Der Untergang der Badewannne
Text: Christian Blumberg aus De:Bug 167

(Quvenzhane? Wallis), (Dwight Henry)

Dank einer erstaunlichen Hauptdarstellerin und prominenter Schützenhilfe wurde dieser Film zum 2012er Buzz des US-amerikanischen Indie-Kinos. Regisseur Benh Zeitlin erzählt ein modernes, aber gänzlich un-urbanes Märchen. Und zwar mit einer Wucht, der man sich kaum entziehen kann. Doch zugleich wühlt sein Film tief in der Kulturgeschichte eines Black America.

So geht Legendenbildung: Präsident Obama gibt Oprah Winfrey ein Interview. Während Oprah sich noch ihr Mikro ansteckt fragt Obama: “Have you seen this movie ‘Beasts Of The Southern Wild’?” Hat Oprah nicht, holt sie aber nach. Und ist so begeistert, dass sie diesem Film eine ganze Ausgabe ihres “Super Soul Sundays” widmet, einer Talkshow, die laut Selbstbeschreibung “mind, body & spirit'” nähren will. Die Ausgabe vom 26. August diesen Jahres trägt den Titel “Why Oprah Loves Beasts Of The Southern Wild”. Darin erzählt Regiedebütant Benh Zeitlin von der Schönheit der Sümpfe Louisianas, vom kleinen Budget und seinen Laiendarstellern. Daneben sitzt die achtjährige Quvenzhané Wallis: Sie spielt Hushpuppy, die Hauptrolle. Ihr Charme dürfte mindestens genauso viel wie Obama und Oprah dazu beigetragen haben, dass BOTSW der 2012er Buzz-Film des amerikanischen Independent- Kinos geworden ist. Ob sie im echten Leben wohl auch mit einem Mädchen wie ihrer Filmfigur Hushpuppy befreundet wäre, will Oprah wissen. Aber nur, wenn die im richtigen Leben vernünftige Kleider tragen würde, antwortet Quvenzhané und Oprah versichert: “For real, Quvenzhané, you are the man!”

Black Community als Outlaw-Gemeinschaft
Das sind die gleichen Worte, die Hushpuppy von ihrem Filmvater in BOTSW häufig zu hören bekommt. Zusammen leben sie abseits jeder amerikanischen Zivilisation, von der ein Deich sie trennt, in einem Südstaaten-Sumpf, den sie selbst “The Bathtub” nennen, wegen all des Wassers. Man mag dort das reale Amerika nicht, und auch keine schönen Kleidchen. Man flickt sich Wäsche aus Jeans, Baumwolle und Lumpen. Die ebenso grimmige wie niedliche Hushpuppy ist die schwarze Ronja Räubertochter in dieser sehr märchenhaften Outlaw-Gemeinschaft. Ein Ort des rohen Umgangs und der ungefilterten Trink- und Lebensfreude. Jedoch feiert, singt und kocht man in steter Erwartung des Untergangs: Ein großer Sturm ist prophezeit, bald schon soll das Bathtub untergehen. Das Bathtub: eine Gegengesellschaft, in der Piratenbande, Black Community und die Spiritualität amerikanischer Ureinwohner vereint sind. In einem Zwitter aus Trailerpark und Baumhauswelt leben Medizinfrauen, die Arzneien aus Erde, Wurzeln und Würmern mischen, leben Black Mamas, die den ewigen Kreislauf der Natur beim Zerbrechen von Krustentieren erklären und immer trunkene Fischer, die sich in Bäume oder Käfer verwandeln. Und im mächtigen Fluss wohnt auch der Geist von Hushpuppys Mutter. Doch dann schmelzen die Polkappen (weniger als Folge des Klimawandels, mehr schon als Teil eines unabwendbaren Weltenlaufs), ein tropischer Sturm bricht los und lässt diese magische Welt unter noch mehr Wasser versinken: Atlantis. Die Parallelen zu Hurricane Katrina, insbesondere zu seinem Wüten in New Orleans und Louisiana, das vielen Tausenden ihre Häuser raubte und ganze Ortschaften einfach wegspülte, könnten offensichtlicher kaum sein.

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Parabel mit packendem Pathos
Was folgt, ist der Kampf Hushpuppys um einen Ort, der ihren Bewohnern mehr als nur eine lokal verstandene Heimat ist, sondern der Ort, an dem sich das einzig “richtige” Leben führen lässt. Klingt nach Rührstück, wird aber keines. Denn, so Hushpuppy: “It wasn’t no time to sit around cryin like a bunch of pussies.” Man könnte BOTSW von diesem Moment an als modernen Durchhaltefilm betrachten, der Mut, Stolz und Selbstbestimmung propagiert – und als eine Bebilderung jenes Schlagwortes von Obama, das ihm im soeben vergangenen Wahlkampf allzu sehr zur Phrase geriet: “Hope”. Man wüsste dann auch, warum BOTSW in Europa ins Weihnachtsprogramm getaktet wurde und könnte sich schnell den Mankos dieses eigentlich so kraftvollen Films widmen: dem Kamerakitsch und der Tendenz des Regisseurs, zwar nicht seine trotzigen Protagonisten, dafür aber den gesamten Film in Symbolismus zu ertränken. Der visuelle Höhepunkt dieser andauernden Meta- Bebilderung sind dabei riesenhafte Auerochsen, die immer dann auftauchen, wenn Hushpuppy folgenreiche Entscheidungen zu treffen hat. Als Stilmittel sind diese Biester etwas durchsichtig, ein visuelles Spektakel sind sie allemal. Überhaupt ist Pathos ein großer Motor des Films. Der ist jedoch so packend, dass sich über das stete Bemühen von Allegorien glatt hinwegsehen lässt. Das einzige echte Ärgernis bleibt die nach Imagefilm riechende Filmmusik, die Zeitlin selbst geschrieben hat und deren weißer, mittelschichtiger Indie-Flair so gar nicht zur wilden Welt der Bajous passen will. Zeitlin war bereits für die Musik der “Obama For America 2008”-Kampagne verantwortlich – was vielleicht erklärt, wie der Präsident an diesen Film geriet.

Trojanisches Krokodil in Alien Nation
Trotz aller Märchenhaftigkeit läuft in BOTSW allerhand (in die Realität greifender) Subtext mit. Weil unter den Überschwemmungen alles zu sterben droht, sprengen die Überlebenden mittels eines trojanischen Krokodils (!) ein Loch in den Deich. So läuft das Wasser wieder ab. Nebeneffekt: Die Gruppe gerät in den Fokus des “echten” Amerikas, einer Alien Nation, deren uniformierten Vertreter die Bathtubbies zwischenzeitlich in ein Notlager verfrachten. Hier bedrohen Medizin und die Aussicht auf ein Leben im Welfare-Ghetto die Autonomie der Outlaws. Dieses Lager ist nicht nur eine Anspielung auf ganz konkrete Ereignisse im Jahr 2005: Für die Outlaws im Film ist es Teil einer nicht akzeptablen Welt ohne Wasser, eine neue Diaspora. Ja, BOTSW ist auch eine Variation jener großen Erzählungen einer Black Culture, die vom Sklavenschiff handeln, vom Leben in der Diaspora und der Unmöglichkeit aus dieser zurückzukehren. Diese Geschichten erzählen aber auch von der Hoffnung auf einen schwarzen Messias, auf eine Arche oder ein Raumschiff, die – als Spiegelung des Sklavenschiffs – die Flucht in ein neues, utopisches Homeland ermöglichen. Man findet diese Motive nicht allein in den afro-futuristischen Teilen der Popkultur: Schon die radikal oppositionelle Nation of Islam predigte von einem kommendem Mothership, das später nicht bloß von Parliament besungen wurde. In “Space Is The Place” flog Sun Ra sein schwarzes Volk zu einem Alter Destiny, einer neuen Heimat im All, die Zukunft und Vergangenheit zugleich war. Diese Sehnsuchtsorte wurden später von Drexciya (musikalisch) oder Kodwo Eshun (theoretisch) ins Subaquatische verlegt. Eskapistische Mythen wie diese klingen auch in BOTSW immer wieder an. Und der Film schlägt gar noch etwas anderes vor. Auch Hushpuppy nimmt ein Schiff, das hier, im Setting überfluteter Südstaaten freilich kein Raumschiff, sondern ein mit fantastischem Innenleben ausgestatteter Fischkutter ist. Doch Hushpuppys Reise ist keine Flucht in ein Utopia. Stattdessen entscheidet sich Hushpuppy ins Bathtub zurückzukehren. Mit der gebotenen Vorsicht: Hier erträumt BOTSW auch die Möglichkeit der Überwindung einer schwarzen Leidensgeschichte. Das wäre eine ganz andere “Hope”. Eigentlich schade, dass dies bei Oprah nicht besprochen wurde.

Beasts Of The Southern Wild (USA, 2012)
Regie: Benh Zeitlin
Deutscher Kinostart: Dezember 2012

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Elektronische Lebensaspekte.