Jetzt ist es perfekt für mich!
Text: Jan Joswig aus De:Bug 113


Seit drei Alben arbeitet der Amsterdamer Benny Sings an seinem konzeptuellen Feelgood-Songwriting. Denn nichts ist so abgestanden wie Rebellion in der Jugendkultur.

Willkommen zurück: Softrock. Softrock war ein Problem der 70er. Wenn Progressive-Rocker mit ihrem pompösen Hitech-Handwerk nicht spirituell philosophische Weltenbeweger mimen wollten, sondern Schmusebärchen für den Kaminflokati, spielten sie Softrock. Cream waren Progrock, Eric Clapton solo Softrock, Genesis waren Progrock, Phil Collins solo Softrock. “In the air tonight“, 98 Spuren im Studio und keine Eier in der Hose. Ein tolles Genre. Eine aufgeweckt emanzipierte Songwriterin wie Justine Electra nennt ihr Album nicht umsonst “Soft Rock“.

Punks empfanden die saturierte Zurückgelehntheit der Softrocker immer als Affront, aber keine linke Rebellion stank je so nach dämlichem Männerschweiß wie die der Punks. Tim van Berkestijn aka Benny Sings wollte nie Punk sein, auch kein Protestsänger oder Rebell. Das ist alles nur was für gute Schwiegersöhne. Nein, Benny Sings liebt Feelgood-Pop aus dem Chords- und Melodieverständnis des Softrock. Nette Musik, das ist Hardcore. An dem Projekt arbeitet weltweit nur eine kleine Elite. Mit der Liga international erfolgreicher Entertainment-Charmeure, mit Mocky und Jamie Lidell, ist er denn auch gut befreundet. Klar, an ihrer Liebe zu nonchalanten Klimpereien sollst du sie erkennen.

Benny lebt in Amsterdam, in der Hälfte der Stadt, die nicht von Pot, Sex und Erdbeertörtchen im Würgegriff gehalten wird. In einem kuscheligen Housing Project wohnt er nur einen Steinwurf von Aardvarck und Steven de Peven vom Amsterdamer Label Rush Hour entfernt. Mit dem Label, das zwischen Detroitspielereien und jazzigem Freistil changiert, verbindet ihn der jazzige Freistil. Vor dem Eingang steht sein rosafarbenes Postfahrrad, in seinem Wohnstudio rosafarbene Drums und rosafarbener Bass. Der Einheitslook ist vom Styling für sein erstes Video übrig geblieben. Opfer muss man bringen. Für sein aktuelles Video hat er sich die Haare scheren lassen, auch die Augenbrauen. Es hat sich gelohnt. So konzeptuell konsequent Benny arbeitet, so leger aus dem Handgelenk wirkt das Ergebnis.

Wir setzen uns an den Küchentisch, an dem auch das Foto für sein drittes Album “Benny Sings … at home“ entstand. Ich spiele ihm den verschollenen 60s-Folker Leonard Schaeffer vor, der auf Warner, der Heimat von Kunstfolkern wie Van Dyke Parks, Randy Newman oder Hirth Martinez, ein Album voller verschmitzt jungshaftem Oldtime-Piano-Pop eingespielt hat. Ein Bruder im Geiste, auch in den Lyrics:

A horse is big, it’s true indeed
A cow is big, it’s true indeed
But what about the little things
That jump around the candy rings and have
Such a wonderful time that they almost forget
There bottle of wine

Wenn daraus nicht die gleiche Begeisterung für die kleinen Freuden spricht wie aus Bennys “No more drinks“:

See your number on my mobile,
but the truth is I can’t recall your face
Awful
I can’t seem to move my ankle
And my pillow show some traces of dry blood
Awful
Why do I have to lay down on the dancefloor?
No more drinks for me

De:Bug: Leuchtet dir die Verbindung zu Leonard Schaeffer ein?

Benny Sings: Schon … aber es ist Folk. Ich habe Probleme mit Folk, hatte ich schon immer. Wie heißt dieser berühmte Protestsänger? Bob Dylan. Das mag ich gar nicht. Aber “Here I come again“ von Dolly Parton ist ein großer Alltime-Favorit von mir. Oder “Rainbow Connection“ von Kermit, dem Frosch aus der Muppet-Show. Es ist ein Folksong mit Banjo und ein riesiger Einfluss für mich.

Der Softrock
De:Bug: Die meisten Leute hören aus deiner Musik den perfekten Link zwischen Raregroove und Songwriting heraus. Mich fasziniert aber viel mehr der Verweis auf 70s Softrock.

Benny Sings: Yeah! Ich liebe das Zeug. Natürlich gibt es grausamen Softrock. Aber Michael McDonald ist cool. Michael Franks. “What a fool believes“ von den Doobie Brothers ist eine unversiegbare Inspirationsquelle. Es sind die Chords, die mich erwischen. Und ich mag die naive Atmosphäre. Softrock täuscht kein spezielles Image vor. Es sind Nerds, die Musiker-Musik machen. Das finde ich sehr erfrischend. Heute brauchst du einen bestimmten Look, einen bestimmten Snaresound. Softrock konzentriert sich nur auf Chords und Melodien.

De:Bug: Punkrock hielt Softrock für die prätentiöseste Scheiße der Welt.

Benny Sings: Ich mochte es immer. Von 0 bis 12 liebst du es. In der Pubertät ist es kurz uncool. Später liebst du es wieder.

De:Bug: Du glaubst, es ist nur ein nostalgischer Reflex? Ich denke, es ist eine Befreiung vom krampfigen Cool-Diktat der Pubertätszeit.

Benny Sings: Es ist beides. Halb eine Rebellion gegen den Rebellionszwang, halb ein Zurückkriechen in den Mutterbauch.

De:Bug: Was verbindet dich mit Mocky und Jamie Lidell?

Benny Sings: Wenn du einen Song mit einem Ping, Ping, Ping auf dem Piano beginnen lässt, denkst du automatisch: Was ist das, ein Witz? Aber es ist nicht als Witz gedacht, ich mag solch Geklimper auf dem Piano. Mocky und Jamie auch. Mit Jamie teile ich die Konzentration auf den Song. Keine Störgeräusche oder irgendwas Rebellisches. Keine lauten Gitarren, nur Chords, purer Pop.

De:Bug: Viele Bands haben das Bedürfnis, die Schönheit ihrer Chords durch Lärm auszugleichen. Aus Pietät.

Benny Sings: Wie Sonic Youth? Das stimmt. Bei mir ist es mehr eine Bewegung gegen die elektrische Gitarre, der Versuch, das Piano gegen die Gitarre zu setzen.

De:Bug: In den 90ern positionierte man das Laptop gegen die Gitarre, in den 2000ern das Piano?

Benny Sings: Vielleicht. Die Gitarre steht immer gegen etwas, das ist normal.

De:Bug: Warst du auf dem Konservatorium?

Benny Sings: Ja, aber es war eine Klasse für elektronische Kunstmusik. Man musste keine Noten lesen können, nur verrückten Krach aus dem Computer locken. Ich habe ein Diplom, kann aber keine Noten lesen. Die Zeit hat mir sehr bei meiner Selbstfindung geholfen. Es ging ständig um die Neuerfindung der Musik, um Originalität. Benny Sings stellte sich als Projekt dagegen, war die Weigerung, original, smarter und mehr voraus sein zu müssen als der Rest. Meine Kommilitonen waren von Wut getrieben, wollten die Welt ändern, waren unzufrieden. Ich bin ein absolut zufriedener Typ, liebe meinen Fernseher. Ich will Feelgood-Pop machen.

De:Bug: Hast du Probleme mit dem Begriff Pop?

Benny Sings: Nein, aber die Definition ist schwierig. Zuerst war Pop nur ein Wort für populäre Songs. Dann wurde es zum eigenen Genre. Heutzutage ist die populäre Musik die Rockmusik. Rock ist Pop. Wenn du deinen Schwiegervater beeindrucken willst, sei ein straighter Rocker. Sage ihm nie, du machst Rosa-Wölkchen-Pop. Das bringt ihn aus dem Konzept.

De:Bug: Wie meinen Vater, als er mich beim Hören von “Love Cats“ von The Cure erwischte: “Aber Junge, das ist doch Pop“, kam es vorwurfsvoll.

Benny Sings: Mein Vater ruft mir immer zu: “Schneller, härter, Junge, du schaffst es.“ “No more drinks“ ist meine Reaktion darauf, mein geheimer Macho-Song, der sagt: “Fuck ya“.

De:Bug: Du wählst diese übertrieben simplen Alben-Titel. Ich kenne Leute, die sich strikt weigern, in ein Album reinzuhören, das “Champagne People“ heißt.

Benny Sings: Das aktuelle sollte eigentlich “Benny Sings Songs“ heißen … Leider war der Druck schon durch. Danach wollte ich mit “Benny Sings Songs Vol.2“, “Benny Sings Songs Vol.3“ etc. weitermachen.

Der Plan
De:Bug: Wie soll das Weitermachen musikalisch aussehen?

Benny Sings: Das erste Album, “Champagne People“, habe ich alleine auf meinem Dachboden eingespielt, nur Beats. “I love you“ verfolgte den perfekten Popsong. Das geht besser mit einer Band. Wenn der Refrain naht, werden Musiker automatisch etwas lauter, euphorischer. Das kann man am Computer nur sehr mühsam simulieren. Mit dem dritten konzentrierte ich mich wieder mehr auf mich selbst, weil mir im Band-Zusammenspiel zu viel Exzentrik verloren geht. In Zukunft werde ich strikt mit dem Sampler arbeiten, Akais MPC 3000. Bei “…at home“ habe ich Livedrums und Livebass addiert. Damit ist Schluss. Wenn ich jetzt ein kleines Bassthema brauche, muss ich zum Flohmarkt gehen und Tonnen von Platten kaufen. Aus dieser Beschränkung wird wieder was sehr Spezielles entstehen.
Die drei vorherigen Alben waren auch von Dogmen bestimmt. “I love you“ war dogmatisch auf die Liveband ausgerichtet. “… at home“ ist dogmatisch in Produktionsdingen. Ich habe nur die absoluten Must-Haves benutzt, den Fender-Jazz-Bass, die Wurlitzer-Orgel, die MPC 3000. So wie auch Dr. Dre oder Jay Dee produzieren. Lustigerweise ist am Ende meine größte Lofi-Produktion dabei herausgekommen … “Champagne People“ war nicht wirklich dogmatisch, okay. Es war eher ein Unfall. Ich war nur ein Typ mit einem Computer. Auf den Folgealben untersuchte ich den Weg, den ich eingeschlagen hatte: ein Songwriter zu sein. Das ist meine Benny-Schule. Mit dem nächsten Album beende ich die Benny-Schule. Keine Dogmen mehr, nur Musik.

Der Sampler
De:Bug: Dann kannst du endlich zu “Ben, dem Moped-Rocker“ werden und deinen Schwiegervater beruhigen.

Benny Sings: Samples haben ganz eigene Qualitäten. Man muss sich keine Gedanken über die Produktion machen, weil Samples schon produziert sind. Man legt in einem Song Samples verschiedener Produktionsstile übereinander. Das macht es so reich. Ein Beat von Jay Dee wird nie langweilig. Ich benutze als Quelle nur Schallplatten, keine CDs oder sonst was. Platten vom Flohmarkt, ein Plattenspieler, die MPC. Der Klang der Nadel auf der Platte und die Kratzer erzeugen einen unersetzlichen Sub-Sound. Auf meinen frühen Jungle-Brothers-Platten habe ich dass gehasst: Ist meine Platte zerkratzt oder gehört das zum Sample? Es fügt eine nette Wärme hinzu. Und es geht nicht nur um das nostalgische Vinyl-Gefühl. Tom Waits hat statt Kratzern das Geräusch von Eiern in der Pfanne benutzt.

De:Bug: Wenn du Platten auf dem Flohmarkt auswählst, geht es dir nur um Soundschnipsel oder müssen es künstlerisch gute Platten sein?

Benny Sings: Nichts ist so langweilig, wie nach der besten Lionel-Richie-Platte oder so zu suchen. Dann stößt man eh nur auf die bekannten Samples und Breaks. US-Musiker reisen extra nach Rotterdam, um bei Demonfuzz Platten mit Samples zu kaufen. Der Laden ist der absolute Spezialist für Breaks. Auf den Schutzhüllen geben sie die Breaks an. Eine banale Schlagerplatte wie die von Nico Haak kostet wegen eines Breaks von ein paar Sekunden dann gleich mal 40 Euro. Am besten ist es, auf dem Flohmarkt eine Box mit hundert Platten zum En-Gros-Preis zu kaufen und sich überraschen zu lassen. In jeder Hülle könnte sich das ultimative Sample verstecken …

Die Zeiten
De:Bug: Wärest du gerne in einer anderen Epoche als Benny Sings geboren?

Benny Sings: Jetzt ist es perfekt für mich, ich bin für diese Zeiten gemacht. Wenn ich nach Hause komme, Emails checke, den Fernseher anstelle und zu kochen beginne, bin ich glücklich. Es ist fürchterlich, aber das Leiden in der Welt erreicht mich nicht wirklich. Ich liebe es, in meinem Zimmer Musik zu machen.
http://www.sonarkollektiv.de

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Elektronische Lebensaspekte.