Miss Kittin ist viel mehr als das Electro-Postermotiv, das Karl Lagerfeld von ihr geschossen hat. Don't judge a book by its cover. Mit ihrer Mix-CD "Radio Caroline" zündet sie eine Fackel für den unsichtbaren Bedroom DJ und seine religiöse Plattenverehrung.
Text: Felix Denk aus De:Bug 71

Der DJ als Mauerblümchen
Miss Kittins geheime Sympathien

In dem Film ”Maestro”, der das Leben und Wirken der Disko-DJ-Legende Larry Levan in der New Yorker Paradise Garage dokumentiert, gibt es eine Szene, in der ein Tänzer berichtet, Levan habe an einem Abend 20 mal hintereinander das Acappella von “When Doves Cry” von Prince gespielt. Den Moment, als Levan die Spannung auflöste und endlich das eigentliche Stück droppte, beschrieb der Interviewte folgendermaßen: “It wasn’t just a release, it was (holt aus, und sagt etwa in der 20-fachen Länge des Acapellas von When doves cry) a rreeeeelllleeaaaase.“
So kennt man ihn, den DJ. Sein Job, das Auflegen, ist eine soziale Praxis, situativ an den Club gebunden, wo er vorne bzw. oben steht und den Zeremonienmeister gibt. Seine Platten haben eine Mittlerfunktion zwischen ihm und der Crowd. Wenn es ihm gelingt, diese zu inszenieren wie weiland Larry Levan, kommt es eben zu jenen unvergesslichen Verschmelzungsmomenten, mit deren Schilderungen die Anwesenden noch ihren Enkeln auf die Nerven gehen.
Neben dieser großen Erzählung des DJing, die im Disko-, Nightlife-, Glamour- und Hedonismus-Kosmos beheimatet ist und von strahlenden Helden, verstrahlten Momenten und anderen Bedeutsamkeiten, die sich meist nur Dabeigewesenen erschließen, handelt, gibt es aber noch eine weitgehend im Verborgenen stattfindende Seite des Auflegens.

Unsichtbare Hauptfigur

Hauptfigur hier ist der Bedroom DJ. Er ist nerdiger Musikexperte, dessen Dispo-verzehrender Plattenkonsum wohl 9/10 des Umsatzes jedes Plattenladens ausmacht. Vermutlich wird der Bedroom DJ seine akribisch zusammengestellte Plattensammlung wie auch seine fleißig erworbenen Skills nie vor Publikum präsentieren. Seine Bühne, falls man das so nennen darf, ist das Mixtape. Hier tritt er aus der unmittelbaren, unfreiwilligen Encounter-Öffentlichkeitsebene aus MitbewohnerIn und Nachbarn heraus und erweitert seinen kommunikativen Radius ein kleines Stück. Da das Mixtape nicht den Systemzwängen des Dancefloors unterliegt, rückt die Musik in den Vordergrund und bildet ein Biotop, in dem oft merkwürdige musikalische Schattengewächse einen Platz zum Gedeihen finden. Hier geht es nicht darum, die Diskokugel am drehen zu halten, sondern um Räume füllen, Dinge mitteilen, Atmosphären gestalten und imaginäre Situationen vertonen.

Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Miss Kittin, als Electroclash-Ikone in Posing-Sophistication erste Liga und als DJ weit gereist, nach wie vor eine Leidenschaft für die Mauerblümchendisziplin des Bedroom Djing hat. “Ich liebe nichts mehr als Platten aufzulegen. Ich mache das auch zu Hause ständig, höre mir meine neuen Platten an oder checke beispielsweise meine Planet-E-Sammlung und probiere, wie die mit Boards of Canada klingen. Ich glaube, ich höre mehr Musik zu Hause als auf Parties“, erzählt Miss Kittin und fügt an, dass sie auch gerne Kassetten aufnimmt, für Freunde zum Geburtstag zum Beispiel, deren Hüllen sie dann bemalt und sich merkwürdige Namen für die Tapes ausdenkt. Radio Caroline, ihre gerade erschienene Mix-CD, ist eigentlich so ein Mixtape. Sie ist keine dieser oft beeindruckend professionellen, aber blutarmen Mix-Compilations, die sich in den Saturns, Hansas und Media Märkten dieser Welt gleich neben der Kasse stapeln. Bei “Radio Caroline” geht es um Begeisterung für die Musik und nicht darum, den aktuellen heißen Scheiß zu definieren oder sich hinter abgesicherten Coolness-Codes zu verschanzen. Persönlich kommt der Mix daher, und das nicht nur, weil Miss Kittin darauf in ihrem Trademark Franglais von ihrem DJ-Dasein erzählt. Die Aktualität der Stücke spielt keine Rolle. Lieber sucht Miss Kittin verschüttete Lieblingsstücke heraus, die schon ein paar Jahre auf dem Buckel haben und vielleicht der kollektiven Erinnerung schon entschwunden sind, aber viel zu schön, um nicht wieder einmal gespielt zu werden. Bedroom DJs sind Romantiker und bleiben ihren Lieblingsplatten lange treu.

Programmatischer Subjektivismus

Passenderweise ist Radio Caroline bei Mental Groove erschienen, dem Genfer Label, das aus einem gleichnamigen Plattenladen hervorgegangen ist. Miss Kittin fuhr schon dorthin, als sie noch in Grenoble lebte, um Platten zu kaufen und pflegt immer noch enge Kontakte nach Genf. Labelbetreiber Oliver, ein alter Freund, ist einer derjenigen, die regelmäßig mit Mixtapes beglückt werden. Kein Wunder, dass er eines Tages fragte, ob man nicht so einen Mix veröffentlichen könnte. Miss Kittin ging gleich ans Werk, denn so etwas muss spontan entstehen, wie sie erklärt, und leitet daraus eine Theorie des Auflegens ab: “Ich hätte das nicht gemacht, wenn es 12 Stunden gedauert hätte, die richtige Kombination zu finden. Eigentlich ist die CD in einem Durchgang entstanden, genau so als hätte ich sie für Freunde gemacht. Mir gefällt das Spontane. Ich mache das immer so. Manchmal kommt etwas Unerwartetes heraus, aber dafür bin ich ja DJ. Mir ist es auch egal, ob ich auf der Mayday oder im NBI (kleiner Wohnzimmerklub in Berlin, Anm.) spiele. Ich versuche, mich immer zu überraschen. Eigentlich ist das egoistisch, man macht das nicht für die Leute, es wäre falsch das so zu tun. Man muss es für sich machen und dann mit den anderen teilen.“
Diesen programmatischen Subjektivismus hört man der Chronologie der Stücke deutlich an. An einer Stelle folgt ein frühes Autechre-Stück auf eine Housenummer von Jesper Dahlbäck, bevor mit Pan_Sonics strengem Analog-Techno auf den versöhnlich plinkernden Isolée-Remix von ”Lovely Dae” übergeleitet wird. So was denkt man sich nicht aus, das ergibt sich eben so, wenn man absichtslos mit den Platten rumspielt. Genauso lässt sich letztlich nicht erklären, wie aus solchen stilistischen Brüchen doch ein homogener Flow entstehen kann. Aber Mixtapes schaffen nicht nur Raum für merkwürdige Kombinationen, sondern auch Gelegenheit, gewisse Platten zu spielen, die man zwar immer schon mochte, aber für die es selten den richtigen Moment gab, sie in das Set einzuflechten. “Manche Sachen könnte man schon zu einer Afterhour spielen oder am Anfang des Abends. Aber zu Hause höre ich sowieso mehr strange Musik, Electronica-Sachen wie von Hefty Records oder Otto von Schirach-Tracks. Damit möchte ich auch tight sein.“

Mit Radio Caroline setzt das bekennende H&M-Girl offensiv den Charme des Selbstgemachten dem routinierten Profigestus entgegen und lässt auch die trendy Electroclash Disko außen vor. Beim Interview jedenfalls trug Miss Kittin einen Kapuzenpulli, auf den sie mit einem dicken schwarzen Edding Filzstift ”Nobody Can Destroy Me” geschrieben hat. Ein Satz wie aus einer Auslaufrille einer Underground Resistance-Platte – Message to the Media? In jedem Fall beweist Miss Kittin mit Radio Caroline den Mut, mit dem eigenen Image zu brechen. Eine Kurskorrektur? Jein, meint Miss Kittin: “Wenn man kein Image hat, können einen die Leute mit nichts in Verbindung bringen und es ist schwer, Erfolg zu haben. Klar, mit Miss Kittin and the Hacker habe ich ein starkes Image, aber es gibt ja auch den unsichtbaren Teil des Eisbergs.“ Also doch immerhin ein Statement? “Wie man mit einem Image umgeht, muss man auch erst mal lernen. Das mit Miss Kittin and the Hacker war ja nicht geplant, ich habe nur geschaut, was für ein Image zur Musik passt. Wenn jetzt Fotos für ein Magazin gemacht werden, geben sie mir immer Dolce & Gabana-Kleider und der Stylist will dick Make Up auftragen, damit ich so Dominatrix-mäßig aussehe. Wenn man das anders will, dann muss man das auch durchdrücken, und das ist ein Haufen Arbeit. Ich möchte ich selbst sein, was aber auch gefährlich ist. Man muss sich da auch schützen.“ Und was könnte letztlich mehr Schutz vor Fremdbestimmung bieten als die eigene Plattensammlung. Bedroom DJs wissen das.

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Elektronische Lebensaspekte.