Ben Nevile setzt in Vancouver Laptop, Joystick und Trackball ein, um im Vorbeigehen House-Tracks der dritten Art zusammenzuscrollen. Ein weiterer Künstler poppt in unserem Kanada-Fenster auf und beweist die Vorzüge von nationalem Sarkasmus.
Text: sascha kösch | bleed@de-bug.de aus De:Bug 50

Winnipeg Max
Ben Nevile

“Information about Ben Nevile is scarce, but we do know that he’s a DJ in Vancouver. Rumor has it he designs brand new ways to make and perform house music with computers. Friends of Ben from Winnipeg, his prairie home for more then 20 years, say he was often late for class, and that he was a big fan of the TV shows Degrassi Junior High and Little House on the Prairie. Credible sources confirm that he now prefers to live without a TV.”
taken from a promosheet for Context06/07/08 http://www.context.fm

Ben Nevile arbeitet bei Cycling 74. Das ist nicht irgendeine Software Firma, sondern eine der Hauptverantwortlichen dafür, dass die Welt heute, wenn die Welt die Bühne ist, mit kleinen Mac Laptops bevölkert ist. Ihr Max/MSP ist trotz des etwas kruden Namens schon die Standardsoftware für elektronische Liveauftritte geworden. Und Software ist vielleicht untertrieben. Max/MSP ist mehr so etwas wie eine Programmier Umgebung. Man arbeitet gerne für so eine Firma (so wie andere, z.B. Lazyfish, gerne für z.B. Native Instruments arbeiten), weil man irgendwie sein Leben dies und jenseits der Arbeit zusammenpatchen kann. Nevile kam aus Winnipeg, Kanada, zu kalt im Winter, zu warm im Sommer, spielte in diversen Bands Bass und war ein 70er Progrock Fan. Er zog nach seinem Physikstudium nach Victoria (wärmer), weil es besser zum Segeln ist und man vielleicht zu der 2000er Olympiade hätte gehen können. Aber wie immer wurde nichts draus, denn er entdeckte Aphex Twin und Squarepusher (heiß), wurde elektronischer Musikant und verkaufte sein Equipment für ein Studio in Vancouver. Und dann kam auch noch House in Form der großartigen Vancouver DJs. Ben Nevile hatte ein neues Leben. Und auf einmal viele 12″es.
Nach einem Track auf einer “Nordic Tracks” Compilation, je einer je grade releasten EP für Sutekhs Label “Context” und John Thomas “Logistic Records” Sublabel “Telegram” und mehreren auf “Mosaic” (O’Sullivans Rettung der UK Minimalisten) in der Tasche, arbeitet er zur Zeit ständig an neuen Programmen für Max/MSP für Liveperformances. Digitale Musik ist kurz davor, nicht nur das Live vs. Aufnahme Paradigma umzudrehen, sondern diese Differenz zugunsten einer neuen von Programmierung vs. Effektuierung zu verschieben. “Ich bin ein ziemlicher Techniker. Zwar habe ich ein Studio voller Drummachines und Synthesizer, aber anstatt einen Sequencer zu benutzen, mache ich lieber Programme in Max, die mich mit den Tracks über Midifader, Joysticks usw. ‘spielen’ lassen. Wenn ich glaube, dass ich genug Kontrolle über die Dynamiken eines Tracks habe, dann nehme ich das Ganze eher als Performance auf und versuche ihm noch eine Dimension von Emotion zu geben. Es ist schon ein wenig verrückt. Ich benutze mein Laptop, Joystick und Trackball, um in die Sounds hereinzuzoomen, in ihnen herumzuscrollen und dabei die Tracks im ‘Vorbeigehen’ zu remixen.”
Kinder, klingt das nach dem üblichen DSP Krach oder was? Falsch. Ben Nevile geht nämlich am liebsten in die House Clubs der Stadt, um zu tanzen – wenn er nicht grade diverse Frisbee Sportarten wie Golf, Ultimate oder, Freelancing für Wired betreibt oder mit Freundin und Schwestern Zeit verbringt. Und wird nicht müde zu erwähnen, dass Vancouver (genau) die unglaublichsten House DJs hat, Milligan der beste DJ der Welt ist, Akufen ein fantastischer Producer und alle Kanadier der Plural von Sarkast sind, weil sie sich alle von dem kleinen großen Land unter ihnen überrannt fühlen. Es geht doch nichts über ein wenig Sarkasmus, wenn man gute Tracks macht, schließlich hat man die Distanz zum Langweiligen da schon irgendwie in sich selbst gepatcht.
Was für Pläne kann man da noch haben? “Ich werde im September wieder nach Victoria ziehen, um einen Masters Degree in Musik und Electrical Engineering zu machen, weil ich an besseren Kontroll Sytemen für Musik und neuen Wegen für das Interfacing von Computern und das Verbinden mit Musik arbeiten will.” Als Nebenprodukt großartig intensiv swingende House-Tracks der dritten Art zu machen, wird da wohl essentiell dazugehören.

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Elektronische Lebensaspekte.