Text: riley aus De:Bug 12

Ich habe da eine Geometrie-Krankheit im Kopf Rahmen schaffen mit Bianca Strauch Riley Reinhold rrr@de-bug.de Nach der postmodernen Verwirrung der Erben von Neville Brody und David Carson (ehem. Raygun-Gestalter), ihrem “positiven Chaos”, welches sich oft als Selbstläufer formulierte und nicht selten die Sicht auf das eigentliche Produkt versperrte, ist nun verstärkt eine gegenläufige Bewegung zu dieser Form von Informationsanordnung zu spüren. Die Tendenz des Grafikers durch Hinzufügen von interpretierenden visuellen Ebenen zum Co-Autor, zum Informationsgeber persönlicher Art zu werden, wird zugunsten einer dosierten und bilateralen, aber emotionalen Informationsvermittlung durch Bild und Text abgelenkt. Die Grafik wird zum Inhalt visueller Art und die freie Interpretation der Inhalte an den Leser zurückgegeben. Clientside functionalty again. Der Wille zur Gestaltung, der oft zur Ungestalt geführt hat, ist in den letzten Jahren mit purer Absicht beschnitten worden. Es geht vielmehr um Transparenz bzw. Freiräume, die durch visuelle Interpretation der Inhalte geschaffen werden, und eine Form, die der Funktion folgt. Das Design des Kanadiers Richie Hawtin für sein Concept Projekt z.B. geht dabei soweit, daß es an die klassische Linie der Ulmer Schule (in Ableitung z. B. das Braun-Design, welches auf maschinell reproduzierbaren geometrischen Formen wie Kugel oder Quadrat basiert) anknüpft. Parallelen zu der Minimal Elektronischen Tanzmusik sind direkt erkennbar und nachvollziehbar. Oft kommen die Grafiker aus dem Dunstkreis der Technoszene oder werden dort aktiv. ZWISCHENÜBERSCHRIFT Handelt es sich um Kommunikationskunst? Bianca Strauch, Grafik-Designerin und DJ hat ihren Freiraum im Kreativumfeld rund um die Zeitschrift House Attack, die Label Studio 1 und Harvest und den Kölner Schallplattenladen Kompakt genutzt, um eine abstrakte, aufgeräumte Ästhetik zu etablieren. Bekanntes, wie geometrische Formen, alltägliche Gegenstände, Personen, ersetzen Cyberpunk-Graphiken oder Phantasiegebilde und schrauben den Beschleunigungsprozeß auf ein humanes Tempo zurück. Ein Hauch von Persönlichkeit wird induziert. Der Rückzug ins Private ist erkennbar. Wenig wird verfremdet. Die Arbeiten mit Filtern sind beschränkt auf das minimalste. Was Bianca Strauch auf vielen ihrer Houseattack- und 12″ Covern verfolgt, ist die Obsession mit dem Careé und der Gedanke, eine Symmetrie zu schaffen, die der Leser für sich zusammensetzen muß. Eine Grafik von Bianca Strauch ist auch immer eine mathematische Gleichung. ZWISCHENÜBERSCHRIFT Ich sage: “nein” zu Springer Jobs Ihre Arbeiten für das ehemalige Musikmagazin Houseattack (1993-1996) sind über die Grenzen von Köln bekannt geworden, erweckten bei den unterschiedlichsten Leserschichten, über Insiderkreise hinaus, ein nicht vorhersehbares, extrem großes Interesse. Sie selbst bezeichnet ihre Arbeit für das Magazin als wichtigen Zeitabschnitt. Hier konnten extreme Vorstellungen ausgelebt werden, Einschränkungen gab es von keiner Seite. Ihr David Bowie-Cover (viele jüngere Leser erkannten ihn nicht, obwohl keine Verfremdung vorgenommen wurde (!)), wie auch ihre “Motorradformation in der Kurve des Nichts”, stellen abstrakte Zusammenhänge dar, sind sehr emotional, gerade durch ihre irritierenden Momente und nicht zuletzt durch ihre Farbintensivität. Die Provokation der Irritation schlug sich hierbei auch nieder, in ihrer Verschiebung des Index der Technicolour Compilation CD auf Harvest, wo Act und Musik nicht mehr zusammenfiel. Für Bianca Strauch selbst ist ihre Grafik nie bedeutungsschwanger, soll nicht als Kunst gesehen werden. Mit dem Begriff “Grafiker” hat sie Schwierigkeiten, bezeichnet sich lieber als ‘Rahmen schaffender Mensch’, der dazufügt, anstatt verändern zu wollen. Die Luxussituation, keine Auftragsarbeiten annehmen zu müssen, d. h. finanziell durch DJ-Jobs unabhängig zu sein, ist für sie enorm wichtig. “Ich sage “nein” zu Springer Jobs”. Seit dem Ende von Houseattack arbeitet sie bei Granit, einem Design und Grafik Büro, von ihr und Jörg Burger in Köln, und widmet sich der Grafik für die Label Harvest und Kompakt. De:Bug: Wie bist du zu der Tätigkeit im grafischen Bereich gekommen? B.S: Ich habe verschiedene Jobs probiert und bin dann über den Computer und das Angebot, ein CD-Cover mit jemandem zu gestalten, in den Bereich vorgestoßen. De:Bug: Wie sieht deine Situation als Grafikerin aus? B.S: Ich befinde mich in einer Idealsituation bzw. Luxussituation, wo es nicht wie in einer Agentur um Auftragserledigung geht. Es ist zum Glück so, daß jemand zu mir kommt und mich bittet, daß ich etwas für ihn umsetze. Teilweise arbeite ich eng mit den Leuten zusammen vor dem Computer, wie z. B. mit Mike Ink, was sehr angenehm ist. Dadurch, daß ich noch zwei andere Jobs habe, sind das die besten Voraussetzungen, sagen zu können: Das mach ich jetzt nicht. Es war mir immer wichtig, auch “nein” sagen zu können. De:Bug: Hast du deinen Stil gefunden? B.S: Klar setze ich Dinge auf meine Art um, aber ich versuche auch immer, etwas Neues zu integrieren. Es kommt immer auf das Produkt an, wie es klingt etc. Es kann also nicht der gleiche Stil sein, es gibt höchstens einen Wiedererkennungswert, und der bezieht sich auf das Schriftbild oder Lieblingsvorstellungen. De:Bug: Du machst in Köln auch Flyer für Veranstaltungsserien wie Lichtblick und Soundgallerie. Ist das eine Herausforderung für dich? B.S: Auf der einen Seite ist es Arbeitserleichterung, denn das Grundgerüst steht, auf der anderen Seite ist es auch eine Herausforderung, es immer anders aussehen zu lassen, aber trotzdem die gleiche Aussage zu haben. De:Bug: Wunderst du dich nicht, daß bei vielen Minimal-Platten die Cover selten diese Eigenschaft transportieren? B.S: Ich habe bei einer Arbeit für einen Major mitbekommen, daß es eben möglichst plakativ und teuer aussehen soll. Viele Leute denken immer noch, was opulent überladen aussieht, erscheint teuer. Das soll, glaube ich, Wert dazugewinnen. De:Bug: Du läßt in den meisten Fällen Bilder sprechen. Bist du kein Typograpie-Typ? B.S: Ich versuche, das Bild mit der Schrift zu verbinden, wobei andere oft mit der Schrift anfangen und dann zu dem Bild kommen. Diverse Typographen sagen mir, ich könnte nicht mit Schrift umgehen, bzw. ich hätte eine falsche Vorstellung, wie man einen Text lesen kann, oder wie man es dem Leser angenehm macht. Ich möchte, daß sich die Schrift in das Äußere integriert und als Bild durchgeblättert werden kann. Ich halte das für extrem wichtig. Als ich das japanische Wired gesehen habe, bin ich wahnsinnig geworden, denn das ganze Magazin war ein einziges Bild. De:Bug: Bei Frontpage war das anders. Wie fandest du die Zeitung? B.S: Die frühen Ausgaben fand ich gut, irgendwann habe ich das Magazin nicht mehr gelesen, weil es sich ausgereizt hatte. Am Anfang war ich total begeistert. De:Bug: Viele Leser empfanden Frontpage als unkomfortabel, was das Lesen anging. Hat dich das gestört? B.S: Ich emfand das nicht als Problem. Das Chaos war teilweise super. Es war ja auch ein Vorreiter für viele andere Magazine, die versucht haben, das nachzuahmen. Ich habe es einmal selbst versucht, und es ist voll nach hinten losgegangen. Am Ende habe ich alles weggeworfen. De:Bug: Deine Grafik ist das Gegenteil dazu, immer sehr aufgeräumt. B.S: Ich kann nicht anders. Ich glaube, ich habe da eine Geometrie-Krankheit im Kopf. De:Bug: Spielen wie bei der Musik auch Fehler oder Zufälle eine Rolle beim Designen? B.S: Das ist definitiv auch bei der Grafik der Fall. De:Bug: Du machst Cover-Design bei Harvest. Welche Cover kommen von dir? B.S: Die Cover für Dom und Kron, wie auch Air Liquide und Khan. Jörg Burger aka The Modernist macht seine Cover ausschließlich alleine. De:Bug: Magst du die Arbeiten von Daniel Pflumm (Hallo TV) aus Berlin? Er gebraucht schon bestehende Logos, um konzeptionell dann Aussagen machen zu können. Natürlich ist er sehr politisch, wenn er Logos von Megakonzernen enteignet und auf politisch korrekte Platten bringt. B.S: Ich schätze an ihm die extreme Direktheit und die Klarheit. Konzeptionell beschränke ich mich im Unterschied zu ihm auf das Optische. Auch bin ich weniger politisch. Andererseits ist es schon eine politische Entscheidung, wenn man das Gesicht von David Bowie zu einem bestimmten Zeitpunkt auf ein Cover einer Zeitschrift bringt. De:Bug: Eine oft gestellte Frage: Wird es die Houseattack wieder geben? B.S: Ich plane etwas für den Herbst, aber es ist abhängig von der Situation in dem Monat. Das Magazin wird dann nicht mehr Houseattack heißen. Einen konkreten Namen gibt es noch nicht. De:Bug: Danke für deine Zeit. —- ZITAT: Clientside functionalty again Parallelen zur Minimal Elektronischen Tanzmusik sind im Design direkt erkennbar

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.