Detroit hat einen neuen Sound, erfunden von alten Männern. Die erste Generation Detroiter House-Produzenten sorgt gerade mit dem Schlagwort "Beatdown" für enorm gespitzte Ohren. Wir haben drei der zentralen Musiker um eine Definition gebeten.
Text: Sven von Thülen, Felix denk aus De:Bug 98

Mike Clark, Norm Talley und Delano Smith // This is Beatdown

Beatdown ist in aller Munde. Detroit geht dazu ab, hört man, aber was den neuen Style letztendlich genau ausmacht, blieb bis jetzt eher unklar. Ist es nur das Tempo, das sich zwischen gefühlten 110-115 bpm fast schon gemütlich Zeit nimmt, einem die ganze, in zu hoher Originalgeschwindigkeit gebundene musikalische Tiefe und Funkyness von Techno-, House- und Disco-Tracks näher zu bringen? Manche sagen, Beatdown sei, wenn man Sleeparchives straighten, frühen 90er-Jahre-Techno auf minus acht herunterpitcht und dann in ein dreckig-introvertiertes House-Stück von Theo Parrish einblendet. Andere finden, Beatdown sei alles, wo Rick Wilhite oder Moodymann draufstehe. Und dann gibt es solche, die behaupten, das sei Deep House unter einem neuen Namen. Ketzer!?
Was Beatdown fehlt, ist ein Signature-Tune, so wie “This is Acid” einer war. Da erklärt ein MC den heißen, neuen Dance-Craze. Doch den fingieren wir jetzt mit geballter Kompetenz: Mike Clark, Norm Talley und Delano Smith wechseln sich am Mikro ab. Ersterer war als Agent X bei Underground Resistance dabei und produzierte für Red Planet, Happy Records und Planet E. Heute betreibt er die Website Beatdownsounds.net. Mit Norm Talley stellte er “Detroit Beatdown Vol. 1” zusammen, die erste Compilation des Genres. Darauf ist auch Delano Smith vertreten, der wie seine Kollegen zu den House-Urgesteinen in Detroit zählt und schon seit den frühen 80er Jahren fester Bestandteil der Clubszene ist.
Der “Detroit Beatdown Vol. 1”-Sampler erschien zwar schon 2002, wurde aber trotz aller musikalischer Qualität nicht zur Beatdown-Initialzündung jenseits des Atlantiks. Ein neuer House-Style aus Detroit? War da was? Erst mit den analog-rumpeligen House- und Techno-Tracks von Omar S auf dessen FXHE-Label, die durch ihre minimalistische, dreckige Soundästhetik eine Detroiter House-Tradition fortsetzten, gleichzeitig aber auch Anknüpfungspunkte an Minimal-House oder -Techno eher europäischer Machart erahnen ließen, wurde Beatdown auch als eigenständiges Genre in Europa wahrgenommen. Grund genug, mal nach den Wurzeln zu fahnden. Mike Clark, Norm Talley und Delano Smith erklären ihren Sound, ordnen ihn in die musikalischen Traditionslinien Detroits ein und verraten uns, was auf ihren Partys so abgeht. Bitte dazu denken: einen tiefen, langsamen, warm-pluckernden und leicht angezerrten House-Beat. Jetzt bitte “Play” drücken!

Das Stichwort Beatdown macht gerade die Runde. Könnt ihr uns eine Definition dieses neuen Detroit-Sounds geben?

Mike Clark: Es ist nicht unbedingt ein neuer Sound. Beatdown ist eng mit dem traditionellen Detroit-Sound verbunden. In letzter Zeit ist das Interesse dafür stark gestiegen und eine ganze Menge Leute fangen an, darauf abzufahren. Detroit war immer ein urbaner Ort mit viel Soul, die Heimat von Funk, Motown, Jazz, Soul etc. Wir sind mit dem Auflegen ab Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger großgeworden und wir stehen genau in dieser musikalischen Tradition. Wie in jeder anderen Stadt gibt es immer wieder neue Entwicklungen, weil sich der Geschmack der Leute verändert. Wir versuchen aber immer funky und soulful zu sein, weil wir damit aufgewachsen sind. Es ist schwer, den Beatdown-Sound zu beschreiben, weil es eher um die Art geht, wie wir auflegen, als um den Sound, den wir spielen. Es kann sein, dass wir deepe Sachen spielen, böse, funky oder düster, und dann voll aufdrehen und Up-Tempo loslegen … alles in einer Nacht. Von House bis Techno, Disco, New Wave oder Italo Disco … egal. Das Einzige, was zählt, ist, dass wir die Leute in Bewegung halten. Wir wollen uns nicht auf ein musikalisches Genre festlegen, nicht eine ganze Nacht, das wäre zu linear. It’s all about moving the crowd in a traditional funky way.

Woher kommt eigentlich der Begriff?

Mike Clark: Das Wort Beatdown schwirrt hier in Detroit schon lange rum. Es ist Teil unseres Slangs, wenn du so willst, und wird schon seit Jahren gebraucht. Schon in den späten 80er und frühen 90er Jahren hatten wir hier Mixe, die den Namen Beatdown trugen. Ich kann dir nicht sagen, wer ihn als Erster benutzt hat, aber wahrscheinlich war ich derjenige, der den Begriff in die Öffentlichkeit gebracht hat. Trotz allem: Er war immer im Herzen von Detroits Underground. Es ist einfach die Art, wie wir für uns und für unsere Leute hier in der Szene auflegen. Beatdown war immer da und wenn du mich fragst, ist es jetzt an der Zeit, dass wir auch außerhalb Detroits gehört werden. Wenn ich irgendwo auflege, versuche ich so nah wie möglich an unseren Roots zu bleiben, um den Leuten ein Gefühl dafür zu geben, wie wir hier in Detroit abgehen.

Wo seht ihr den Unterschied zu Deep House?

Delano Smith: Beatdown ist eben unsere Definition. Deep House bedeutet eine Menge unterschiedlicher Sachen. Beatdown ist eher etwas, das durch die Musik mitgeteilt wird, Beatdown ist viel variabler.

Wurde House nicht immer auch langsam, also unter dem normalen Tempo von 120 bpm, gespielt?

Delano Smith: Ja, auf jeden Fall. Sogar lange bevor es den Begriff House überhaupt gab. Wir nannten das damals “Progressive” oder “Late night versions”. Je langsamer der Groove ist, desto rhythmischer wird er, wenn du mich fragst – and i love a funky rhythm! Versteh mich nicht falsch, wir lieben das Originaltempo von Funk und Rare Groove und das wirst du auch hören, wenn wir spielen, aber erwarte keinen ununterbrochenen, langsamen Groove, wenn er nicht in der Luft liegt.

Auf eurer Webseite schreibt ihr über die Geschichte von House und Techno in Detroit und beklagt, dass Techno so lange den Detroiter House-Sound überschattet hat, der dadurch weniger wahrgenommen wurde. Das überrascht. Bewegen sich denn Techno und House in Detroit in so unterschiedlichen Sphären?

Mike Clark: Hell no! Auf meinen vielen Reisen bin ich aber häufig Menschen begegnet, die tatsächlich denken, dass House und Techno Gegensätze wären und dass sie aus unterschiedlichen Städten kommen. Im Endeffekt war es die Presse und die Öffentlichkeit, die einen Unterschied im Sound definierte, nicht die Leute in Chicago oder Detroit. House und Techno wurden besetzte Begriffe, die Musik aus zwei verschiedenen Städten definieren sollten. Aber als wir damals anfingen, unseren Sound zu entwickeln, machten wir unabhängig voneinander einfach Musik. Hart, deep, soft, melodisch, mit Vocals, instrumental, spacey etc. Beide Städte machten das so. Erst als die Presse wissen wollte, wo denn der Unterschied zwischen den beiden Städten läge, fingen Leute an, das Ganze von der Sound-Perspektive zu betrachten, anstatt zu beachten, was in den Städten wirklich vor sich ging. Es gab eine Menge Leute hier in Detroit, die Tracks mit Pianos und Vocals machten. Organic roots based music. Dass Juan (Atkins), Derrick (May) und Kevin (Saunderson) hier waren, war natürlich auch ein Faktor. Aber den Sound, der in diesen beiden Städten gemacht wurde, konnte man weder als Detroit- noch als Chicago-Sound definieren. Wir haben das nie so gesehen und sehen das auch heute nicht so. Aber bevor wir mitbekommen hatten, was passiert, waren wir schon durch eine Sound-Definition voneinander getrennt worden! Wir hatten keine Ahnung, dass das den Tod für unsere Musik bedeutete. Es beendete die musikalische Freiheit beider Städte. Es ist doch meist nach wie vor so, dass viele einen housigen Track aus Detroit nicht so recht akzeptieren können, weil sie darauf konditioniert wurden, dass in Detroit Techno produziert wird und kein House. So gerieten wir als Produzenten ins Hintertreffen. Ich kann dir gar nicht sagen, wie viele Leute mir mit ihren Vorurteilen begegnet sind, nachdem ich erwähnt habe, dass ich aus Detroit komme. Für sie bedeutete das sofort, dass ich mich nur anhören durfte wie meine früheren Partner von Underground Resistance oder wie einer meiner anderen Techno-Brüder aus Detroit. Ich durfte nicht wie ich selbst klingen.
Ich erinnere mich, wie ich vor vielen Jahren bei einem New Yorker Label vorbeischaute. Ich war da, um die Labelmacher zu treffen und mir ein paar Promos abzuholen, weil sie nie welche nach Detroit schickten. Mal abgesehen davon, dass sie auch nie nach Detroit kamen, um aufzulegen. Als ich einen der Jungs nach den Gründen fragte, sagte er zu mir: “Wir schicken immer welche nach Chicago. Wir dachten, das reicht. Wir machen ja House und kein Techno.” Und das in New York! Sogar hier in den USA hatten sie keinen Plan! Das war ein richtiger Schlag ins Gesicht und damals kannte ich viele Detroiter DJs, die Platten von diesem Label kauften und spielten. Damals, nachdem ich noch diverse andere Leute aus unterschiedlichen Städten dazu befragt hatte, ist mir klar geworden, dass der Großteil der Leute genauso denkt. Ich konnte nicht in einen Plattenladen gehen, ohne sofort in die Ecke mit den harten Techno-Platten geschickt zu werden, nur weil ich aus Detroit komme. Und wenn ich es wagte, in die House-Ecke zu gehen, runzelten sie die Stirn. Dabei waren wir ebenfalls Pioniere des Sounds gewesen, bei dem sie mir nun keine Geschmackssicherheit zutrauten. Die meisten wussten noch nicht einmal, dass Happy Records aus Detroit kam. Oder hatten komplett vergessen, dass Kevin Saundersons Inner City auch von dort kam. Oder Terrence Parkers Label Intangible. Leute wie Tony Humphries und sogar Larry Levan haben unsere Platten damals in ihren Charts gehabt. Nichts davon zählte mehr. Du merkst, ich könnte endlos weitere Beispiele aufzählen.

Aber Detroit war doch schon sehr früh, spätestens seit Theo Parrish, Rick Whilite und Kenny Dixon Jr., für seinen deepen, dreckigen und langsamen House-Sound bekannt. Wie wichtig waren die oben Genannten für Beatdown?

Norm Talley: Ich kannte Theo und Kenny schon lange bevor sie anfingen Musik zu machen. Rick ist sehr eng mit uns verbunden und ist Teil unseres Sounds. Diese Jungs und auch Carl Craig haben stark dazu beigetragen, einen Sound neu zu formulieren, der schon lange vorhanden war. It was refreshing and very homegrown. Etwas, das aus dem Hintergrund unserer Szene kam, etwas fast Vergessenes.

Carl Craig hat kürzlich in einem Interview gesagt, dass für ihn die ersten beiden Beatdown-Tracks Moodymanns “Dem young sconies” und Theo Parrishs “Lake shore drive” waren und dass Beatdown für ihn eine Adaption von Disco, Minimal House und Techno sei. Würdet ihr das unterschreiben?

Norm Talley: Bis zu einem gewissen Grad kann man das so sagen. Damals, als diese beiden Platten herauskamen, waren wir gerade wieder in einer Phase der Neuausrichtung. Wir experimentierten eine Menge herum. Es war eine rebellische Zeit. Der darke Sound war damals unser Ding. Und alte Platten. Als Theo und Kenny mit ihren Platten kamen, ging es vor allem darum, dreckig zu klingen.

Mike Clark: Damals hieß es noch nicht Beatdown. Even though we would beat people down with that sound. Es gab Platten, die hatten diesen Sound aber schon lange vorher. Die kamen aus verschiedenen Städten und Ländern und wir fuhren voll darauf ab. Kurz darauf wollten die Leute wissen, was es denn mit diesem Beatdown-Ding auf sich hätte. Theo, Kenny und Rick sind sehr wichtig für Beatdown, weil sie alle ihren eigenen, wiedererkennbaren Sound definiert haben, eine eigene Signatur, die wir hier in Detroit gefeiert haben.

Mike, du hast für Underground Resistance, Red Planet und Happy Records produziert. Wie viele von diesen musikalischen Traditionen setzen sich in Beatdown fort?

Mike Clark: Sehr viele. Ich habe damals alles gelernt: Chord-Strukturen, Mixdown. Jetzt, wo ich mein eigenes Ding durchziehe, kann ich freier mit meinem Sound umgehen, aber es sind immer noch dieselben Elemente von derselben Person. It’s the same me.

Ist Beatdown ein “Detroit Thing” oder spielt ihr auch viele DJ-Gigs außerhalb?

Norm Talley: Es ist definitiv ein globaler Sound. In der Welt bekannt gemacht durch Detroit!

Mike Clark: Wir legen auch außerhalb von Detroit auf, aber nicht so oft, wie wir gerne würden. Ich spiele öfter in Los Angeles, San Fransisco, San José, Miami, Toledo, Portland und Chicago.

Von einer europäischen Perspektive sieht es so aus, als wäre Beatdown vor allem eine Art des Mixens von Stilen – Minimal-House-Platten aus Deutschland und Techno-Tracks runtergepitcht auf minus 8 und gemischt mit Disco und Deep House. Ist Beatdown also etwas, das in einem Mix erst kreiert werden muss, oder gibt es einzelne Platten, die genau diesem Genre entsprechen?

Norm Talley: Minimal-House und Techno-Platten sind schon Teil unserer Mixe. Manchmal. Wir beschränken uns da nicht. Es geht immer um den richtigen Vibe. Und wir spielen alles, von dem wir und die Leute auf dem Dancefloor denken, dass es diesen Vibe erschaffen kann.

Mike Clark: Beatdown ist nicht so Tempo-basiert, wie es viele Leute vielleicht denken. Es kann langsam sein, muss aber nicht. Die Art, wie man sich in seinem Mix ausdrückt, darauf kommt es an. Es geht um Können und Kreativität beim Mischen. Und natürlich gibt es Platten, mit denen man diesen Vibe einfacher herstellt als mit anderen.

Wie sieht eine typische Beatdown-Party aus?

Mike Clark: Sehr gemischt, auch wenn man Beatdown definitiv als schwarzen Sound bezeichnen kann. Ein Afro-funky-head-bobbing-tanz-bis-du-nicht-mehr-kannst-Vibe. Die Leute, die zu unseren Partys ins “Agave” kommen, sind zwischen 20 und 60 Jahre alt. Und sie sind voll dabei, tanzen und singen mit. Just giving you real emotion on the floor.

Gibt es eigentlich eine neue Generation von House-Kids in Detroit oder stehen die Jüngeren eher auf Booty und HipHop?

Delano Smith: Die meisten Kids in Detroit hören schon Booty und HipHop. Aber wir haben auf jeden Fall Kids, die auf einer unserer Partys auftauchen und dann immer wiederkommen. Wir haben auch Trommler und Breakdancer. Und alle machen ihr Ding.

Auf welche Labels sollte man achten? Und was machen eure eigenen Label-Aktivitäten?

Norm Talley: Es gibt so viel gute Musik da draußen. Als eine der wenigen regelmäßigen House-Partys in Detroit bekommen wir natürlich Musik von den Detroiter Musikern, weil sie ihre Tracks im Club hören wollen und sehen möchten, wie der Floor darauf reagiert. Ich produziere zwar Tracks, habe aber nicht die Absicht, ein Label zu starten. Das lasse ich lieber andere machen. Ich bin ein DJ, der hin und wieder Tracks produziert.

Mike Clark: Ich habe mein Label Beatdown Sounds momentan auf Eis gelegt. Ich mache in der Zwischenzeit Remixe und Edits.

Delano Smith: Ich habe 2002 Mixmode ins Leben gerufen und bis jetzt vier Maxis veröffentlicht. Checkt es aus!

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Elektronische Lebensaspekte.

One Response

  1. Im Tal der Wellen | Knicken

    […] Bestsellerlisten der Vinyl-Shops durchstöbert, könnte man allerdings zu dem Schluss kommen, dass Beatdown, Chicago House und seliger Detroit Techno nie vorbei waren. Dass die Musik wieder in den Clubs […]