Deutschlands imposantester Afro-Träger Benjamin Wild setzt aus Frankfurter Kellern zum Höhenflug in den deutschen Househimmel an. Er schüttelt den Swing aus lockiger Pracht. The Wild Sound auf allen Plattformen von Kompakt bis Festplatten.
Text: katja hanke aus De:Bug 56

Die “Festplatten” (Regensburg/Berlin) veröffentlichen eine erste umfassende Werkschau und feiern auf der dazugehörigen Release Tour mit den bekannten Label-Protagonisten die Heiterkeit von Minimalhouse bis Retropop. Mit dabei ist Benjamin Wild, der mit seiner “Born To Be”-E.P. Festplatten definitiv als weiteres ‘cooles’ Label auf seiner Veröffentlichungsliste verzeichnen kann. Er bestätigt erneut die Vielseitigkeit seines House(begriffs), der in seinen Grundzügen vor allem zweierlei ist: minimal und beschwingt. Momentan sieht Benjamin selbst jedoch noch nicht sehr beschwingt aus. Nur wenige Gäste hat es bis jetzt in den Club gezogen. Die Festplatten-Heads Hannes und Andi Teichmann beschallen eine noch leere Tanzfläche. Benjamin Wild blickt sich skeptisch um. Eigentlich wäre er bald dran. “Das wird schon, wir warten noch ab.” Mehr sagt er momentan nicht. Am Nachmittag hat er viel geredet. Er spricht langsam und bedacht, braucht Zeit. Er kann lange Geschichten erzählen, wie zum Beispiel die vom linken Autonomen, der mit seinem Amiga beginnt, elektronische Klänge zu erzeugen. Das ist fast zehn Jahre her.

Wie funktioniert das?
Damals wohnte er in einem Wohnprojekt in Frankfurt. Jemand hatte im Keller seine Anlage mit zwei Technics und Plattensammlung untergebracht. Einmal experimentierten ein Freund und er mit neuen Sounds und beschlossen, den Computer mit der Anlage im Keller zu verbinden. Aus einem Abend wurden zwei Wochen, der Freund ging zum (Kurz-)Film und Benjamin blieb im Keller und bei elektronischer Musik. Er und der Eigentümer der Anlage – Pino Shamlou (Stir15, Separée, Bittersweet) – borgten sich weitere Synthesizer und nahmen sich vor herauszufinden, wie diese Musik funktioniert. In den folgenden zwei Jahren produzierten sie sechs Ambient-Alben für das Frankfurter Label Fax. 1995 trennten sie sich vom Label, senkten ihren Kiff-Konsum und verspürten das Bedürfnis, etwas Neues zu machen: House. Sie zogen in einen neuen Keller und kauften sich bessere Maschinen. In den nächsten zwei Jahren, die Benjamin eine “Phase der Orientierung” nennt, entstanden einige “nicht hörenswerte Platten”: Trance, eine “seltsame House-Scheibe” und Remixe. Zu dieser Zeit fing er an, am regen Frankfurter Nachtleben teilzunehmen und selbständig Musik zu hören: Sensorama, Alter Ego und die darüber vermittelten Detroit-Platten – Einflüsse, die ihm immer noch anzuhören sind. Er begann, allein an Stücken weiter zu arbeiten, um zu sehen, wie weit er gehen, wie weit er minimieren kann, ohne dass das Original verloren geht. Vor drei Jahren zog er nach Hamburg und konzentrierte sich dort vorerst auf sein Studium. Mit dem Entschluss, aus Frankfurt wegzugehen, kam der Erfolg: ein Compilationbeitrag für Perlon und darauf folgend die bahnbrechende Veröffentlichung bei Kompakt. Hier beginnt eine neue Geschichte, die vom Labelsammler Benjamin Wild. “Auf einmal bekam ich Respekt – weil ich eine Kompakt-Platte gemacht hatte.”

Der Labelsammler
Mittlerweile ist der Club gefüllt, die Gebrüder Teichmann haben die meisten der Gäste auf die Tanzfläche gezogen. Benjamin wippt aufgeregt hin und her. Eigentlich mache er sich keine Sorgen, meint er, nur die Übergänge können manchmal ein Problem sein. Ein verlegenes Lächeln. Dann läuft er los. Er beginnt mit dubbigen, ruhigen Stücken, geht zu schwungvollerem House über, bei dem auch mal Disco durchschimmert und Xylophonmelodien fröhlich klimpern, und schließt mit warmen, funkigen Klängen, die jeglicher Verzierungen entledigt sind. Minimalismus in seiner vollen Vielseitigkeit. So vielseitig wie die Musik an sich sind auch die Labels, auf denen er bisher veröffentlicht hat: Force Tracks, Infarkt, Kompakt, Decode, Perlon, Festplatten. Dazu Compilationbeiträge für Raum…Musik, Elektrolux, Dial und eine Zusammenarbeit mit dem Hamburger meta.83 für die aktuelle Poker Flat Compilation. Die Namen stehen für sich. Doch eigentlich sei er nicht bestrebt, das “volle Spektrum abzudecken”. Einiges hätte sich einfach so ergeben, doch meistens sei er gezielt vorgegangen. Natürlich entwickle man mit der Zeit auch einen gewissen Ehrgeiz. Einen Sammlerinstinkt würden andere es nennen. Dennoch: Benjamin möchte lediglich für Label arbeiten, von denen er denkt, dass “tatsächlich etwas dahinter steht”. Eines dieser Label ist Source, für die momentan eine Produktion im Gespräch ist. Wenn er von diesen Plänen redet, wird er enthusiastisch. “Die sind ein bisschen frickelig-elektronisch. Sehr ausgewählt.” Die Frage nach einem ‘Zuhause’ lässt ihn kurzzeitig verstummen. Gute Frage, meint er, doch nein, ein Label, das er sein Haus-Label nennen würde, gibt es nicht. Auch wenn er sich bei Festplatten momentan gut aufgehoben fühlt. Benjamin Wild scheint in der Menge und Unterschiedlichkeit der Labels sein Zuhause zu haben. Er möchte unterschiedliche Plattformen nutzen, um “Benjamin Wild Platten” zu veröffentlichen: Platten, die einen Zusammenhang ergeben und eine Künstleridentität kreieren. Benjamin Wild als Marke. “Dann ist es eben nicht mehr die aktuelle Festplatten oder Force Tracks, sondern die aktuelle Benjamin Wild.” Diese “Benjamin Wilds” zeichnen sich neben ihrer Vielseitigkeit vor allem durch eine gewisse Art von Zurückhaltung aus. “Das finde ich gerade an Minimalismus interessant. Meine Platten sind ja zurückhaltend, aber bringen trotzdem was rüber. Das ist die Kunst daran.”

Schön zu tanzen, schön zu hören
Nach seinem Set steht Benjamin neben der Tanzfläche, wippt mit dem Kopf und nippt dabei an einem Glas Sekt. Er wirkt erleichtert. Ja, er sei recht zufrieden, es war ein gutes Set. Dann beginnt der eigentliche Abend: tanzen und Spaß haben. Tanzen ist ihm wichtig. Er kann nicht verstehen, dass viele DJs nicht mehr zur Musik anderer tanzen. Tanzen ist für ihn die persönliche Verarbeitung der Musik, das Sich-Entfalten-zur-Musik. Darum stellt er generell den Anspruch der Tanzbarkeit an seine Stücke. Das bedeutet wiederum nicht, dass jedes Stück ein purer Club-Track sein muss. Die Zurückhaltung macht’s möglich. Und so bewegt er sich in einem weiten Feld von fett groovend bis jazzig swingend – immer mit einem Ohr für das Spezielle, für Details. Das beweist die kürzlich auf Force Tracks erschienene “Afuro EP”. Diese Platte kann man außerdem als einen Wendepunkt in seinem Leben betrachten. An zwei Stücken hatte er kurz vor seinem dritten und letzten Versuch gearbeitet, eine Uni-Klausur unter hohem Druck zu meistern. Den Stücken ist davon nichts anzuhören: locker ziehen sich Dubsounds über elegante Housegrooves, Perkussions wirbeln in den Zwischenräumen und eine warme, tiefe Bassline weist gelassen den Weg nach vorn. Die Platte ist ein Hit, die Klausur verpatzt und Benjamin jetzt Vollzeit-Musiker. Das mit dem Studium ist ihm irgendwie peinlich, er flüstert fast, als er davon spricht. Anders betrachtet, ist er eben auf Umwegen an sein eigentliches Ziel gelangt. Musik ist das Studium seines Lebens.

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Elektronische Lebensaspekte.