Ein Resident im Berghain in Berlin darf gerne kompromisslos mit Musik prügeln, Hauptsache es wird nicht weichgespült. Nach der Düsternis, tja, kommt trotzdem die Melodie.
Text: Fabian Dietrich aus De:Bug 104


Ben Klock
Boxen anbeten

Drehen wir zu Beginn den Spieß doch einfach einmal um. Nicht der Text fragt die Musik, sondern die Musik den Text. Was hätten sie denn gerne? In der Ecke sitzt Ben Klock, DJ und Produzent, bekannt aus dem Berghain in Berlin, eigene Veröffentlichungen auf WMF, BPitch, Memo und Ostgut-Ton. Kein übermäßig hungriger Konsument von Musikzeitschriften. Trotzdem, die im Raum stehende Frage lautet erst mal wie folgt: Was ist ein guter Text? In welcher Sprache redet man über Techno, und in welcher Sprache tut man das besser nicht? Dazu Ben Klock: ”Manchmal ist es mir ein bisschen zu pseudo-intellektuell. Ich mag Leute, die auf dem Boden bleiben. Oft gibt es diese künstlich erzeugte Tiefe, ein Intellektualisieren von Dingen, die man auch ganz einfach ausdrücken könnte. Wo Zitate herangezogen werden, die dann auch nicht mehr hermachen. Da wird versucht, dem Ganzen mehr Sinn zu geben, als es hat. Manchmal ist es mit Musik eben einfach nur so: geil, knallt, ist fett. Auf der anderen Seite stimmt das ja auch nicht ganz, ich denke auch über die Musik nach, denke über Minimalisieren nach und so weiter.”
Aus der Perspektive des nächsten Tages heraus betrachtet ist der Sinngehalt von Techno vielleicht wirklich manchmal ein flüchtiges Biest. Beispiel gefällig? Im Hardwax, seinem Lieblingsplatttenladen, hatte Ben Klock sich vorhin eine Platte geben lassen. Cajmere, ”Percolator“, mit einem Green-Velvet-Remix darauf. Ben hatte die Zähne gebleckt und so etwas gemurmelt wie: ”Wenn es noch mehr solcher Cajmere-Platten mit Green-Velvet-Mixen gäbe, die ich nicht kenne, das wäre dramatisch.“ Diese Platte hatte jedenfalls Carl Craig letztes Wochenende gespielt: ”It’s time for the Percolator! – it’s time for the Percolator”. ”Zeit für die Kaffeemaschine! – Zeit für die Kaffeemaschine!“ Ein Klassiker, ein toller Track, aber auch eine selten stumpfe und bekloppte Platte, wenn man sie nicht zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu hören kriegt. Der richtige Ort, das ist für Ben Klock das Berghain in Berlin. Da würden die Leute durchdrehen und zu den Boxen beten, wenn Cajemere hundert Mal am Stück ruft ”Zeit für die Kaffeemaschine! – Zeit für die Kaffeemaschine!“ Das ist der Club der He-Männer. Ein brummender Kasten aus Stahl, Schweiß und Beton. Hier, erzählt er, habe er zum ersten Mal erlebt, dass Musik so klingt, wie sie gedacht ist. Dass der Bass bounct wie ein dicker Ball, dass man härter sein darf als anderswo, dass man nicht den Partyclown geben muss, wenn man Platten spielt. Im Berghain, erzählt er, wird eine Idee verfolgt, und zwar kompromisslos. Dass der Club eine Inspirationsquelle von Ben Klock ist, wird schnell klar. Dafür muss man eigentlich nur in einige seiner Platten hineinhören. ”Big Time“ auf BPitch zum Beispiel hat den Charme eines verlassenen Industrieviertels, düstere raue Elemente und kurze Alarmsirenen, aus denen sich im Verlauf der Tracks hymnische Meldodien herausgraben. In ”eine Euphorie ausbrechen“ hatte Klock das, glaube ich, genannt, dieses Spiel mit der Melodie, das auch auf seiner bislang erfolgreichsten Platte, ”Dawning“ (gemeinsam mit Marcel Dettmann), zu hören ist. Da wartet man und denkt plötzlich an Blade Runner, die Apokalypse und Anne Clark, und vielleicht auch an ”geil, knallt, ist fett“, weniger wahrscheinlich an Poststrukturalismus, Hermeneutik und den tieferen Sinn einer Kaffeemaschine aus Chicago.

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Elektronische Lebensaspekte.