Deepness Multiplikator
Text: Christian Kinkel aus De:Bug 159

Die Waliser Benjamin Damage und Doc Daneeka mögen Sonnenaufgänge und die Berliner U-Bahn. Bei dem Versuch sich von Referenzen frei zu machen, übersetzt ihr Debütalbum aber genau diese Dinge in Deep-House und Breakbeat. Ein neues Stück Identität für 50 Weapons, im Studio von Modeselektor zusammengehauen.

Als hätte Deep House momentan nicht genug Aufmerksamkeit, machte sich das Ungetüm im Laufe des letzten Jahres geschickt auch noch am Spieltisch der aktuellen Breakbeat-Referenzen breit und lässt sich dort regelmäßig Asse in den Ärmel stecken. Damit lässt sich der Pott im Spiel um den nächsten heißen Scheiß natürlich mit Leichtigkeit gewinnen und Acid sieht alt aus. “They! Live”, das Debütalbum von Benjamin Damage und Doc Daneeka, ist so ein Ass. Geschickt arbeitet das Produzentenduo in die weitgehend gerade Struktur ihrer neun Stücke Anleihen aus Dubstep, Drum & Bass oder UK Funky ein und geben ihnen ein neues, deepes Zuhause im 120-BPM-Bereich.

UK Funky und Synthie-Bretter
Mial Watkins alias Doc Daneeka hat es sich auf dem Sofa im De:Bug-Office gemütlich gemacht, Ben weilt gerade in Kanada und ist uns per Skype zugeschaltet. Das Duo stammt aus Swansea im südlichen Teil von Wales, wo sie sich vor etwa zehn Jahren kennengelernt haben. Ben und sein Bruder zeigten Mial, wie man mit dem Computer Musik machen kann, Logic, Cubase und den Rest der Palette. Seitdem produzieren sie fleißig. Nicht zwangsläufig zusammen, aber durch stetige gegenseitige Hilfestellungen zumindest in einem gemeinsamen Prozess. Deshalb schlagen ihre Solo-Releases auf unter anderem 50 Weapons und Ramp Recordings wohl auch in die gleiche Kerbe und frönen dem tief in ihren britischen Wurzeln verankerten Breakbeat – allerdings mit jeweils unterschiedlichem Einschlag. Doc Daneeka bedient vor allem die UK-Funky-Schiene und schraubt Stücke mit afrikanisch anmutenden Rhythmuspatterns, die sich teils in die seltsame Moombathon-Mashup-Schublade stecken lassen. Benjamin Damage versucht derweil seine Extreme auszuloten. Dazu gehören eher deepe Four-to-the-Floor-Nummern, die bereits die aktuelle Richtung erahnen lassen, wie auch Whatever-Step und Synthie-Bretter, dass einem schwindelig wird. Die Zusammenarbeit sollte daran einiges ändern.
Als Ben endlich per Skype zugeschaltet ist, sehen wir ihn in einem riesigen, weiß gestrichenen Büro sitzen, in dem er uns sogleich unaufgefordert und sichtlich stolz, als wäre es sein eigener Start-Up-Tempel, herumführt und uns seine Freundin vorstellt, die an einem der wenigen Schreibtische scheinbar einsam vor sich hin arbeitet. “Ich habe seit langem mal wieder nichts zu tun und weiß gar nicht, was ich nach dem Aufstehen machen soll“, beklagt sich Ben schmunzelnd und erklärt damit implizit seinen Bart.

Unschärfe
Gemeinsam verfolgten Benjamin Damage und Doc Daneeka nun eine von ihren vorangegangenen Produktionen abweichende, soundästhetische Idee, die im Frühjahr des letzten Jahres zu ihrem ersten Release “Creeper” auf 50 Weapons führte. Langsamer, deeper, dunkler und mit einer gewissen Unschärfe in den Sounds schwebt das weitgehend gerade Stück in Deep-House-Manier mit gedämpftem Breakbeat-Einschlag über den Dancefloor. Doch die ohnehin nur die halbe Wahrheit erzählende UK-Bass-Schublade möchte man hier nicht aufmachen, das Stück ist einfach zu langsam und deep, um dort wirklich hineinzupassen. “Wir mochten die Richtung, die wir mit Creeper eingeschlagen hatten, und wollten unbedingt mehr in dieser Stimmung produzieren“, erklärt Mial mit seiner beruhigenden Kinderhörspiel-Erzählerstimme. “Das Album lag also zu diesem Zeitpunkt bereits in der Luft.” So wurde Creeper als Ausgangspunkt von “They! Live” im Album-Edit mit auf die Tracklist genommen. Auch Modeselektor waren von dieser Stimmung so begeistert, dass die Entscheidung, sowohl die Single als auch das Album auf 50 Weapons zu signen, innerhalb von Minuten gefällt wurde. Für die Albumproduktion wurden Ben und Mial dann sogar in das Modeselektor-Studio nach Berlin eingeladen.

Sonnenaufgang und U-Bahn
Auf die Frage, ob sie Berlin beeinflusst hätte, reagieren beide mit simultanem Kopfnicken. Trotz der sehr knappen Deadline von 10 Wochen ließen sie regelmäßig die sprichwörtliche Sau raus. “Wir sind in Wales einfach nicht mit Four-to-the-Floor aufgewachsen. Hier hat jeder Zweite Jungle gemacht. Insofern war diese Techno- oder vielleicht eher Deep-House-Erfahrung sehr prägend für das Album. Ein Freund sagte, das Album klinge einerseits wie die Berliner U-Bahn und andererseits wie ein Berliner Sonnenaufgang. Das trifft es sehr gut. Das waren genau unsere Einflüsse“, erzählt Mial lachend. Das trifft den Kern der Sache tatsächlich recht gut, denn auf der einen Seite widmet sich “They! Live” den dunklen Tanzflächen mit treibenden Beats auf der Schnittstelle zwischen Deep House und UK Bass, die auf der anderen Seite von Kadenzen mit Hymnen-Charakter Richtung Sonnenaufgang gelotst werden.
Zu der Sonnenaufgangsstimmung führt zusätzlich die Stimme von Abigail Wyles. Anstatt ihr den Soul aus dem Leib zu kitzeln, wurde dieser durch Effektbelegungen eher verschleiert und ihre Vocals auf den drei Tracks zum Deepness-Multiplikator erklärt. Vor allem “Halo” gibt einem dieses leicht melancholische, aber gleichzeitig nach vorne blickende Gefühl nach dem Verlassen des Clubs am frühen Morgen, wenn sich die britische Sängerin begleitet von tröpfelnden Percussions immer wieder sanft und unprätentiös aus dem LFO quält. Für “No One” wurde ihre Stimme heruntergepitcht und verleiht dem Stück in Verbindung mit den warmen Chords gar Burialeske Züge – zumindest bis die ersten treibenden Hats hinzukommen. “Es geht uns um Stimmung und Atmosphäre. Das ist alles“, weist Ben die Frage nach Referenzen und Inspirationen zurück.

Der Geist von Modeselektor
Nicht nur Berlin an sich stellte eine große Faszination für Ben und Mial dar. Auch die Einladung in Modeselektors Studio sollte sich nachhaltig in “They! Live” niederschlagen. “Es war einfach großartig, dass wir ihre Geräte benutzten durften. Sie kamen auch oft persönlich ins Studio, während wir produziert haben und gaben uns Tipps und Bestätigung für unser bisheriges Schaffen. Man könnte sagen, sie haben uns ein wenig an die Hand genommen. Das war wirklich toll“, schwärmt Mial und lässt diese Begeisterungsfähigkeit zu einem sehr sympathischen roten Faden des Gesprächs werden. Und die leicht kratzigen, unscharfen Synthie-Sounds von “Juggernaut” oder “Deaf Siren”, die durch die warmen Chords wieder ins Gleichgewicht gebracht werden, das erinnert in Teilen an “Monkeytown”, das aktuelle Album von Modeselektor, und scheint diese in Richtung Deepness weisende Idee weiterzudenken. “Es ist ganz natürlich, dass unsere Musik dort verglichen wird und Referenzen hat. Im Grunde genommen beeinflusst dich ja alles, was du jemals gehört hast. Dennoch versuchen wir dieses Bewusstsein beim Produzieren auszublenden und uns nur auf das hier und jetzt zu konzentrieren, um so originell wie nur möglich zu klingen“, erklärt Mial, der jetzt Deutsch lernen und in Berlin bleiben möchte. “We love the Grimeyness!” Ben nickt.

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3 Responses

  1. TheLastBeat » Benjamin Damage & Doc Daneeka

    […] Benjamin Damage & Doc Daneeka var addthis_product = 'wpp-262'; var addthis_config = {"data_track_clickback":true,"data_track_addressbar":false};if (typeof(addthis_share) == "undefined"){ addthis_share = [];} Deep House und Breakbeat, das klingt zunächst nach einer sehr fiesen Mischung. Die Betonung liegt auf “zunächst”, denn genau diese Referenzen bringt das walisische Duo aus Benjamin Damage und Doc Daneeka mit. Ihr Debütalbum They! Live, das dieser Tage auf dem Modeselektor-Label 50 Weapons erscheint, besteht nämlich genau aus diesen Zutaten. In gerade einmal zehn Wochen haben die Beiden die Scheibe eingespielt, und dabei fast spielerisch sowohl ihre UK-Rave Einflüsse eingebaut, als auch die aktuelle, gediegene Berliner Houseszene aufgesogen. They! Live ist deswegen auch ein seltsames Album, dass sich mit tief grollenden Basslines, synthlastigen Beats und perfiden Drums aufschaukelt, nur um dann wieder ganz plötzlich in ruhige Vocaltracks abzudriften. Erstaunlich, dass es trotzdem funktioniert. Drüben bei der De:Bug gibt es mehr über die Beiden zu lesen. […]