Labelberater Jürgen Söder im Gespräch
Text: Lea Becker aus De:Bug 160

Bis zu 16 Millionen Songs bieten derzeit in Deutschland verfügbare Streaming-Dienste wie Deezer, JUKE, Rara, Rdio und Simfy an. Für einen Premium-Account, mit dem der gesamte Katalog jederzeit, uneingeschränkt und ohne Werbung verfügbar ist, zahlt man bei allen monatlich 9,99 Euro. Gesättigt ist der Markt noch lange nicht, auch der Streaming-Riese Spotify hat sich für die nähere Zukunft angekündigt. Das Geschäft verspricht äußerst lukrativ zu sein, aber ist es das auch für die Künstler und Labels, deren Musik ja die Basis des boomenden Geschäftsmodells ist?

Zweifel am Geschäftsmodell der Streaming-Anbieter hat beispielsweise der britische Vertrieb S.T. Holdings, der unter anderem Hotflush und Hessle Audio vertritt, und im November letzten Jahres medienwirksam den gesamten Katalog aus allen Streaming-Diensten abzog. Im offiziellen Statement zeigte sich der Vinyl-Vertrieb besorgt, die Streaming-Dienste könnten “die Einnahmen durch traditionellere Digitalanbieter kannibalisieren.” Die Wogen haben sich geglättet, laut eigener Aussage befinde man sich derzeit in Verhandlungen mit den verschiedenen Anbietern, um eine “faire Lösung für Künstler und Hörer gleichermaßen” zu erzielen. Das mag auch an dem von S.T. Holdings in der Presseerklärung ebenfalls anerkannten Promo-Effekt liegen, den Musik-Streaming biete. Dennoch entbrannte insbesondere in Großbritannien eine weitreichende Diskussion über die Vor- und Nachteile von On-Demand-Streaming-Diensten: Im Zentrum der Debatte stand Spotify. So twitterte der Musiker Jon Hopkins “Fuck Spotify” und erläuterte, die schwedische Firma habe ihm für 90.000 Plays nur acht englische Pfund gezahlt. Steve Marsh, Produktmanager bei Universal Music, konterte – ebenfalls via Twitter – damit, dass Spotify Musikpiraterie reduziere und acht Pfund besser seien als nichts.

Damit liegen auch schon die zwei Seiten der Medaille auf dem Tisch: Kritiker befürchten massive Einbußen bei Musikverkäufen, die durch die Einnahmen beim Streaming nicht kompensiert werden können. Befürworter schätzen Streaming als Werbemittel, mit dem Millionen von Usern erreicht werden können, und gehen zudem davon aus, dass so erstmals eine jüngere, anders sozialisierte Zielgruppe legal adressiert werden könne, die es eigentlich gewohnt sei, für Musik überhaupt nicht zu bezahlen. Für die neuen Services spreche außerdem, dass bei Downloads und CD-Käufen nur ein einziges Mal gezahlt wird, ein Künstler beim Streaming aber für jedes einzelne Abspielen seiner Tracks aufs Neue bezahlt wird. Ähnlich wie beim Radio also, nur eben on demand und irgendwie doch wieder ganz anders. Das Kuddelmuddel verlangt nach einem Neustart: Was ist ein Stream, wie soll er vergütet werden? De:Bug sprach mit Jürgen Söder, der mit seiner Firma Licensing Department seit über zehn Jahren Independent-Labels wie Morr Music und Disko B berät.

Debug: Wie funktioniert bei Streaming die Vergütung der Künstler und Labels?

Jürgen Söder: Da gibt es mehrere Varianten. Manche Labels haben direkte Verträge mit den Streaming-Anbietern, andere greifen auf Aggregatoren zurück, das sind digitale Vertriebe, die meist Hunderte Labels bündeln. Entweder steht also zwischen dem Künstler und seinen Tantiemen eine Vertriebsabgabe oder eben nicht. Das Geld, das ein Künstler dann bekommt, hängt von seinem Vertrag mit dem Label ab, auch da gibt es viele Varianten. Von einem typischen Modell kann man deshalb also überhaupt nicht sprechen, denn in vielen Fällen bekommt sowieso die Plattenfirma das Geld. Bekannt ist ja, dass sich die Dimensionen pro Stream im Cent-Bereich oder sogar noch darunter bewegen. Der Künstler steht am Ende einer Kette, für ihn bleibt auf jeden Fall weniger als ein Cent pro Stream übrig. Aber es gibt natürlich auch Anbieter wie TuneCore, wo du selbst deine Musik hochladen kannst. Da zahlt man jährlich einen fixen Betrag und erhält dann 100 Prozent der Einnahmen.

Debug: Wie viel vom Abo-Preis bleibt beim Anbieter, wie viel geht an die Labels, wie viel an die Künstler?

Jürgen: Bei den Abo-Preisen gehen je nach Dienst zwischen 50 und 60 Prozent an den direkten Lieferanten, sei es ein Aggregator oder ein Label. Was beim Künstler ankommt, hängt von seinem Vertrag mit dem Label ab und natürlich von der Anzahl der gestreamten Tracks. Wenn jemand deine Musik nicht hört, dann bekommst du auch nichts. Ein beliebtes Argument für das Streaming ist ja, dass jedes Hören vergütet wird und man deshalb diese geringen Beträge natürlich auch in einen anderen Zusammenhang stellen muss als eine CD oder einen Download, wo mit dem einmaligen Kauf für immer alles gezahlt ist. Wenn ich mir hunderte oder tausende Male ein Album im Stream anhöre, dann wird halt jedes Mal gezahlt. Die klassische Künstler-Beteiligung liegt um die 20 Prozent, es gibt auch 50/50-Deals, bei denen die Künstler dann eben 50 Prozent erhalten. Mehr kriegen sie in den meisten Fällen nicht. Die meisten Künstler, mit denen ich arbeite, erhalten ganz grob geschätzt zwischen 20 und 50 Prozent der Gelder, die die Plattenfirma bekommt.

Debug: Würdest du sagen, dass Abo-Preise angemessen sind für den Content, den man dafür bekommt?

Jürgen: Die Frage ist nicht, ob ich oder die Künstler das angemessen finden, sondern eher, welchen Preis die Leute dafür zu zahlen bereit sind und bei welchem Preis dieses Modell funktionieren kann. Die Anbieter hätten wahrscheinlich ein wirkliches Problem, wirtschaftlich zu arbeiten, wenn sie 30 Euro verlangen würden. Es scheint sich ja nicht umsonst bei den aktuellen Preisen eingependelt zu haben.

Debug: Welche Strategie ist empfehlenswerter für Musiker? Ihre Musik in Streaming-Diensten anzubieten oder nicht?

Jürgen: So pauschal kann man das nicht sagen. Es gibt Musiker, die gut damit fahren, ihre Musik generell umsonst herzugeben, andere fahren gut damit, ihre Musik nicht bei Streaming-Diensten anzubieten. Für einen seit zehn Jahren erfolgreichen Künstler gelten natürlich auch völlig andere Regeln als für einen neuen Künstler. Ich halte prinzipiell nichts davon, zu glauben, dass man die Leute, indem man ihnen den Zugang zu Musik erschwert, dazu zwingen kann, Produkte wie CD, Download oder Vinyl zu kaufen. Diese Logik gilt insgesamt einfach nicht mehr. Wer seine Musik nicht auf einem Streaming-Dienst anbietet, weil er denkt, dass man damit zu wenig verdient, liegt völlig falsch.

Debug: Wie hoch ist momentan der Anteil am Gesamtumsatz eines Musikers oder Labels durch Streaming?

Jürgen: Bei den Plattenfirmen und Künstlern, für die ich arbeite, nimmt dieser Anteil stetig zu. Bei Morr Music ist Spotify zum Beispiel schon unter den Top 5 der digitalen Shops. Streaming macht bei den meisten Independent-Labels noch weit unter zehn Prozent der Verkäufe aus – in Schweden aber zum Beispiel schon über 80 Prozent der Digitalverkäufe.

Debug: Welche Einnahmequelle ist derzeit noch die lukrativste?

Jürgen: Wir kalkulieren Verkäufe als Gesamtheit, deswegen unterscheiden wir nicht, welches Format lukrativer ist. Das wird wahrscheinlich auch für die Zukunft gelten, es wird einfach ein Mix aus verschiedenen Formaten sein. Man muss versuchen, die verschiedenen Wege zu bedienen, auf denen sich Leute heutzutage Musik nähern.

Debug: Wie viel Geld verdient denn ein Künstler durchschnittlich pro Stream?

Jürgen: Das kann man nicht sagen, denn Streaming-Einnahmen sind ein Mix aus Einnahmen durch die Werbung, die Freemium-User hören, und Abo-Einnahmen durch Premium-Accounts. An beiden wird die Plattenfirma prozentual beteiligt mit typischerweise 50 bis 60 Prozent der Einnahmen. Da sich sowohl die Abonnenten-Zahlen als auch das Werbeaufkommen quasi täglich ändern, gibt es keine verbindliche Zahl.

Debug: Welche Rolle spielt die GEMA beim Musik-Streaming?

Jürgen: Die GEMA spielt natürlich eine Rolle, das sieht man zum Beispiel bei Spotify, die es ja hier noch nicht gibt, weil sie sich offensichtlich noch nicht mit der GEMA einigen konnten. Aber es gab ja vor kurzem Einigungen zwischen BITKOM-Verband und GEMA, in denen endlich Tarife festgelegt wurden. Auch die GEMA wird natürlich pro Stream vergütet, damit auch die jeweiligen Songschreiber Geld bekommen. Die Verwirrung bei den GEMA-Tarifen ist derzeit leider noch ziemlich groß, aber es scheint so zu sein, dass die Anbieter von Streaming-Flatrates pro Nutzer und Monat zwischen 60 und 100 Cent an die GEMA zahlen. Bei werbefinanzierten Angeboten werden pro Stream wohl zwischen 0,025 und 0,6 Cent abgeführt, wobei Webradios weniger zahlen als On-Demand-Dienste.

Debug: Gibt es Unterschiede zwischen dem deutschen Lizenzmodell und den Modellen anderer Länder? Gibt es Länder, in denen Künstler am fairsten für Streaming entlohnt werden?

Jürgen: Damit, was ein Künstler bekommt, hat die Gesetzgebung einzelner Länder nichts zu tun. Das sind Verträge, die primär zwischen Künstlern und Plattenfirmen oder Aggregatoren ausgehandelt werden. In Europa sind die Modelle sowieso einigermaßen gleich. In Amerika gibt es den Unterschied, dass die Streaming-Dienste zumindest bei Downloads das Pendant zu den GEMA-Abgaben nicht abführen, sondern direkt an die Plattenfirmen auszahlen. Aber auch da kann man nicht sagen, dass es vor- oder nachteilig wäre. Prinzipiell handelt
es sich einfach um weltweite Deals. Viele dieser Services sind ja auch in den USA gestartet und dann erst nach Europa expandiert, da gibt es also prinzipiell keine Abweichungen zwischen den Ländern.

Debug: Welchen Promotion-Aspekt hat Streaming?

Jürgen: An sich kann man heutzutage durch freie Angebote keinen großen Effekt mehr erzielen. Vor einigen Jahren war das noch anders. Wenn damals ein Künstler gesagt hat, dass man sein Album umsonst herunterladen oder überhaupt umsonst anhören kann, dann hatte das noch einen richtigen Effekt. Heute gehen die Konsumenten fest davon aus. Man muss das eigentlich schon fast machen. Für das Gros der Künstler ist es absolut Gang und Gäbe, kostenlose Downloads, Streams und Ähnliches anzubieten.

Debug: In der Diskussion um das Streaming gibt es ja insbesondere zwei Positionen: Einerseits, dass es den Musikverkäufen schadet, andererseits, dass User aus der Illegalität geholt werden, die vorher gar kein Geld für Musik ausgegeben haben. Wie schätzt du das ein?

Jürgen: Die Streaming-Kritiker führen diese Diskussion so, als ob es keine Piraterie gäbe. Es wird so getan, als könnten sich Künstler oder Plattenfirmen einfach entscheiden, auf Streaming zu verzichten, wodurch im nächsten Schritt die Leute gezwungen wären, sich die CDs zu kaufen. Das halte ich für komplett weltfremd, ich kann nicht einfach so tun, als gäbe es Musikpiraterie nicht. Insofern ist die Argumentation seitens der Streaming-Dienste meiner Meinung nach prinzipiell nicht falsch. Es mag teilweise so sein, dass es sich um eine andere Zielgruppe handelt, die jünger ist und die Musik anders nutzt. Dass man sich durch dieses Angebot jetzt eine komplett neue Zielgruppe erobert, glaube ich aber auch nicht. Die Musikindustrie hat es ja lange versäumt, einen Weg zu finden, auf die Realität des Internets zu reagieren. Es geht eben darum, legitime Angebote für die User zu schaffen, bei denen für die Künstler am Ende zumindest etwas rauskommt und nicht, dass die Künstler letztlich mit ihrem Content irgendwelche Typen in Neuseeland reich machen, wie es bei komplett illegalen Angeboten wie Megaupload vielleicht der Fall war.

Debug: Verdienen Majors mehr an Streamings als Indies?

Jürgen: Das weiß niemand so richtig. An Spotify sind ja sowohl Indie-Labels durch die Agentur Merlin beteiligt, als auch Majors, und beide halten ihre Verträge geheim. Es ist aber auf jeden Fall davon auszugehen, dass die Majors auch im Digitalbereich bessere Deals als die Indies haben – um das zu bekämpfen und auch den kleineren Labels eine bessere Chance auf faire Bedingungen zu verschaffen, haben wichtige Independent-Labels gemeinsam die Agentur Merlin gegründet.

Fotos & Konzeption: Rachel de Joode
Assistentin: Anna Massignan

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