Der Klang als inneres Kino
Text: Oliver Tepel aus De:Bug 172

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Die Barrieren zwischen dem Elektronischen und Akustischen waren nichts als Illusionen und verschwinden zusehends. Sprach Bibio und zelebriert irgendwo zwischen Electronik und Folk ein neues 2013, das dem Aktualitäts-Diktat der Songs und Tracks einen Gegenentwurf präsentiert: draußen, und zwar mit echten Gefühlen.

Text: Oliver Tepel

Wenn wir Bibio kennenlernen, wähnen wir uns draußen. Dem leichten Schuhwerk angemessen schlendernd, kommt er die Straße herunter. Auf der “Cherry Blossom Road” oder der “Ambivalence Avenue”, das macht keinen Unterschied – oder doch? Ich vertage die Antwort auf später und folge Bibio lieber in den – wie es das Cover verheißt – frühlingshaften Blütenzauber seines neuesten Werks “Silver Wilkinson”. Hier tanzen Stimmungen und Strukturen miteinander, Songs und Field Recordings geben kleine Beobachtungen wieder, neue Instrumente werden ausprobiert, vornehmlich im Dienst der zugleich beschaulichen wie experimentellen Stücke. Ein alter Disney-Score? Eher Momentaufnahmen, mal in mehr, mal in weniger farbenfrohen Nuancen, Nachtstimmungen, ein kühler Wind, der letzte Kauz der ruft, jene durchaus beunruhigende Kontemplation zu später Stunde. “Das mit der Nachtstimmung kann ich nun aber gar nicht nachvollziehen”, unterbricht Bibio die Assoziationskette. In die Dunkelheit mag er mir nicht ohne Weiteres folgen und führt aus: “Das Album spielt draußen im Freien. Manchmal ist es sonnig, manchmal kalt und bewölkt. Abgesehen von ‘Look at Orion!’, in dem wirklich die Nacht erklingt. ‘Wulf’ klingt für mich wiederum nach einem einsamen Wesen an einem menschenverlassenen Strand im Sturm. Dunkler, grauer Himmel und ein weiter, düsterer Horizont voller Blau- und Grautöne. Da ist irgendwas an dieser Baritongitarre, das sie so traurig und einsam klingen lässt. Das Cello der Gitarrenwelt.”

Also doch dunkel? Vielleicht beschreibt das Album ja die nie ganz eindeutigen Schritte auf der Ambivalence Avenue oder die Gefahr der Interpretation. Musik vermittelt Sinn nicht immer so präzise, wie es Worte vermögen. Doch den knapp 35-jährigen Stephen Wilkinson aka Bibio interessiert genau dieses Exakte. Er begann um 2005 mit einem dokumentarischen Blick auf die Töne. Sie hatten etwas abzubilden, gleich einer Fotografie, einem Filmausschnitt. “Ich würde sagen, dass sich meine frühen Werke um solche kleinen Momente drehten, reflektiert in Tracks, die an Vignetten und kurze Interludes erinnern. Das neue Album erscheint mir größer. Klar, auch hier sind persönliche Momente und Erinnerungen abgebildet, aber eben auch fiktionale Geschichten und Ideen. Es ist multitimbraler, produzierter und akkurater. Wo meine frühen Alben eher etwas von Home Movies hatten, ist ‘Silver Wilkinson’ filmischer.”

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Halt, stop!
Worüber reden wir hier? Baritongitarren, Erzählungen – und in ihrem Kern dann Songs. Trotz aller Synthesizer und anderer digitaler Gerätschaften könnte Bibio auf Heftseiten befremden, auf denen jahrelang eher Tracks, Abstraktionen und neueste Technik verkündet wurden. Doch längst, nicht erst mit Bibio, erreicht der Song wieder die Sphäre der elektronischen Lebensaspekte. Auch als um 1988 eine klare und zusehends striktere Trennlinie zwischen Gestern und Zukunft aktueller Musik gezogen wurde, glimmten die alten Strukturen noch. Und immer wieder lockten Gesang und Hookline auf die Tanzfläche. Was dort zu hören war, bestimmte im konstanten Ideenfluss lange Jahre die Vorstellungen des Neuen. Vielleicht als Antithese klangen anderswo wieder unverstärkte Gitarren auf. Spätestens um 2003, als mit Devendra Banhart und Coco Rosie eine junge Generation von Singer-Songwritern als “New Weird America” zum Trend wird, fällt der Begriff Folk. Unsere etikettierungsversessene Gegenwart subsummiert auch Bibios erste Alben unter “Elektronika/Folk”, so als könne dieser Querstrich sowohl Membran als auch Adhäsiv sein.
Doch wovon, zwischen was? Ist nun wieder Zeit für seltsame Synthesen? Und war nicht die Elektronik als Speichermedium der Tod des Folks? Verdrängten nicht Aufnahmegeräte die oralen Traditionen und machten Folk zu seinem eigenen Klassizismus, während das Große Ich des Pop die alten Geschichten ablöste? Stand nicht deswegen der Veteran der US-Bürgerrechtsbewegung, Pete Seeger, bereits anno 1965 mit der Axt auf dem Newport Folk Festival um die Stromleitung zu Dylans Set zu kappen? Alter Tobak, aber immerhin einst eine Kollision von Weltbildern. Doch auch wenn Folk heute im engeren Sinn wenig mehr als ein Label ist, eine Sound-Idee, so bleibt “Elektronika/Folk” doch eine eigentümliche Konstruktion. Man könnte sich auf dem Weg zu Bibio nun auch auf die französische Linie von Daft Punk über Air zu Phoenix berufen oder auf Retro-Easy- oder Retro-Soul-Elektronika aus Wien oder von Zero 7. Vom Track zum Soundtrack und weiter zum, wieder sehr traditionell klingenden, Song. Erhellungen oder doch eher Irrlichter des letzten Jahrzehnts. Nur bei Bibio schien das anders, jener komische Querstrich von “Elektronika/Folk” versinnbildlicht bei ihm vielmehr ein von zwei Seiten bespieltes Band. Die selben Tonköpfe der tragbaren Rekorder, welche die aufgespürten alten Folkies in den USA und in Großbritannien der Fünfzigerjahre verewigten, und dabei ein wenig die Zeit anhielten, nahmen an anderen Orten auch das Singen der Vögel auf. Folk- und Ambient-Field-Recordings haben dieselbe Quelle. Da wären wir wieder bei Bibios kleinen Vignetten der frühen Jahre.

Bibio, der alte Twitcher
“Ich kehrte zu einigen älteren Ansätzen und Techniken zurück, aber sie expandierten zugleich in neue Produktionsstile. Auf der Suche nach einem größeren Sound, der aber nicht zu glatt klingen sollte.” – Tatsächlich ist das die formale Essenz von “Silver Wilkinson”. Aus Vignetten und Tracks wurde etwas altes Neues: die Rückkehr des Instrumentals, der Klang als inneres Kino. Im Auftaktstück erblühen erste Narzissen, untrügliche Frühjahrsboten. Sie wachsen zeitraffergleich mit diesen etwas hakeligen und doch anmutigen Bewegungen dem Licht entgegen. Dann singt Bibio im verhallten Raum “Somebody waits for you, maybe to long for you”, während der Sound wie eine Spieluhr kreist und schließlich in ihrem Klimpern endet. Es scheint, als ob Bibio näher als andere an einer Synthese all der divergenten Ideen und Stile dran ist. Er berichtet von sich als Skater Boy, der von Rock und Metal zu Jazz findet und plötzlich eine Liebe zu Portishead entwickelt. Alles fand nahezu archetypisch Eingang in seine musikalische Welt: die Minimal Music von Steve Reich, John Adams und Philip Glass, die Warp-Künstler der Neunziger und im letzten Jahrzehnt die Incredible String Band und Nick Drake. “Mit meiner Leidenschaft für instrumentale elektronische Musik hörte ich die Gitarren auf eine andere Weise. Die Barrieren zwischen dem Elektronischen und Akustischen waren nichts als Illusion und verschwanden zusehends.”

Auf jedem seiner Alben funkelt so ein schwungvolles Pop-Stück, heuer “A tout à l’heure” in all seiner Catchyness. Doch anders als etwa auf dem etwas zerklüfteten Vorgänger “Mind Bokeh” führt der Hit nun sanft in ein Instrumental, um über eine begrünte Landschaft zu gleiten, als sei es für einen neuen Soundtrack von Martin Rosens Trickfilmklassiker “Watership Down” gedacht. Es ist einfach sinnlos, aus “Silver Wilkinson” etwas auszugrenzen. Auch nicht “You”, das auf Bibios Cut-Up-HipHop-Experimente der letzten Jahre zurückgreift und sich dennoch einfügt. Längst hat man sich in der Wahrnehmung der Musik einer Bilderwelt des “Draußen” verschrieben. Also springt der Track durch Pfützen und verhallt in seinen letzten Sekunden zu einem Interlude, das ins thematisch angemessene “Raincoat” überleitet, dem vielleicht schönsten Stück des Albums. Und hier regnet es wirklich hinein. “Watching the wind blowing rain on my window” – Der introspektive Singer Songwriter sanfter Nachhippietage erscheint mit einem versonnen Lächeln, ein Saxophon bereichert das Arrangement bis der Song im Drone von Rotorblättern und mit Kirchenglocken abklingt.

Draußen, ja, in vielerlei Hinsicht. Nach Witch House, Hypnagogic und inmitten einer neuen Welle von Dream Pop erscheint dies alles wie aus der Zeit gefallen. In Seelenruhe montiert Bibio aus all den Überbleibseln der Neunziger- und Nullerjahre eine Essenz, mit der nicht mehr zu rechnen war. Aber es gelingt ihm mit erstaunlicher Konsistenz. Als ich wage, nicht weniger dem Hier und Jetzt entfremdet, ihn nach Poesie zu fragen, erwidert Bibi, dass es dafür keiner Worte bedarf: “Ich habe starke Ideen und deutliche Bilder im Kopf und versuche, sie in die Songs zu bekommen. Manchmal sagt die Musik dabei schon genug. Diese Essenz der Poesie lässt sich auch in anderen Kunstformen finden.” Nein, es ist nicht das samt schimmernde, manieristische 1975 und er weder Gene Clark noch Art Garfunkel. Dies ist ein Stand der elektronischen Lebensaspekte anno 2013!
So komisch es auch scheint, so stimmig wird es, wenn du auf dem Heimweg am Ende der Nacht, während das Leben um dich herum schon wieder begonnen hat, diese Musik auf dem iPod spielst. Vielleicht sind wir ja alle so oder so aus der Zeit gefallen.

Bibio, Silver Wilkinson,
ist auf Warp/Rough Trade erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.