Wenn man in seinem Mode-Conceptstore schon keine Erklärungstafeln neben die Kollektionen hängen kann, dann gibt man eben ein Magazin heraus. "Bell" ist Text, Konzept und Wühlbox in einem.
Text: Chris Köver aus De:Bug 99


Heft in der Dose

“Wir versuchen, den Konsum in unseren Räumen aus der Banalität der oberflächlichen Sinnesreizung zu entheben und den einzelnen feilgebotenen Objekten einen Kontext einzuhauchen”, schreibt Fredericke Winckler über Belleville, ihren Mode-Konzeptladen gegenüber der Berliner Volksbühne. Dieser eingehauchte Kontext, das ist eine gemeinsame Farbe (neben Weiß und Schwarz), die sich durch die gesamte Kollektion zieht, sowie ein Thema, das Fredericke im Vorfeld festlegt. Das, was die gelernte Modedesignerin mit Belleville betreibt, nennt man im Kunstfeld kuratieren: Konzept ausdenken, passende Arbeiten anderer Leute suchen, unter einem eigenen Gesichtspunkt zusammenstellen und zeigen. “Die Kunst soll von anderen kommen und von uns dann in den Rahmen gesetzt werden”, so Fredericke konsequenterweise.

Weil dieser Ansatz in einem Laden jedoch nur sehr begrenzt umzusetzen ist – schließlich kann man schwer neben jede Jacke eine erklärende Wandtafel mit der Designphilosophie des jeweiligen Labels hängen –, gibt es jetzt Bell. Bell bewegt sich irgendwo an der Schnittstelle von Modemagazin, Kunstmultiple und Wundertüte. Verpackt sind die einzelnen Ausgaben in einer schlichten schwarzen Box, der neben dem eigentlichen Heft auch Aufkleber, Poster und weitere Objekte der beteiligten Künstler- und Designer/innen beiliegen. Das liegt gut in der Hand, besticht – wie auch der Laden – durch eine schlichtes Design und befriedigt zudem den kindlichen Wühltrieb, der einen früher schon auf großelterlichen Dachböden in staubigen Schuhkartons stöbern ließ. Und: Bell leistet das, was Belleville nicht leisten kann, bietet als Printmedium Raum für Texte, Interviews und den ganzen wort- und konzeptlastigen Teil der im Laden käuflichen Mode. Der Katalog zur Ausstellung sozusagen. Die erste, im November erschienene Ausgabe zum Thema “Zeit” versammelt Interviews mit und Beiträge von Leuten aus so unterschiedlichen Bereichen wie Musik (Kazumi, João Orecchia), Architektur (Tordis Berstrand), Photografie (Cyril Sancereau) und Design (Frederique Daubal). Ergänzt wird das Ganze durch Literaturschnipsel und passende Buchempfehlungen. Wie die gesamte Box sind die einzelnen Beiträge dabei eher eine lose Ansammlung als eine wirkliche Zeitschrift, zusammengehalten allein durch das gemeinsame Thema.
Was in Bell auffälligerweise nicht vorkommt, ist – Mode: “Es war von Anfang an klar, dass Bell kein reines Modemagazin werden soll, denn das ästhetische Interesse unserer Kunden ist nicht auf Mode begrenzt. Außerdem kommen die Leute, die etwas zum diesmaligen Thema ‘Zeit’ zu erzählen haben, nicht nur aus der Mode.” Dass Bell bei all dem weitestgehend ohne Bilder auskommt, ist einerseits konsequent – schließlich geht es auch gerade darum, sich von hochglänzenden, jedoch inhaltsarmen Modemagazinen abzusetzen –, macht den Lesegenuss jedoch etwas trocken. Trotzdem bleibt Bell ein interessantes Experiment, das einen gespannt auf die nächste Ausgabe zum Thema “Entropie” warten lässt.

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Elektronische Lebensaspekte.