Der Dokumentarfilm "Berlin Babylon" zeigt eine Stadt der poetischen Gruben und monströsen Türme. Der Regisseur Hubertus Siegert hat vier Jahre lang Baustellen und Bauherren in Berlin mit der Kamera begleitet. Die Einstürzenden Neubauten spielen dazu den Industrialblues.
Text: ingrid arnold | arnold@gmxpro.de aus De:Bug 52

kino/architektur

Die Protagonisten des eiligen Umbaus
Der Film Berlin Babylon

Berlin im Film, schon wieder. Aber kaum ein Ort gibt so viel her, wenn es um das Thema Architektur geht. Berlin ist nicht die einzige Stadt, in deren Bausubstanz durch den Zweiten Weltkrieg und die deutsch-deutsche Teilung stark eingegriffen wurde. Aber der Bauboom, der halbblinde Aktionismus, der nach der Maueröffnung einsetzte, ist einmalig.

Prominente Beispiele sind Lehrter Bahnhof, Kranzlereck und Kantdreieck, der Potsdamer Platz und das Sony Center und nicht zuletzt die “Stadtschloss-Debatte”. Bislang gab es aber selten Gelegenheit, die Entwicklung in Ruhe zu betrachten. Hubertus Siegert bietet sie jetzt: Über vier Jahre, von 1996 bis 2000, begleitete der Regisseur die Baumaßnahmen im “Neuen Berlin”, hielt leere Flächen für die Erinnerung fest, besuchte Baustellen und Bauherren, beobachtete und hörte zu, um “diese überschnelle Epoche zu verlangsamen”.

Der Titel sagt es schon, “Berlin Babylon” ist keine rein informative Dokumentation im Fernsehstil. Der Film bemüht den Mythos des Turmbaus in Babylon, die bekannte Metapher für die Gewalt des Bauens, und schaut mit teils essayistischem, teils dokumentarischem Blick den Baumeistern zu, denen der Legende zufolge “keine Last zu groß war” und die vollenden wollten, was sie begonnen hatten, “obgleich sich ihre Sprache während des Bauens verwirrte”.

Strategien gegen Architekturen

Die Angst vor der Leere: Die Stadt hat die so genannten Tortenstücke schnell verkauft, und unter geringen Auflagen – im Sony Center zum Beispiel mussten DFFB, Filmmuseum und Arsenal-Kinos als “Filmhaus” integriert werden – konnten Großunternehmen und Immobilienbranche im nun privatisierten öffentlichen Raum dem “babylonischen Baufieber” nachgeben.

Siegert hat einen speziellen Zugang zu den Beteiligten gewählt: Er zeigt viel Bauarbeiter-Action und Konzentration auf der “Baustelle Berlin”. Aber auch den Druck von Immobilien, Geld und Macht. Wir dürfen Mäuslein spielen bei Vier-Augen-Gesprächen mit Bausenatoren, Baustadträten oder Staatssekretären und wohnen Präsentationen für Investoren bei. Wir begleiten Bauherren, Politiker und Stadtplaner und natürlich Star-Architekten wie Ieoh Ming Pei, Renzo Piano oder Rem Koolhaas.

Statt sich auf Interviews und Statements zu verlassen, beobachtet Siegert genau: das Verhalten in der Öffentlichkeit, Körpersprache und Gesprächsfragmente der Protagonisten in ihrem gewohnten sozialen Raum. Kommentiert wird durch die gefilmte Situation: Günter Benisch (Olympiagelände München) und der Architekturhistoriker Werner Durth besichtigen die Gebäudereste der Planungszentrale von Albert Speer – die sie in ihren Neubau der Akademie der Künste integrieren müssen. Josef P. Kleihues, Mentor der “Kritischen Rekonstruktion” des Stadtschlosses, wird auf dem Schlossplatz vor dem Palast der Republik aufgenommen. Und Helmut Jahn, Popstar mit Hut, feiert das Richtfest des Sony Centers.

Längere Gespräche, die der Regisseur geführt hat, werden nicht im Film gezeigt. Sie können auf der Website nachgelesen werden – zum Beispiel zwei Interviews mit Wolfgang Nagel, Berliner Bausenator in den entscheidenden Jahren 1990 bis 1996.

Auf der Tonebene findet die deutlichste Inszenierung statt, denn den Kommentar spricht die Musik. Ist der Duktus des Films vermeintlich wertungsfrei und bekommt seine feine Ironie durch die Selbstentlarvung der Akteure, fragen die Einstürzenden Neubauten im Soundtrack gleich nach der “Befindlichkeit des Landes”.
Die Neubauten und Architektur – das klingt nach Kalauer, ist aber eine folgerichtige Wahl. Die Bandmitglieder waren ständige Begleiter und wache Kommentatoren der Berliner Zeitgeschichte. Dass die Filmmusik zu Berlin Babylon “der erste komplette Soundtrack zu einem Kinofilm, der von der ganzen Band beigesteuert wurde” ist, soll nicht die generelle Film-Affinität der Neubauten (Paulus Mankers ” Das Auge des Taifun”, Blixa Bargelds Schauspielkarriere) vergessen lassen. Auch Uli M. Schüppel (“Planet Alex”) hatte sich 1996 schon mal des Potsdamer Platzes angenommen. Die Musik zum Kleinen Fernsehspiel “Der Platz” – ein schwarz-weißer Essayfilm über die “größte Baustelle Europas” – kam von FM Einheit.

Unort Berlin

An der Debatte, ob das Stadtschloss, dessen Reste Walter Ulbricht und Otto Grotewohl in den 50er Jahren sprengen ließen, wieder aufgebaut werden solle, zeigt sich auch das Dilemma der Berliner Stadtentwicklung. Die Expertenkommission tagt: Was macht man mit dieser Brachfläche in der historischen Mitte Berlins? Oder braucht der Schlossplatz etwa nur ein Schloss, weil er noch so heißt? Auch ein Argument: “Von meinem Übergangsbüro im ehemaligen Staatsratsgebäude muss ich immer auf den Palast der Republik gucken. Der ist so monströs, dass ich da lieber ein Schloss hätte, einfach weil es schön ist.” (Gerhard Schröder, http://www.berliner-schloss.de)
Schröder hatte seine Skepsis gegenüber dem Entwurf Axel Schultes für das Bundeskanzleramt geäußert, und auch beim Thema Stadtschloss treffen sich die beiden nicht: “Gerade um das Schloss herum ist ja unsere Hauptkritik nicht, dass man ein abgerissenes Schloss wieder haben will, mein Gott, dann soll man. Sondern was dieses Schloss als Baukörper bewirken wird und das, was es eben jahrhundertelang auch bewirkt hat – dass das ein Unort ist, ein Herz der Winde und der Restflächen” (Axel Schultes)

Montiert wurde “Berlin Babylon” von Wenders-Cutter Peter Przygodda. Die Kamera von Ralf K. Dobrick und Thomas Plenert (“Herr Zwilling und Frau Zuckermann”) fliegt und fährt, aber verkneift sich schwelgerische Totalen. Stattdessen sind die Gebäude, die Baustellen oft nur Kulisse des Theaters der Architekten und politischen Entscheidungsträger. Dann kann man es manchmal kaum fassen, von wem und auf welche Weise da über das ästhetische und funktionale Schicksal einer Stadt entschieden wird. Trotz jahrelanger Beschäftigung schafft es Hubertus Siegert aber, an der Thematik nicht zu verzweifeln. Der Blick ist wach und ironisch. Ob es Schlimmeres gibt als ein verhunztes Gebäudeensemble, muss nach diesem Film auch jeder selbst entscheiden.

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Elektronische Lebensaspekte.