"Das Leben ist zu kurz für langweilige Musik," lautet ein Werbe-Slogan des Potsdamer Jugendradios Fritz. Hört man das Tagesprogramm des Senders, kommen einem Zweifel.
Text: joachim landesvatter aus De:Bug 49

Old School, New School, Berlin School?

Anscheinend ist das Leben länger, als Fritz denkt. Chart-Techno, Kirmes-Crossover und HipHop geben sich die Klinke in die Hand. Oft scheinen MTV und VIVA die Playlists vorzugeben.
Mit dem zweiten Teil der CD-Reihe “Berlin macht Schule” (BMS) engagiert sich Fritz jetzt auch in der Rap-Szene. Die Compilation wurde vom Fritz-Musikredakteur Frank Menzel zusammengestellt, der den Stellenwert von HipHop bei Fritz folgendermaßen beschreibt: “Unsere Zielgruppe ist von 14 – 25. In den letzten Jahren haben wir 30% der 14 -19 Jährigen verloren. Ich denke, wir liegen mit der Vermutung nicht falsch, dass HipHop vor allem bei den ganz Kleinen im Kommen ist.”
Beim aktuellen BMS-Release fällt auf, dass einige Berliner Größen wie Fila-DJ Tomekk oder der Homophobie-Experte King Kool Savas von M.O.R. fehlen. Dazu Frank Menzel: “Ich habe mich vorher mit Leuten getroffen, die sich schon sehr lange mit dem Berliner HipHop beschäftigen. Dabei kam heraus, dass Tomekk schon realtiv weit weg ist von Berlin und eher ein Weltstar ist. Der muss nicht sein, wurde mir als Tipp gegeben.
Ich habe Kool Savas angefragt und wollte einen bestimmten Titel, den er mir nicht gegeben hat. Ich wollte die sexistischen Teile von ihm nicht haben. Dann hätte ich auch Probleme vom Berliner Senat bekommen, der das Projekt unterstützt.”
Auch türkischsprachige Raps gibt es auf BMS nicht zu hören, was besonders unverständlich erscheint, da zum Beispiel die Gruppe Islamic Force oder die Rapperin Aziza A schon lange in Berlin aktiv sind. Trotzdem sind die 19 Tracks vielseitig. Seeeds “Dickes B” ist eine Haupstadt-Hymne im Ragga-Stil, die aber auch Berliner Missstände zur Sprache bringt. Stereoton grooven als Rap-Vertreter des Sonar-Kollektivs dementsprechend organisch und lassen auch den Markenzwang bei HipHop-Klamotten nicht aus: “Konsum-Rappern rücke ich auf die PellePelle und schicke sie zum SouthPole.” Dejavue, Bektas und die Analphabeten liefern in ihren Tracks rauhe Kopfnicker-Styles, “Ey Mädels” von Pillskills klingt wie absurder Comedy-Freestyle und scheint sich nicht nur textlich an “Hey Ladies” der Beastie Boys anzulehnen. Auch Max’Well Smart pflegen einen unverkrampften Umgang mit der Rap-Materie und sind auf BMS mit dem Track “Nachbarn” vertreten. Dazu Daniel Richter von MWS: “Ich wünsch mir oft mehr Humor und Lockerheit in deutschen Produktionen, davon gibt’s hier in Deutschland noch viel zu wenig! Vieles ist so sauber, selbstverliebt und bierernst.”
Hinnack von “Das Department” erläutert den Text ihres Tracks “Besondere Kennzeichen: Keine”: “Es geht darum, dass HipHop längst Mainstream ist, und um das daraus resultierende Modediktat. Guck dir doch irgendein beliebiges HipHop-Mag an, das ist mittlerweile wie beim “Spiegel”, die Hälfte des Mags besteht aus Modewerbung. Jeder erlebt doch eigentlich fast jeden Tag irgendwelche Ungerechtigkeiten oder muss sich mit blöden Spießern rumärgern. Man muss versuchen, das auf eine interessante Art und Weise in Texten zu verarbeiten, ohne Zeigefinger, aber trotzdem deutlich. Wir versuchen schon, unsere Ideale in unsere Musik einfließen zu lassen. Obwohl ich persönlich befürchte, dass die meisten in diesem Land sich lieber mit banaler und oberflächlicher Scheiße berieseln lassen wollen.”
Der nächste BMS-Sampler wird voraussichtlich elektronische Klänge bieten, wenn laut Frank Menzel nicht noch die große Crossover-Welle über Fritz hereinbricht. Der Radiosender ist anscheinend den Naturgewalten der Plattenverkäufe und Trends hilflos ausgeliefert, statt mit der Finanzkraft eines öffentlich-rechtlichen Senders etwas mehr Eigenständigkeit zu beweisen.

V.A.”Berlin macht Schule 2″ (Fritz die Schallplatte/V2)

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Elektronische Lebensaspekte.