Beim "Orchestra Of Bubbles" stoßen die beiden Egos von Apparat und Ellen Allien aufeinander. Daraus entsteht ein musikalischer Dialog mit weicher Reibung – und Minimal-Techno liegt weit ab.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 101

Das Blasenorchester changiert vielfarbig und morpht fröhlich durch die Geschichte der elektronischen Musik: ein bekennendes Album, opulent und verspielt, aber immer diskret.

Am Ende drängt sich der Eindruck auf, dass Ellen Alliens Ego einfach so groß ist, dass für ihre Sounds nicht mehr viel übrig bleibt – auf die Zwölf würde den Raum um diese Frau wohl schlicht implodieren lassen. Ego bitte wohlverstanden im Sinne von persönlicher Energie und dem Willen, es kreativ krachen zu lassen: Zunächst treibt Frau Allien ihr Bpitch-Control-Universum als Dirigentin, Produzentin, DJ und nicht zuletzt als Repräsentationsfigur voran, für sich genommen schon mal garantiert ein Vollzeitjob für Nervenstarke. Aber demnächst kommt obendrauf ihre erste Modekollektion – “Ellen Allien Fashion”, logisch – bei der sie von den ersten Entwürfen über die Stoffauswahl bis zu den Fittings am eigenen Leib involviert ist (das Branchen-Know-how bringt Partner Markus Stich (ehemals Soto&Stich) mit). Nebenbei lässt sie im Interview zudem verlauten, dass ein Buch in Arbeit ist: “Ich lebe mich aus, wie es nur geht”, sagt´s und macht damit klar, dass hier kein Zufall, sondern die bewusste Expansion der eigenen Welt am Start ist: “Die Zeit dazu habe ich, weil im Büro andere Menschen sitzen, weil BPitch Control jetzt professionalisiert ist, endlich nach sechs Jahren.”

Digitaler Schmutz ist kein Schmutz

Musikalisch hat Ellen Allien ihren neuen Bewegungsspielraum zu einer ersten echten Koproduktion genutzt: Statt eines Produzenten, der ihre Ideen umsetzt, hat sie mit Sascha Ring aka Apparat (Shitkatapult) alle Tracks des Albums “Orchestra of Bubbles” gemeinsam erdacht, entwickelt und fertig gestellt. Das Ergebnis ist ein Album, dem man anhört, dass sich hier zwei eigenwillige Köpfe ohne Rücksicht auf Reduzierung oder Zweckdienlichkeit ausgetobt haben: Elf Tracks bedeuten im Falle des Blasenorchesters, elf verschiedene Stimmungen vom Song mit Gesang und echtem Popcharme über die klassische elektronische Geräuscherkundung bis hin zum tanzbaren, (fast) soliden DJ-Tool: “Dance braucht einen minimalistischen Ansatz und da sind wir beide nicht so die Spezialisten”, erklärt Apparat die Sound- und Arrangement-Opulenz: “Aber am Ende muss ein Album auch keine DJ-Platte sein, DJs kaufen sowieso Maxis, ein Album ist da, um gehört zu werden, und darum ist es gut, wenn es abwechslungsreich und unterhaltsam ist.” In diesem Sinne ist die gemeinsame Mission definitiv geglückt, allerdings fällt in der Soundvielfalt fast durchgehend eine gewisse Zurückhaltung auf: Harte Breaks und aggressiv in den Vordergrund drängende Klänge sind im “Orchestra of Bubbles” spärlich gesät: “Das ist Ellens Einfluss, ich mag eigentlich Distortion, ich finde es auch OK, wenn mal was weh tut. Aber Ellen wollte oft, dass die Sounds weicher werden”, bestätigt Apparat den Eindruck und weist im gleichen Atemzug auf die Vorteile der Kooperation hin: “Alleine hätte ich das so nie gemacht, aber manchmal nervt mich meine Aggressivität auch. Mein kritischer Mitbewohner meint allerdings: Da fehlt Schmutz.” Für Ellen Allien ist unterdessen “digitaler Schmutz kein Schmutz, sondern nur aggressiv. Schmutz ist für mich analog.” Und trotz eingestandener formaler Zurückhaltung: “Wir haben uns ganz schön offenbart. Aber beim Auflegen versuche ich auch immer von hinten zu kommen. Keine Trommelwirbel oder brutale Cuts, am liebsten habe ich´s, wenn man´s entgegenmixt.”

Stagnation oder Verfeinerung

Angesichts des kombinierten individuellen Ausdrucks im Orchester der schillernden Blasen bleibt eigentlich nur die Gretchenfrage aller aktuellen Popmusikproduktionen, die erfreuen, aber schon seit geraumer Zeit nicht mehr überraschen können: Warum kommt genau dieses Album 2006? Und wo bleibt das nächste große Ding, das alles Vorangegangene über den Haufen wirft?
Apparat: Ich habe ja mit “Elektronika” angefangen, das hat viel auf technischem Fortschritt beruht: PlugIn-Gewitter, alles sehr neu, alles sehr frisch. Da gab´s einen krasseren Innovationszwang als in anderen Genres, weil eine neue Freiheit durch Technologie entstanden ist. Irgendwann hat mich das so angekotzt. Es zwingt dich in eine Sackgasse: Du versuchst immer etwas Neues zu machen und nachher bleibt die Musik auf der Strecke: Scheiß drauf! Es gibt auch schon seit fucking 50 Jahren E-Gitarren-Musik. Warum muss immer alles neu klingen? Für mich war es eine totale Befreiung, dass ich das hinter mir gelassen habe. Aber natürlich hasse ich Produzenten, die sich permanent selbst kopieren. Das ist das andere Extrem, das ist dann nur noch ein Business.

Ellen Allien: Die Kids werden irgendwann schon etwas Neues kreieren, wenn sie das brauchen, politisch, sozial. Warum war Techno in Deutschland so groß? Wegen des Mauerfalls. Es gibt immer einen Anlass und den haben wir jetzt nicht. Uns geht es eigentlich okay.

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Elektronische Lebensaspekte.