Auf seinem zweiten Album als "Beige" verlangt der Kölner Web-Programmierer Oliver Braun nach einer Handgranate, nach Blockflöte und Quietscheentchen. So frönt er seinem kruden Mikromelodien-Funk, der mehr Dimensionen hat als das menschliche Leben selbst.
Text: christian meyer aus De:Bug 57

Die goldene Mitte

Oliver Braun geht es ganz und gar nicht um ideologische Grabenkämpfe (höchstens um ideologische im Sinne seiner Kollegen Mouse On Mars). Es ist z.B. nicht so – wie andernorts zu lesen war –, dass es seiner Meinung nach zu Techno, den er ja von 95-97 selber auf Thomas P. Heckmanns Label Trope veröffentlicht hat, nichts mehr zu sagen gäbe. Gemeint war vielmehr, dass er zu Techno nichts mehr zu sagen hätte. Fast sein gesamtes Equipment landete daher beim Alteisenhändler und er bastelte von da an nicht mehr am perfekten Sound des 4/4-Tracks, sondern machte einen harten Bruch und wechselte ins Fach der Fachlosen: von nun an sollten ihm unter anderem in der Form eines rüden Humors die Türen zu sämtlichen Rhythmen und Klängen offen stehen, und das bei viel geringerem technischen Aufwand.

Mit einem neuen Klangspektrum, das nun kaum noch auf Synthesizer fixiert, sondern viel Sample-basierter war, landete er mit Hilfe von Stephan Bethke aka Pole nach einer langen Durststrecke des Klinkenputzens mit seinem Material endlich auf dem englischen Label “Leaf”. So war die Musik der CD “I Don’t Either” bei Erscheinen schon drei Jahre alt und die ganzen Querelen um die Produktion und Veröffentlichung der CD bergen nicht die besten Erinnerungen an diese Zeit.

Ein Jahr der Musikabstinenz später arbeitet Oliver Braun als Programmierer für Web-Sites und kann deshalb viel entspannter, ohne finanzielle Abhängigkeit an seiner Musik arbeiten. Das erste Mal rein virtuell am Rechner zu arbeiten, empfand er zudem als sehr befreiend. So dauerte es nicht allzu lang, bis die Arbeit an der neuen CD mit dem wunderschönen Titel “Ein Königreich für eine Handgranate” abgeschlossen war. Die Platte klingt mit Mundharmonika, Blockflöte und Quietscheentchen (letzteres auf der vorangegangenen “Non-Profit”-EP) deutlich akustischer, vor allem, weil keine Loops, sondern nur kleine Fragmente, zudem in der Regel nicht verfremdet, gesampelt werden. Was außerdem besonders auffällt, ist die vermehrte Verwendung der menschlichen Stimme.

Für die nächste Platte ist geplant, richtige Stücke mit Leadgesang zu machen. Doch “das Problem sind immer die Texte. Entweder du machst es völlig dadaistisch und nur assoziative Geschichten, da weiß ich aber nicht, ob man das durchhält. Das ist bei mir die Hemmschwelle: Nimmst du jetzt richtig viel Gesang mit Strophe und Refrain, nur dann sollte man ja auch irgendwas zu sagen haben! Ich habe gemerkt, dass Stücke durch Stimme enorm gewinnen. Das ist immer noch so. Man denkt sich, man schafft’s auch ohne, aber es gibt immer Stücke, die sind schon ganz gut, aber dann merkst du, da fehlt einfach das Leben!”

DEBUG: Der Mensch wieder?
Oliver Braun: Der Mensch! Könnte auch ein Saxophon sein wie bei Blumfeld, aber muss nicht, zumindest nicht in der Art!

Das hört sich an, als klänge Beige inzwischen sehr sanft und glatt. Das ist aber nun gar nicht der Fall: Die Musik ist zwar nicht gewalttätig, wie es der CD-Titel suggeriert (der bezieht sich eher auf festgefahrene Strukturen im Musikbiz), es klingt aber doch alles sehr gepresst und die Töne sitzen im Rhythmus wie in einem schiefen Rahmen. Und vor klanglichen wie rhythmischen Überraschungen ist man bei Beige sowieso nie gefeit.

Oliver Braun: Ich tue mich immer schwer damit, Position zu beziehen, dass steckt auch in der Musik. Es kommt nicht immer genau das, was man erwartet hätte oder was besser funktionieren würde an der Stelle. Es gibt Augenblicke, da muss man das einfach weglassen. Die Musik ist so wie ein zickiges, klappriges Gerüst, das an irgendwelchen Gelenken noch zusammenhängt und schwer am Zappeln ist. Trotzdem versuche ich immer wieder zu einer Art Groove zurückzukommen, so dass da noch eine Struktur drin ist, die das Ganze in Schwung bringen kann.

DEBUG: Wie überprüfst du denn, ob das Ding auseinanderfällt oder gerade noch zusammenhält?
Oliver Braun: Das ist ja das Drama der selektiven Wahrnehmung: Du sitzt da und findest alles ganz toll, gehst mal kurz raus, holst einen Kaffee und kommst wieder und… es klingt nur noch schrecklich! Du hattest vorher einen Fixpunkt, mit dem hat es wunderbar funktioniert, und wenn du den einmal aus den Augen verlierst, dann ist alles kaputt. Du kannst dich eigentlich nur selber als Maßstab nehmen. Ich kann mir vorstellen, dass viele auch den Faden verlieren, aber ich finde das auch nicht so auseinandergeholzt, dass das endlos ins Abstrakte abgleiten würde. Da sind auch die Melodien ganz wichtig. Obwohl ich da gar nicht so viel Arbeit rein stecke, das ist dann wirklich jammen. Ich lasse den Rhythmus laufen – damit fängt ja alles an – dann spiele ich einfach…

DEBUG: Die Melodien steuern gegen die Abstraktion…
Oliver Braun: Ja, und sie halten ja nie wieder das Maul. Die daddeln ja immer los und werden nicht mehr still, die ganzen kleinen Teilchen. Aber ich habe auch das Gefühl, dass die einfach da sein müssen, weil ja auch relativ wenig Raumeffekte da sind, es ist ja alles sehr spröde. Bei der letzten CD habe ich alles unter 200 und alles über 10.000 Hz weggedreht (beim Mastering wurde dieses Klangkonzept dann wieder zerstört/ Anm. d.A.), es gab im Grunde keine Höhen und keine richtigen Bässe, ich wollte das nur in den Mitten haben, und das können viele Leute nicht ertragen, die werden irre! Davon bin ich jetzt weg, aber deswegen waren damals auch schon tragende Elemente wie Melodien wichtig, die einem eine Ahnung von Spaß vermitteln können.

DEBUG: Warum hast du dann erst die leckeren Basslines beschnitten?
Oliver Braun: Das war Trotzigkeit, weil ich enorme Summen in Technik gesteckt habe, um einen perfekten Sound zu kriegen. Den kriegst du aber nicht, außer wenn du unglaublich viel Arbeit in den Aufnahmeprozess steckst. Darum ging es mir aber nicht. Das ist mir einfach nicht gelungen, deshalb musste ich das zwangsläufig als Konzept weiterentwickeln: Lasst mich in Ruhe mit Hifi! Ich fand in Clubs diese terrorisierenden Bässe und Höhen auch immer zu anstrengend.

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Elektronische Lebensaspekte.