Der Heidelberger Bandzusammenschluss Bergheim 34 setzt am Küchentisch Lofi-Houseperlen in Szene, mit denen Sven Väth seine Radiosendung eröffnet. Und Heidelberg wird in den Weltkulturführer aufgenommen.
Text: Oliver Köhler aus De:Bug 40

Bergheim 34
Hits in kleinen Universen

Für den Kölner mag vielleicht der Name Bergheim 34 ein Schmunzeln auf Grund der “mallorcinisch-kulturellen” Assoziationen der kölnischen Satellitenstadt Bergheim hervorrufen. Der Heidelberger hingegen wird mit dem Namen den Stadtteil Bergheim assoziieren: Eine wichtige, geografische Arterie, zentriert um die Bergheimer Strasse. Denn über diese Strasse wird diese bedeutendste aller unbedeutenden deutschen Städte mit der pulsierenden Hafraba-Autobahn (Hamburg-Frankfurt-Basel) oder A5 verbunden. Auch für den geokulturellen Analysten wird dem Stadtteil eine tragende Bedeutung in Heidelbergs Musiklandschaft beigemessen. Die Straße dient als Domizil für eine Handvoll DJs, Plattenladenbesitzer, Labelmacher und Musiker. Eine Auflistung der hier Angesiedelten würde sich wie eine hippe Stadtführung anhören. Insbesondere fällt eine Örtlichkeit ins Gewicht: Die Hausnummer Bergheimer Strasse 34.

Bergheimer Str. 34

Bis vor anderthalb Jahren wohnten im 3. Stockwerk Sugar Shock, eine Hälfte vom ‘Vinyl Only’-Inhaberteam, und sein Bruder Casio Casino. In seinem 15 qm Zimmer ist die Band Bergheim 34 um die fünf Kernmitglieder herum entstanden: Casio Casino von HD800 Achtspur, Sad Rockets von Source Records et al., Tulla Soundsystem aus Mannheim, Anne Vortisch vom Kammerflimmer Kollektief und Ben Morgan aus Philadelphia, USA. Und genau hier wurde an einem der nonchalantesten Hits des letzten Jahres, “Take my Soul”, gebastelt, gefeilt und genörgelt. Was dabei rauskam, galt als Daseinsberechtigung für den Stadtteil (und für Heidelberg). Das Stück auf der “sechstrack lp” bereitete nicht nur den Förderern, Frankfurts KLANG Label, die erste und einzige Band ihrer Sorte. Es wurde zu Sven Väths Sommer-Nummer-Eins. Obwohl dies an sich kein Novum in Heidelbergs Musikgeschichte darstellt, der hiesig bezeichnete “Papa” spielte 1994 das ‘planet jazz’-Stück “Mucho Chocolate”. Als Auftakt seiner HR3-Clubnight-Sendung galt das wiederholte Spielen als eines der klarsten Geständnisse an das junge Pop-Nervenzentrum und seine grenzenüberschreitende Anziehungskraft. Das war aber damals, als die Mitglieder, mit Ausnahme von Tulla Soundsystem und Ben Morgan, quasi noch Nachbarn waren. Und damals, als in der Stadt Indietronica (oder Post-Rock) und nicht MTV das Sagen hatten, war halt alles noch anders.

How to sell out when no one is buying

Denn im Jahr 2000 gleicht ein Projekt wie Bergheim 34 mehr denn je einem musikalischen Abenteuer. Davon zeugt vor allem der ungewollt zeitgeistige Titel ihrer neuesten Platte: “How to sell out when no one is buying”. Auch wenn es die Band nicht so sieht, sprechen sie nämlich das Thema des Jahres an: Der erbitterte Kampf der Musikindustrie gegen einer Bedrohung, die sie auf Grund von fehlgeratener Preispolitik und aufgeblähter Selbstgefälligkeit selbst ins Leben gerufen hat. Die Rede ist natürlich von Piraterie, deren Ausmaß mit der Kontroverse um die Online-Tauschbörse Napster in die Öffentlichkeit geplatzt ist. Und zu deren Opfer scheinbar nur die schimpfenden, aber doch so glaubwürdigen Musikmilliardäre zählen. Im Falle Bergheim 34 trifft die Diskussion aus zweierlei Hinsicht zu. Zum einen behaupten die Plattenmultis, dass Piraterie gerade solche “Nachwuchsbands” wie Bergheim 34 den Boden unter den Füßen wegziehe. Jetzt würde weniger Geld für die Forschung und Entwicklung neuer Künstler zur Verfügung stehen. (Schließlich kann man ja Smudo oder Lars Ulrich nicht Coca Cola statt Champagner aufservieren.) Auch Bergheim 34 müssen das zu spüren bekommen. Immerhin strotzte das Trash-House-Stück “Take my Soul” nur so vor handgemachtem Lo-Fi Charme. In seiner Nano-Nische war es vor allem auch ein richtiger Hit! Trotzdem reichte der Ohrwurm nicht aus, damit ein netter, millionenschwerer Plattenboss an ihrer Tür klopfte. Dagegen konnten auf der neuen EP die ebenfalls Hit-tauglichen Stücke “Osciallations” und “Ding Dong” die Klamottenmarke ‘Membran’ zur Kooperation bewegen. Zum anderen – und dazu stehen die Mitglieder allesamt – verdankt die Band den Titel ihrer neuen EP einem mysteriösen und sehr abstrakten Raubkopierversuch. Wie es Casio Casino und Sad Rockets lächelnd schildern, wurde in Philadelphia dem Kollegen Ben zuteil, “dass es eine neue Bergheim 34 Platte gäbe. Ein Freund habe eine Bootleg Kassette gesehen. Ben rief an und fragte, ob das wahr sei. Schließlich ist er ja auch noch Mitglied und wollte informiert werden. Natürlich stimmte es nicht, aber auf die Frage hin, wie dieses Tonband denn hieße, war die Antwort eben: ‘How to sell out when nobody’s buying’.”

Bekehrt von der digitalen Revolution?
Ganz im Sinne der “Informationsgesellschaft” wurde demnach aus der Not eine Tugend gemacht. Sad Rockets ganz spöttisch: “Mit der selbsterfüllenden Namensgebung wollten wir noch mehr Desinformation betreiben. Mir persönlich gefällt der Titel einfach, weil er wie diese Megadeth-Platte klingt: ‘Peace sells, but who’s buying?’.” Casio Casino dagegen, sieht in der neuen Platte allerdings einen weiteren Vorteil in dem Home-Taping-Business. Mit dem Live-Kassettenmitschnitt des Tracks “Cold Curry” im Hamburger Golden Pudels Club spiegelt sich die Hoffnung, dass sie “nicht so schlecht als Live-Band sind. Mit dem Track ist glücklicherweise ein schönes Moment gelungen. Es kommt ganz ohne Overdubs und Sequenzen aus. Da Bergheim 34 immer viel zu tun hat, kommen wir selten dazu, live zu spielen. So sind Live-Auftritte meistens eine Hit & Miss Sache!”
Ob sich diese Situation verbessern wird, ist unklar. Mit dem Millenniumsjahr hat auch die infrastrukturelle DNA der einst “lokalen” Gruppe eine gewaltige Neukonfiguration erfahren. Seit dem “Väthschen” Hit wurde die Wohnung von Casio Casino in Bergheim gegen eine Wohnung in Heidelbergs idyllischer Altstadt ersetzt. Anne Vortisch studiert jetzt in Karlsruhe Medienkunst in der mit dem ZKM verwandten Hochschule für Gestaltung. Und Sad Rockets ist seinen Aufbruchinstinkten gefolgt. Er hat seine Reise, die ursprünglich in Monterey in Kalifornien begann und etwas zu lange nach Heidelberg mündete, in Richtung Berlin fortgesetzt. Wie die Band aber ihre Fortsetzung realisieren will, passt ebenso zum Zeitgeist wie die Namensfindung ihrer Platte. Sad Rockets und Casio Casino: “So oft, wie wir proben, besteht eigentlich keine Gefahr, dass wir den Draht verlieren werden. Zudem wir mit der Technologie heute und in der Zukunft an Musik arbeiten, sie dann hin und her senden, oder sogar in ‘real time’ zusammen einspielen können.” Was sich für den Futuristen wie ein feuchter Traum anhört, mag dem einen oder anderen Bandmitglied noch nicht ganz in den Kram passen. So genießt beispielsweise der charismatische und frisch verheiratete Tulla Soundsystem lieber die Atmosphäre, wenn “man im Raum steht und mit jemandem zusammen Musik macht.” Vielleicht liegt es aber auch daran, dass er noch nicht von der digitalen Revolution bekehrt wurde. Außer ihm sind alle per E-Mail erreichbar, aber er sehnt sich auch schon danach. Grundsätzlich scheint aber die dezentralisierte Struktur der Band nichts Neues zu sein: “Bei Bergheim bringt jeder seine Einflüsse von zu Hause mit. Jeder bastelt dort an etwas; Anne kümmert sich um Sounds und Keyboards, Casio ist unser Mann für Percussion, Sad Rockets eher für Melodien, und Tulla hat zu allem etwas beizutragen. Bergheim ist einfach überall verfügbar.” Oder wie Anne Vortisch gesteht, “‘eh schon total zerbröselt.” Bedenken hat sie allerdings keine, dass sich das Gefüge im räumlich aufgeteilten Kontinuum zerfleddert oder nur noch Hits für sein eigenes, digitales Mikrouniversum bastelt. Sie ist “eher gespannt darauf, was sich dann so ergeben wird. Welche Form hat es jetzt? Ist doch egal. Irgendetwas wird schon.”

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Elektronische Lebensaspekte.