Der reale Raum der Großstadt wird durch 3D-Stadtmodelle auch in der virtuellen Welt zugänglich. In der Folge werden digitale Reisen immer realistischer, gleichzeitig bekommt die physische Wirklichkeit neue Informations-Layer: Virtuelle und echte Städte verschmelzen zu einer neuen Wirklichkeit.
Text: Constantin aus De:Bug 106

3D-Stadtmodell Berlin
Realität im Level of Detail 4

Spätestens seitdem es Google Earth gibt, hat jeder schon mal seine Wohnung, das Haus seiner Eltern oder seinen Lieblingsclub per Satellitenfoto aufgesucht. Damit begab man sich in eine Matrix, die die Realität widerspiegelte, wenn auch zeitversetzt und zweidimensional. Mit 3D-Modellen ergibt sich heute eine neue Ära der Wirklichkeitsdarstellung: Städte in der dritten Dimension nachzubauen, mit bestehenden Datenbanken zu verknüpfen und mit einem einfachen Interface auch dem Durchschnittsnutzer zugänglich zu machen, führt eine Ebene in unsere Wahrnehmung ein, in der virtuelle und echte Welt verschmelzen. Bisher kannte man dreidimensionale Stadtmodelle nur von Info-Kästen an Großbaustellen, bei denen die Augen technikbegeisterter Stadttouristen beim virtuellen Flug durch den Raum zu leuchten begannen, wie beim ersten Mal Flight Simulator spielen. Inzwischen existieren aber bereits eine ganze Reihe verschiedener Ansätze zur Umsetzung von 3D-Stadtmodellen und diese haben wiederum unterschiedliche Wechselwirkungen zur Folge. Von der deutschen Hauptstadt existieren zwei unabhängig voneinander konstruierte und vermarktete Modelle: Die “3D-Reality-Map” vom privaten Anbieter RSS, der auch schon die virtuelle Welt Münchens erstellt hat, und ein amtliches, von der Senatsverwaltung entwickeltes Modell.

2 Modelle für 2 Ideen
Der Hauptunterschied zwischen den beiden Modellen liegt in der Entwicklung: Die Reality Maps basieren zwar auf den selben Karten und Vermessungen, ergänzen diese aber jeweils mit Fotos und Animationen. Die hochauflösende HRSC-Kamera, die schon seit geraumer Zeit den Mars kartographiert, wurde in ihrer Entwicklungsphase über München und den Alpen getestet und von RSS benutzt, um die erste dreidimensionale Karte von München und somit das erste Modell dieser Größe überhaupt zu erstellen. Da die Kamera nur von oben fotografiert, sind Fassaden und Gebäudehöhen dabei nicht sichtbar, die Programmierer haben daher noch 3.000 Fotografien von Häusern aufgenommen, diese dann ins System gejagt und mit den entsprechenden Texturen belegt; insgesamt wurden so 30 Milliarden Pixel animiert. Trotz dieses Aufwands sind besonders beim Berliner Modell bestimmte Gebäude einfach mit einer für das Stadtviertel typischen Fassade belegt worden. Das amtliche Modell setzt unterdessen eher darauf, nur Gebäude mit Texturen zu belegen, deren Fassade auch originalgetreu im System erfasst sind. Das Modell basiert dafür auf dem Kataster, also der exakten Vermessungen der Stadt. Takis Sgouros, der im Berliner Senat für Stadtentwicklung das Projekt Berlin 3D begleitet, hat beim Nachprüfen beider Modelle, trotz der angestrebten Genauigkeit “bzgl. der Höhen einige Unstimmigkeiten festgestellt. Das amtliche 3D-Stadtmodell ist daher bislang nur als Ergebnis einer Pilotstudie bekannt gegeben worden”.

Digitaler Sechster Sinn
Für den normalen Nutzer, der die 3D-Karten für Spaziergänge im oder Rundflüge über den urbanen Raums nutzt, spielen diese Ungenauigkeiten aber keine Rolle. Denn 3D ist zwar nichts Neues, aber es geht schon lange nicht mehr nur um die Sichtbarkeit der Tiefe in Abbildungen des Realen. Mit 3D-Stadtmodellen, die bald via Handy auch während des Stadtspaziergangs abgerufen werden können, spiegelt sich für den Benutzer die reale Welt virtuell und vor allem mit neuen Informations-Layern angereichert vor ihm wieder. Damit werden Hotspots wie U-Bahn-Haltestellen, Restaurants, Bars, Banken und Clubs durch Hochhäuserschluchten hindurch sichtbar und Attribute wie Fahrpläne, Eintrittspreise, Baujahre, Spielpläne oder der Verlauf der Berliner Mauer zugänglich. Der vernetzte, mobile Client mit dem 3D-Modell wird so zum digitalen sechsten Sinn, die Welt zum Cyperspace. “Das ist noch Zukunftsmusik”, sagt Takis Sgouros, zumindest beim Berliner Senatsmodell, das als städtebauplanerisch exaktes 2D-Tool für Stadtplanung und Architekturbüros gedacht war, die dritte Dimension wurde sozusagen nur als Kür hinzugefügt. RSS hingegen plant seine bisher nur per DVD erhältliche Software schon bald auch auf Webservern zur Verfügung zu stellen, was die Verzahnung zwischen realer Wahrnehmung und mobilem, digitalem Layer erleichtern wird: “Die Tendenz geht definitiv dahin, dass man 3D-Stadtmodelle mobil portieren kann,” meint Regin Lippold, Projektleiter beim RSS. “Im Moment arbeiten wir daran, dass der User sich auf seinem mobilen Gerät ein Gebäude oder ein kleines Gebiet auswählt und die schon gerenderte 3D-Animation als Film streamen kann. Dies erspart das Laden des gesamten Modells, was die Technik bis dato einfach noch nicht leistet. Bei Navigationssystemen in Autos ist es schon leichter, da man die Datenmengen auf Festplatten oder DVDs speichern kann. Im 7er BMW gibt es schon den Zusatz eines 3D-Modells der Alpen, bei welchem die Datenmengen geringer sind. Stadtmodelle liegen auch schon vor, zunächst jedoch noch in abstrahierter Form”.

Realität aus der Fußgängerperspektive
Die dreidimensionale Wirklichkeit des Senatsmodells lässt sich wiederum durch verschiedene Levels of Details Abstrahieren. Im Level of Detail 1 ist die Stadt eine aus Häuserblocks bestehende Karte, im Level of Detail 4 kann man durch Fenster in Gebäude hereinzoomen und manchmal sogar das Mobiliar erkennen, womit eine Osmose zwischen realer und virtueller Wirklichkeit stattfindet. Der Benutzer selbst wird zu einer Membran, die zwischen echter und künstlicher Umgebung das Bindeglied bildet und Informationen überhaupt erst durchlässig macht. Die Dichte an Informationen, die sich durch die virtuellen Attribute ergeben, wird im Gehirn des Nutzers in die Realität übertragen. Der User wird im weltlichen Space zu einem Teil der animiert-realen Welt, inklusive Interaktionen, ähnlich wie in Computerspielen: In “GTA San Andreas” kämpft man sich seinen Weg durch ein gefühlt echtes L.A., mit “Project Gotham” brettert man durch Edinburgh, London oder Florenz. Der Spieler hat das Gefühl, sich wirklich seinen Weg durch L.A. zu ballern oder mit dem Hubschrauber von Downtown nach Beverly Hills zu fliegen. Trotzdem sind die Welten mit der Realität nur teilweise kongruent, im Gegensatz zu 3D-Stadtmodellen. Vollkommene, dreidimensionale Welten verändern unterdessen nicht nur die Idee vom Cyberspace, sondern auch die Realität. Städte können virtuell aber realistisch ausgekundschaftet werden, und Kaufhäuser, Kinoketten und Einkaufszentren haben schon Interesse an einer Integration in diese Modelle bekundet. So dürfte man bald direkt in ein Einkaufszentrum hineinfliegen können, vor der Filiale eines Supermarkts anhalten und von dort in den Online-Shop des Geschäfts gelangen. A là Second Life mag sich also bald im Netz eine rege, urbane Zweitkultur entwickeln, die in einer Wechselwirkung mit der physischen Welt steht. Städte besuchen im Netz, virtuelles Spazieren durch die reale Welt, virtuelle Plattenläden. All das scheint mit der Weiterentwicklung von 3D-Modellen möglich. Auf Wiedersehen Cyberspace. Die Realität ist der neue Cyberspace.

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Elektronische Lebensaspekte.