Alex Attias ist seit 10 Jahren einer der umtriebigsten Broken Beats-DJs und Produzenten in West London. Mit Paul Martin arbeitet er als "Beatless" an einer Neubelebung von Soul aus dem Geiste totaler Experimentierfreiheit. Eine Gebetsmühle.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 54

Jazz is the Preacher, Rolex is the Teacher
Alex Attias/ Beatless

Marokkanische Herkunft, geboren in Paris, aufgewachsen in der Schweiz, mitten drin in West London: Alex Attias personifiziert mustergültig den internationalen Fusionierungsgeist einer Musikszene, die als Tech Jazz, Fusion, Broken Beats oder eben West London entschieden an “der Evolution des Produzenten, der in totaler Freiheit mit dem gesamten Spektrum der Musik experimentiert,” arbeitet. Oder einfach: “I want to make music with a big M.” Mit seinem Label “Visions” und diversen Projekten wie “Mustang”, “Catalyst”, “Plutonia”, “River Plate” oder “Beatless” ist er eine der Kernfiguren einer Szene, die sich unhierarchisch als Peer to Peer-Netzwerk aus sofasurfenden Rare Groove Nerds zusammenfindet und abhängt, bevorzugt auf den gemeinsamen Co-Op Nächten im Velvet Room, aber vor allem mit einem hohen Ausstoß an gleichgesinnten Produktionen überrascht bis brilliert.
Von Opaque (Seiji mit rhythmisch spartanischen Haarspaltereien) bis SK Radicals (Schülerband spielt Funkfloskeln) ist sich West London einig, dass das “gesamte Spektrum der Musik” zwischen Jazz und Soul, zwischen Latin und Funk liegt, innerhalb des klassischen Rare Groove Kanons eben – wieder keine Pink Floyd Samples nirgends. Und dass Innovation in diesem “gesamten Spektrum” Rhythmusarbeit mit Lupe und Pinzette meint. Eine sehr tüftelige Angelegenheit, so ziemlich das Gegenteil von frivol, aber mit weltbürgerlichem Flair statt pedantischem Mief. Attias betont zwar, wie sehr er der große Individualist ist (wohingegen große Individualisten in ihrer Isolation betonen, wie sehr sie Sandkorn am Strand sind), geht aber komplett d’accord mit den Statuten West Londons. Klar, es sind ja auch die besten aller denkbaren Statuten. In diesem Rahmen ist Mustang sein rausgelehntes Solo-Jazzprojekt für Menschen, die um die Ecke hören können. Als Plutonia arbeitet er mit Breakbeat Ikone Dego von 4 Hero zusammen. Und Beatless, sein Projekt mit Talkin’ Loud Mitarbeiter Paul Martin, ist Soul. Aber, man muss sich ja seine Nische suchen, nicht mit den nordamerikanischen Allerweltsreferenzen, den Funk digitalisieren und Punkt. Das Album “Life Mirrors” steigt stattdessen mit Ofra Haza-artigen, arabischen Schnörkeln ein und stellt dann nordafrikanische Perkussion scharf in dem ganzen Sanges-, Keyboards- und Flöttrubel. Aber am Ende des Tages, da zählt eh nur das große M.

Von der totalen Freiheit eines Schweizer Uhrwerks

Debug: In London scheinen die musikalischen Referenzen seit den späten Mods, so Rod Stewart und Bowie zur “Young Americans”-Phase, nicht wirklich zu wechseln. Von: Northern Soul zu: Acid Jazz. Siehst du dich und die West London Szene in Kontinuität dazu?

Attias: Auf keinen Fall. Acid Jazz war ein Revival zu Jimmy Smith und Brother Jack McDuff, Hammondorgel-basiertem jazzy Stuff. Sehr eng. West London dagegen umfasst das gesamte Spektrum der Musik in totaler Experimentierfreiheit. Music with a big M.

Debug: Du sprichst von Jazz als einem deiner Haupteinflüsse und arbeitest mit traditionellen Musikern zusammen. Hat Improvisation als bestimmendes Element von Jazz Bedeutung für dich?

Attias: Jazzmusiker waren high on talent und high on was weiß ich. Das ließ sie in Soli ausfreaken. Meine Musik basiert nicht auf Soli. Es gibt einige Improvisation im Studio. Aber letztlich funktioniere ich wie eine Schweizer Uhr, sehr präzise. Ich re-editiere die gesamten Aufnahmen, versuche, eine Logik hineinzubringen. Aber ich lege so wenig Wert darauf, als Jazz-Musiker zu gelten wie als Hip Hopper. I make Music with a big M.

Debug: Der Beat ist zentral bei deinen Produktionen. Und der Name ist Beatless. Kneipenironie? Das sähe der Musik doch gar nicht ähnlich?

Attias: Es ist nicht Beat-less. Es ist Beatles-s. Als Paul Martin mich in der Schweiz besuchte, fragte er mich, wie man auf französisch die Beatles ausspricht. Franzosen betonen die letzte Silbe, also Beatles-s. Wir sind die halben Beatles mit doppelt so vielen ‘s’.

Paul Martin ist Paul McCartney und Alex Attias ist George Martin. Ein John Lennon ist so wenig in Sicht wie ein Pink Floyd Sample.

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Elektronische Lebensaspekte.