Alkoholschwangere Lebensweisheit
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 116


Zach Condon kommt aus Santa Fé und konzentriert seine Sehnsucht auf den Balkan. Die Entfernung überbrückt er mit Whiskey und Ukulele. Das sitzt erschütternd abgeklärt für einen 20-Jährigen.

Die Glenfiddich-Whiskey-Flasche ist drei viertel leer. Zach Condon gießt nach und bietet mir ein Glas an. Dann fingert er nervös an seiner Zigarettenschachtel der Marke F6 herum, steckt sich eine Kippe in den Mund, zieht den Rauch tief in die Lunge, lehnt sich zurück und lächelt bemüht. Gerade hatte er sich von Joachim Hentschel, Autor von FAS und Rolling Stone, verabschiedet. Er bedankte sich bei Zach Condon und bat beim Abschied darum, weitere Fragen per Mail schicken zu dürfen. Kurzes freundliches Händeschütteln. Und der Nächste bitte! Drinnen im Hotelzimmer ist es dunkel. Es riecht nach Alkohol und kaltem Zigarettenrauch. Die Jalousie vor einem der Dachfenster ist zugezogen. Ein anderes halb geöffnet. Eine Treppe führt hoch auf einen Balkon. Draußen steht ein Fasadenrest des Kreuzberger Anhalter Bahnhofs verloren und geschichtsträchtig im trüben Spätsommerabendlicht. Dahinter ragt das Berliner Postbank-Hochhaus in den bewölkten Himmel.

Nach Hause

Zach Condon hat auf professionellen Interview-Modus geschaltet und plaudert sofort drauflos. Es ist 17.30 und Zach Condon hat gleich frei. Die Erleichterung darüber ist ihm anzumerken. Wir stoßen an. Der Whiskey wärmt und beruhigt. Am nächsten Tag in Hamburg erwartet ihn in etwa das gleiche Programm. Gestern hat er einen ganzen Nachmittag mit einem Spex-Autor verbracht. Alle anderen Journalisten bekamen kompakte halbe Stunden-Schichten zugewiesen. Das Interesse an Zach Condon ist groß, denn seine und die Geschichte seiner Band Beirut ist das schönste Popmärchen seit Brian Burtons Erfolg als DJ Danger Mouse, Gnarls Barkley und schließlich Gorillaz-Produzent.

Angefangen hat die öffentliche Geschichte von Zach Condon vor zwei Jahren, als die amerikanische Blogger-Szene den Multiinstrumentalisten entdeckte und ihn zum Star hochschrieb. Vieles an Zach Condons Geschichte ist so unwahrscheinlich wie märchenhaft. Ein 15-jähriger Teenager in Santa Fe, New Mexiko, voller Wut und Sehnsucht im Bauch, begeistert sich ausgerechnet für die Theatralik französischer Chansons und die Folklore des Balkans. Er hört die feingeistigen Songs von Steven Merritt alias Magnetic Field und den eleganten Dub von Thomas Fehlmann. Er sieht Filme von Emir Kusturica, spielt Ukulele, Trompete und Akkordeon, während seine Altersgenossen noch high vom Testosteron-Rausch der Mosh Pits auf Green-Day-Konzerten schlechte Punk Bands gründeten.

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Zach Condon will nichts sehnlicher, als dieses pubertäre Mittelmaß hinter sich zu lassen. Er eckt an und fliegt von vier Schulen. Er hat nicht mal einen High-School-Abschluss. In der europäischen Musik, in den Chansons von Jacques Brel oder der feierlichen Melancholie der mazedonischen Folksmusik, meint er alles das zu finden, was er in Santa Fe New Mexiko vermisst: große Geschichte, das Authentische einer weit zurückreichenden Tradition und epische Gefühle. Im Alleingang spielt er sein Debutalbum “The Gulag Orchestra” ein. Das machte erst im Internet Furore. Europäische Labels rissen sich um die Lizenzierung. Der englische Traditions-Indie 4AD erhielt schließlich den Zuschlag.

Die Musik von Beirut ist voller Heimweh nach einem imaginären Zuhause. Zach Condons Sehnsuchtsort liegt in der Musik selber – das macht ihren Zauber und ihre Dringlichkeit aus. Wenn sein Gesang vollstimmig über den schunkelnden 3/4-Takt wiegt, wenn Condon zu seinem sehnsuchtsvollen Trompetensolo ansetzt, dann klingt das, als käme es direkt aus einem Herzen voller trauriger Weisheit. Dann möchte man kaum glauben, dass diese Musik von einem 20-Jährigen erdacht wurde – so reif, selbstgewiss und wissend klingt sie.

Weltflucht

“Musik war alles, was ich hatte. Ich wollte unbedingt raus damals. Die Musik war meine Weltflucht. Eine Art falsche Nostalgie”, sagt Zach Condon und kommt auf den französischen Autor Raymond Queneau und dessen Roman “Zazie in der Metro”. Das Buch handelt von dem kleinen Mädchen Zazie, das in Paris ihren Onkel besuchen muss, damit ihre Mutter zwei Tage bei ihrem Liebhaber bleiben kann. Zazie läuft weg und erkundet das schillernde Paris auf eigene Faust. “Einerseits ist das Buch voller dunklem Zynismus. Aber auch Queneau spielt mit den französischen Klischees, mit der Phantasiestadt Paris. Meine Musik folgt auch diesen romantischen Vorstellungen, aber in den Texten und den Songtiteln kommt etwas Düsteres dazu. Ein Instrumentalstück heißt ‘Banlieu’. Es bezieht sich auf die Krawalle in den Pariser Vorstädten. Den Kontrast zwischen Ideal und Wirklichkeit finde ich sehr spannend.”

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Das neue Album “The Flying Cup Club” beginnt mit einem Intro “A Call To Arms”. Das klingt wie eine Kriegserklärung. Zach Condon wiegelt ab, als ich ihn darauf anspreche, und erzählt: “An meinem 21. Geburtstag war ich besessen von Blechbläsern, Hörnern, Trompeten.” Er zeigt stolz die zwei tätowierten französischen Jagdhörner, die sich über seine Unterarme und über die Innenseiten des Handgelenke ziehen. Dann fährt er fort: “Jeremy Barnes, der bei der Band ‘A Hawk and a Hackshaw’ spielt und für mich ein wichtiger Freund und Mentor ist, schenkte mir ein Buch über die Geschichte der Blechbläser. Darin war auch eine Muschel abgebildet, auf der philipinische Stämme ihre Kriegssignale geblasen haben. Ich erinnerte mich daran, dass ich zu Hause eine solche Muschel hatte, baute sie zu einem Instrument um und spielte darauf diese drei archaischen, langgezogenen Töne. Ich wollte diese Aufregung, die das Schreiben der Stücke auf der Platte für mich bedeutete, in den Kriegssignalen widerspiegeln.”
Für einen kurzen Moment schweigt er. Krieg ist eine Metapher für Leben? “Ja, genau. Zumindest das Album zu machen hat sich manchmal so wie Krieg angefühlt.” Er schweigt erneut ein paar Sekunden. Er wolle nicht zu pathetisch klingen, meint er dann.

Krieg ist Leben

Eigentlich hat Zach Condon alles erreicht, wonach er sich als 15-Jähriger in Santa Fe sehnte. Beirut gelten als mitreißende Live-Band. Zach tourt um die Welt. Er spielte mit seinen mazedonischen Vorbildern dem “Kocani Orkestar” echten Balkan-Folk. Dabei habe sich etwas wie ein Betrüger gefühlt, meint er lachend. Er wohnt mittlerweile in New York. Bis vor kurzem sogar für ein paar Monate in Paris. Doch letztes Jahr mussten Beirut eine Tour absagen. Zach Condon wurde wegen Erschöpfung in ein Krankenhaus eingeliefert und war gezwungen, eine Auszeit zu nehmen.

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So richtig gelöst haben sich die Anspannungen vom letzten Jahr noch nicht. “Ich bin so ruhelos wie zufrieden”, sagt er und nimmt einen letzten Schluck Glenfiddich-Whiskey. “Ich lebe das Leben, dass ich als Kind unbedingt wollte. Aber das ist eben auch sehr nervenaufreibend. Es ist sehr gefährlich, sehr unsicher. Es kann dich zerstören, wenn du es zu sehr an dich heran lässt. Ich möchte hier nicht zu dramatisch klingen. Aber du bist ständig in Panik, weil du dich immer fragen musst, was du als nächstes machen willst. Du stehst ständig unter Strom. Wie zur Hölle bringe ich nun zum Beispiel das Album auf die Bühne.” Im Fahrstuhl auf dem Weg zur die Hotellobby erzählt er, wie wohl er sich in Paris gefühlt hat, und dass er sich in Brooklyn immer noch wie ein Tourist vorkommt. “New York ist seltsam und kaputt. Irgendwie unwirklich. Ich frage mich immer, wie diese Stadt  überhaupt existieren kann.” Im November kommt Beirut auf Europa-Tour. Und auch nach Paris. “Nach Hause”, sagt Zach Condon.    
http://www.myspace.com/beruit

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Elektronische Lebensaspekte.

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