Text: ANNE PASCUAL aus De:Bug 40

Auf der Abschlussdiskussion der diesjährigen BerlinBETA-Konferenz wurde in großem Stil Resümée zur Netzdebatte gezogen. Gibt es den Ballermann-Effekt im Netz? Anne Pascual fasst zusammen.

The Content is the Net: Wer streamt hier wen?

Die Konferenz der Tüchtigen und Schnellen stellt sich selbst vor große Rätsel. Alte Fragen der gesellschaftlichen Debatten finden durch das Netz wieder zu neuem Stoff, denn Wirtschaft als Teil der Kultur verbreitet dort, ohne es ernsthaft zu wollen, eine große Zahl an Ideen, etwas, was ehemals die Studentenbewegung, Mädchengruppen oder Pädagogen unter das Volk gemischt haben. Und das ist eine undankbare Aufgabe, wie die Reihe der Mitt-60er, oder eher der Alt-68er während der Abschlussdiskussion schadenfroh bemerkte. Für sie ist das Netz etwas furchtbar Infantiles, schließlich können es nur Kinder oder kindische Menschen bedienen. Und nur wer es schafft reinzukommen, kann mitmachen. Die wesentlichen Probleme einer Gesellschaft, die inzwischen durch das globale Dorf erweitert wurde, sind offensichtlich redundant. Das Netz ist Spielplatz, Utopie, schnellster Mythos aller Zeiten, großer Einkaufsladen. Jedes Panel pickt sich die zu ihm passende Metapher heraus und baut Marktstrategie, Interface Theorie oder Hobby darauf auf. Die aktuelle Situation löst Euphorie aus, denn die Eingriffsmöglichkeiten werden momentan allein durch technologische Grenzen bestimmt. Mitgestalten kann zunächst jeder.

WER DENKT, FLIEGT RAUS!

Wäre da nicht der User! Wie gelangt man an die knappe Ressource Aufmerksamkeit? Die braucht nämlich jede Bewegung, um sich den Titel Revolution verleihen zu dürfen. In der Kommunikationspolitik hat der User die größte Macht, sagt man. Mittlerweile ist es bis in die Chefetagen gedrungen: Content Management wird zur hochbezahlten Dienstleistung von jedermann. Was, bitte schön, ist Content? Einmal ist es die Form, dann wieder die Information, nicht zu verwechseln mit Wissen – das weiß man inzwischen. Je nachdem, für welche Interpretation man sich entschieden hat, erscheint die in sechs Monaten fertig konzipierte Lösung zur Netzsozialisation. Der Neuling unter den Netzbesuchern bekommt bei “webride” vorgefertigte Touren durch thematisch geordnete Sites angeboten. So wird er in die Kunst der Surfens und Navigierens eingeführt. Durch Sound und zusätzliche Hervorhebung der weiterführenden Links erreicht der User auf bequemstem Weg die wichtigsten Informationen. Aufklärungsstrategie. Sehr bald stellt sich die Frage, wodurch sich denn Webguides auszeichnen müssen, um Denkmuster und Wissensselektion an Stelle der anderen Benutzer vornehmen zu können. Solches Misstrauen ist völlig unberechtigt, so Alexander Artopé, der Mitgründer von Datango. Schließlich unterliegen die Webtouren einer Bewertung, jeder kann sie zusammenstellen und Gleichgesinnten zur Verfügung stellen. Ist das der Ballermann-Effekt im Netz?
Wer dann einen Schritt weiter denkt, in Richtung “Customizing”, bietet personalisierte Produktsuchen an, so wie unter Yoolia.com zu haben. Das klappt natürlich nur, wenn die Anzahl der vertretenen Produkte möglichst hoch ist. Auf diese Weise gelangt man so einfach und schnell wie möglich zum Produkt seiner Ansprüche und Möglichkeiten. Demnächst sind auch Lebensentwürfe im Programm zu haben. Der Wunsch nach Sicherheit bleibt auch im www. wirksam. Die andere Seite mutet sich dagegen ein wenig Chaos zu. Manuel Funk von Fork vertraut auf Kommunikation mittels visueller Strategien. Bei der Flut an Information entscheidet jeder Einzelne über ihre Relevanz. Erfahrung kann man nicht abnehmen oder austauschen.

DELIRIUM 68
Wie bewusstseinserweiternd ist also das Netz, fragt Christian Ankowitsch, Ressortleiter der Zeit Leben. Nur wo Bewusstsein ist, kann welches berauscht werden, so Rainer Langhans, Ex-Kommune 1, eigenen Erfahrungen nach. Er traut sich dennoch bislang nur in kleinen Dosen mittels SMS-Nachrichten an die technische Virtualität heran. Für ihn ist das auch nichts anderes als Lieben und Leben lernen in Gemeinschaft. Für Ossi Urchs stellt das Netz eine Verarbeitung der 68er Bewegung dar, weil es Traum und Betrug zugleich enthält, nur ohne Werteskandal und Strassenschlacht auszulösen. Dieses mal wird die gesellschaftliche Veränderung von anderen Kräften vorangetrieben. Welche Dynamik dahinter liegt und wessen Interessen verfolgt werden, kann niemand so recht erkennen. Wau Holland, Doyen des Chaos Computer Clubs und Mitglied im Eine-Welt-Verein Illmenau befürchtet sogar, dass sich die kulturellen Streitigkeiten, jetzt wo alle Nachbarn sind, nur verschlimmern werden. Die Zukunftsprognosen divergieren so sehr, dass Gabriele Fischer von Brand Eins keine mehr wagen möchte. Alles ist offen. Wirklich ist, was wirksam ist, aber selbst McLuhan Jünger Derrick de Kerkhove glaubt immer noch an die Verlagerung des Denkens vom Kopf auf den Bildschirm, dabei weiß doch jeder, dass Computer nicht denken können. Geheimnisvollste Erkenntnis der Veranstaltung: Das Netz strukturiert sich selbst. Die Regeln sind unbekannt. Waren denn da nicht all diejenigen zugegen, die uns und sich das Gegenteil beweisen wollten?

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Elektronische Lebensaspekte.