Sie sind nicht nur die Pioniere des Streamings, sondern auch dessen langlebigste Experimentatoren: Betalounge.com. Pünktlich zum fünften Geburtstag wird die Site mit den "Braodcast Engineered Sessions" nicht nur transkontinental, sondern erfindet ganz nebenbei auch noch mit ihrem " Record Club" eCommerce völlig neu.
Text: janko roettgers aus De:Bug 52

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Betalounge: Streaming mit Mut zu Experimenten und gedrehten Seitennähten

Die Betalounge-Geschichte ist mittlerweile legendär: 1996 entdecken ein paar musikbegeisterte Webworker in San Francisco Reals Streaming-Software für sich und fangen an, mit Live-Übertragungen rumzuspielen. Man trifft sich Sonntags nachmittags mit ein paar Freunden, einer legt auf, alle haben Spaß, und nebenbei pustet ein Rechner alles live ins Web.
Für Betalounge-Mitbegründer Ole Lütjens war dies von Anfang an ein Spiel mit den Möglichkeiten des Mediums: “Vorher gab es nur Streams von bärtigen Professoren, denen man bei der Arbeit zuschauen konnte.” Und vorher gab es in San Francisco auch kaum akzeptable Clubs. Kein Wunder, dass die Betalounge schnell zum Geheimtipp wird. URL wie Lounge-Adresse machen überall die Runde, immer bekanntere DJs reichen sich bei der Lounge die Klinke. Kevin Saunderson, Derrick May, Goldie und Moodyman schauen schon in den ersten Monaten vorbei. Die Zugriffsraten wachsen und wachsen. Und eines Tages steht das amerikanische Magazin Wired vor der Tür und will mitspielen.
Die Betalounger Brian Benitez und Ian Raikow arbeiten zu diesem Zeitpunkt bei Hotwired, dem Online-Ableger des Magazins. Dort mag man ihre Shows, braucht Content und hat noch Platz in der Fabriketage. Also ist Umziehen angesagt. Sechs Monate lang sendet die Betalounge aus dem Hotwired-Studio. Dann tauchen plötzlich Banner auf der Show-Website auf, aber kein Geld beim Betalounge-Team. Also sagt man Hotwired Adieu und macht sich an den nächsten Umzug. Diesmal geht es in ein eigenes Studio, das seitdem jeden Donnerstag die Betalounge-Show hostet.

Transkontinentales Tüfteln

Ole zieht 1999 zurück nach Deutschland, will die Betalounge-Idee aber nicht aufgeben. Er lernt in Hamburg Niels Bacher kennen, der vom Hamburger Freistil-House-Label Ladomat kommt und die entsprechenden Kontakte mitbringt. Gemeinsam mit Oliver Tessloff und Heiko Jahnke macht man sich daran, das Projekt Betalounge.de aufzubauen. Nicht als Spin-Off, sondern eher als Input-Erweiterung. An eine eigene Lounge mit aufwändigem Booking ist zu diesem Zeitpunkt sowieso noch nicht zu denken. Also überträgt man lieber ausgesuchte Events in die Staaten, die dort so wohl auch nicht möglich gewesen wären: Popkomm-Parties, das Sonar-Festival oder auch mal was von der Expo. Ohne Kraftwerk aber mit Kit Clayton.
Dann kommt der Dotcom-Boom mit der üblichen Verspätung auch in Deutschland an. Wieder mal stehen Sponsoren vor der Tür. So lange die das Konzept des “experimentellen Forums für elektronische Musik” tragen und weiterbringen, haben die Betalounger da auch gar nichts gegen. Weil das Team aber eben nicht aus “zwei BWLlern und vier Marketing-Experten” besteht, wie Ole erklärt, sondern aus Tüftlern und DJs, stellt sich so etwas wie ein Business-Modell eher nebenbei ein. Doch seit Mai diesen Jahres hat man in Deutschland mit Levi’s Engineered Jeans einen Sponsor im Boot, der Wachstum möglich macht: Endlich wird auch in Hamburg gelounged. Allerdings nicht einfach so. “Engineered Broadcasting Sessions” nennt sich das ganze als Tribut an die gedrehte Seitennaht. Ein Teil der DJ-Sets kommt live per ISDN aus San Franciso. Und demnächst vielleicht auch noch aus Tokyo. Eine Party parallel auf drei Kontinenten. Da ist nur die Zeitverschiebungs-Frage, welche Stadt zu den üblichen Stunden feiern darf? Im Augenblick ist es einmal im Monat Hamburg.
Wer sich davon an gigantomanische Phantasien der Loveparade-Firma Planetcom à la “heute die Siegessäule und morgen die ganze Welt” erinnert fühlt, tut den Betaloungern allerdings unrecht. Für Ole ist das transkontinentale Live-Set nicht viel mehr als ein Spiel mit den technischen Möglichkeiten. Man wird ja wohl noch tüfteln dürfen. “Für die Party ist das völlig unwichtig. Da zieht es viel mehr, wenn Recloose hier live an den Turntables steht.” Oder andere Vorzeige-Gäste der Broadcast Sessions wie Rockers HIFI, Isolée, Jan Jelinek, Adam Goldstone (siehe Artikel) oder Mannequin Lung.

Die eCommerce-Idee des Jahres

Mehr ihrem Experimentierwillen als einem ausgeklügelten Business-Plan verdanken die Betalounger auch ihr neuestes Kind, den Record Club. Das Prinzip ist einfach und dabei so genial, dass es jetzt schon einen Preis für gelungenste Indie-eCommerce-Idee des Jahres verdient hat: Für 50 bis 70 Dollar bekommen Clubmitglieder Monat für Monat ein Überraschungspaket mit acht CDs zugeschickt. Beziehungsweise sechs CDs und drei Vinyl-Alben, je nachdem. Liebevoll ausgewählt und gepackt vom Betalounge-DJ deines Vertrauens.
Mit 200 Abonennten nach nur vier Monaten läuft der Club “extrem gut”, wie Ole erklärt. So gut, dass in San Francisco nun erstmal an der Infrastruktur gearbeitet werden muss, damit die wöchentlichen Events nicht im Paketwust untergehen. Auch in Deutschlandwird deshalb vielleicht bald angefangen mit dem Päckchen packen. Davon abgesehen hält sich Ole mit Zukunftsprognosen zurück. Wo man in 5 Jahren sei? “Wir denken hier eher in Zeitspannen von sechs Monaten.” Auf jeden Fall will man weitermachen, experimentieren, beta bleiben. Oder wie Ole es mit typisch hanseatischer Trockenheit formuliert: “Reinhören. Sache läuft!”

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Text: Sascha Kösch aus De:Bug 26

Wenn Amerikaner etwas tun, dann machen sie es “big”. Ist ja auch ein grosses Land. Und im Netz ist das nicht anders, sondern wird eher noch grösser. Würde man so eine Art Homukulus vom Netz malen, dann wüsste man genau welche Flagge er auf der Baseballkappe hat. Und damit ist niemand so prädestiniert über Grösse zu reden wie eben Amerikaner, mehr noch solche, die ein Unternehmen gestartet haben. Vor allem aber ist niemand besser darin, unser Verständnis von oben und unten in der Multimedia-Welt so durcheinanderzubringen. Als Betalounge anfing, bekamen sie so schnell einen Deal mit Wired, so dass man sie sofort mit dem damals grössten Provider für Netzkultur in eine Kiste geschmissen hat. Betalounge wurde als Teil der Grossen verstanden, bekam hundertausende Hits, und man begann zu glauben, dass die “kalifornische Ideologie” so böse gar nicht sein kann, denn: böse Menschen haben keine elektronischen Lieder. Jedenfalls bis dahin nicht. Denn MP3 war noch überhaupt nichts. Jemand von den ganz Grossen beschäftigte sich mit der Musik, die uns alle umgibt, und man war schon drauf und dran der Idee zu verfallen, dass die Welt extra für uns Kopf steht. Betalounge war mehr als neu, und sorgte in der Welt elektronischer Musik für Aufruhr. Da war jemand, der nicht nur immer die neusten Technologien von Real Audio zur Verfügung hatte, sondern auch perfektes Design, den richtigen Anschluss, die richtigen Leute, und wer auch immer Real Audio vor knapp vier Jahren gehört hat, der landete zuerst bei den DJ-Mixen von Real Audio. Hawtin war dabei, Ninja, und auch die deutschen Elektroniker, die zun San Francisco zu Besuch waren, kamen an der Betalounge nicht vorbei. Mittlerweile gibt es hunderte Clubs und Websites, die ähnliches machen, aber damals war das alles “ein Zeichen”. Gegründet wurde die Betalounge 1996 von Network Syndicate, einer “Neue Medien Company” aus San Francisco von Ian Raikow, Zane Vella, Brian Benitez, David Goldberg, and Jonathan Golub. Mittlerwiele sind noch Ole Luetjens, Christian Wolff und John Borrusco dazugekommen. Anfangs stellte man sich vor, dass Rossetto (Wired) jeden Monat eine Million auf den Tisch legte, um den Kids von Betalounge dann zu sagen: “Macht mal funky”. Die loungen sich dann in ihrem 2000qm Loft zu Tode und verprassen mit ihren illustren Underground Gästen das grosse Geld. Um so überraschter mag man sein, dass Betalounge, die sich natürlich schon längst wieder von Wired getrennt haben, immer auf sehr kleiner finanzieller Basis operiert haben. Betalounge war immer so Underground wie die Musik, die dazu passte. Die Macher haben alle andere Jobs und stecken ihre überschüssige Energie in das Projekt. Angefangen haben sie im mexikanischen District von San Francisco und sind vor einiger Zeit in die Nähe des Hafens gezogen, wo sie jetzt in einer Garage Parties schmeissen, auf denen regelmässig DJs auflegen, die sich der ambitionierte Clubbetreiber in Europa am liebsten zu Weihnachten schenken würde. Aufgrund der grausam feindlichen Restriktionen in den USA gibt es nichts zu trinken (DIY) und keinen Eintritt zu zahlen. Anstelle dessen trifft man sich einfach Donnerstags wie in einem Vorstadt Hangout, hört grossartige Musik, und redet mit Menschen, die irgenwie dasselbe tun. Damit aber nicht genug: Die Betalounge-Betreiber sind ständig unterwegs, um auf grossen Parties die Livebroadcasts zu organisieren, wie grade eben auf dem Sonar Festival, oder auf Berlin Beta. Irgendwann ist die Energie, die man in so ein Projekt reinsteckt, so gross, dass man anfängt, sich Gedanken zu machen wie man etwas Geld wieder rausbekommen könnte, und jetzt kommt der Grund, warum wir hier über Betalounge, nach all den Jahren begeistertem Usertum, reden. Die Idee ist einfach. Wann immer man im Netz zwei nebeneinanderstehende Buttons sieht, die auf ähnliches verweisen, dann fällt einem das böse Wort im Internet ein: Vernetzung. ‘Hier stimmt was nicht’, weiss man sofort und wundert sich, wie ganze Server wie MP3.com hundertausende von solchen zahnspangenähnlichen Gebilden auf ihre Seiten machen können. Schlimm. MP 3- und Real Audio-Files pflegen ein Nebeneinander, das man normalerweise nur Ehen kurz vor der Pensionsphase zugesteht. Das Netz ein Sozialfall? Kann man da nicht…..? Doch, und genau hier setzt, wie es Ole Luetjens beschreibt, diese Idee ein, “wie damals, als ich beim Radiohören ab und an auf die Pausetaste gedrückt habe um etwas mitzuschneiden”. Betalounge, die ihren Pool von befreundeten Künstlern Stück für Stück dazu überreden ihr neues System eines MP3 Servers modular zu nutzen, werden auf der Popkom und der Berlin Beta ihre erste verkaufsträchtige Idee vorführen, die mit einem einfachen Kniff die Erfahrung von Musik im Netz revolutionieren wird. Falls ich sie richtig verstanden habe, wird, dank skriptfähigem G2 Player von Progressive, wann immer ein Track aus den Real Audio DJ Mixen in der MP3 Datenbank der Betalounge vorliegt, ein kleiner Button erscheinen, der einem ermöglicht, diesen Track für einen dezenten Betrag downzuloaden (digital asset transaction server). Und schon ist die Vertriebssituation von Musik nicht nur im Netz wieder etwas mehr verschoben. In welche Richtung? Das sollte der Popkomvortrag “The Giant Killer” von Zane klären. Klar dürfte bei den grundgesetzfeindlichen Telefonkosten das ganze wie immer erst mal im Land der grossen und kleinen Bells funktionieren, aber wer Betalounge kennt, der weiss, dass sie nicht locker lassen werden, bis das Netz und die Musik so miteinanderarbeiten wie man sich das wünscht. Zusammen.

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