Album ein “Human Patterns” ein kleines Exempel für die Verbindung klassisch-analoger und digitaler Kooperationsmethoden vorgelegt. Digital schliesst also analog nicht von vornherein aus. Der Komplex der Mensch-Maschine-Kommunikation kann grösser werden. Grösser vor allem um die Einbindung der musikalischen Erinnerungen und Sozialisationsprozesse, wie bei Beanfield. Alte Jazzplatten werden genauso gesammelt und ausgewertet wie die Drum and Bass-Phantasien der letzten Zeit. Der Gedanke an das Vergangene zeigt, das immer noch ein anderes Universum existieren muss. Ein analoges? Der Griff zurück kann zum Griff nach vorne werden. Beanfield als blau-weisse Könige des Jazz and Beat. In ihrem Sound dominieren retardirende, variable Rhythmen und homogene Strukturen, die Jazz als Inspiration verstehen, um diese mit synthetischen Klängen so zu verweben, dass ein kristallklarer Sound entsteht. Milchglas-Klangscheiben übereinandergeschichtet, in denen man die sich jagenden Drums beobachten kann. Hermetische Komplexität als Symbol einer Ästhetik des digitalen Zeitalters. Bei Beanfield frage ich mich: Wo kommt nur dieses Geraschel hinter den Beats her? Sind die Streicher echt oder programmiert? Um diesen Fragen nachzugehen, muss man in ‘Human Patterns’ ganz tief tauchen. Natürlich zu 80 Prozent programmiert. Aber wie machen die das? Um mit computergerechten Impulskombinationen so zu spielen, dass es nicht nach Rechner klingt, sondern nach Mensch, bedarf schon einiger Übung. Jan Krause als Accustic-Engineer ist demnach auch ein Meister seines Faches. In der alten Frage, was nun wen beherrscht – die Maschine den Menschen oder der Mensch die Maschine? – haben die drei Wahl-Münchner einen eindeutigen Sieg zu ihren Gunsten zu verzeichnen. Der pragmatische Umgang mit Techik als Merkmal. Tastaurvirtuosität hin oder her. Der Perfektionist siegt jedenfalls immer. Auch bei Beanfield. Langwierige Puzzlearbeit mit Samples, Programmierungen und Live-Einspielungen zeugen hörbar davon. Die Detailfülle des Sounds ebenso. In der Peripherie des Münchner Compost-Labels geht es mal wieder emsig zu.

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Elektronische Lebensaspekte.