Steroide für die Tanzfläche
Text: Julia Kausch aus De:Bug 172

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Das Londoner Duo Biceps verteilt seine Garage-Coolness nur in kleinen Dosen; an Alben sollen doch bitte die anderen scheitern. Sind das nur Muskelspielchen auf dem Dancefloor? Ihre neue EP ist der nächste Bitch Slap – mit breiter aufgestellten und gewohnt breitbeinigen Tracks.

Text: Julia Kausch

“Wir versuchen auf jeden zu verzichten, der nicht unbedingt involviert sein muss”, sagt Matthew McBriar und fügt an: “Tatsächlich empfinde ich es als störend, wenn zu viele Leute bei der Musik mitwuseln.” Die beiden muskulösen Sportsfreunde aus Belfast haben im letzten Jahr durch Releases auf Love Fever Records und Will Sauls Aus Music ordentlich vorgelegt. Seitdem verbringen sie kaum mehr eine Nacht im eigenen Bett. Begonnen hatte alles mit ihrem Blog “Feel My Bicep“, den sie anfangs noch zu fünft betrieben: “Damals haben wir viel ’80s und Italo Disco gehört. Wir dachten nicht, dass die Musik wahnsinnig gut wäre, es war einfach lustig und hat Spaß gemacht. Wir dachten uns dann: Was ist der lächerlichste, tuntigste Name, der uns einfällt”, sagt Matt lachelnd.
Sie sind die nicht-schwule Schwulen-Fraktion. Wer Biceps Blog besucht, stößt auf die unterschiedlichste Musik, gerne bebildert mit dem jungen Arnold Schwarzenegger, aus einer Zeit “als er noch in seinem Element war”, lacht Andy Ferguson. Die Gestaltung wird von der omnipräsenten Bicep-Triskele dominiert, drei muskelbepackten Armen. Die Auswahl treffen die beiden immer noch selbst, auch das Artwork stammt von ihnen. “Wir haben vorher beide im Design-Bereich gearbeitet, deshalb ist es für uns selbstverständlich, dass wir alles selber machen. Wenn es dein Projekt ist, wird es niemand besser machen als du.”

Mit ihrer Do-it-yourself-Attitüde haben sie es weit geschafft: Gerade kommen sie von ihrer zweimonatigen Nordamerika-Tour zurück. “Big muscles, fake tans, weird hair cuts”, beschreiben die beiden Miami South Beach zum alljährlichen Spring Break. “Amerika ist etwas total anderes, die Leute dort entdecken diese Art von Musik gerade erst”, berichtet Andy. “Obwohl viele der Sachen, die wir spielen, eigentlich aus Amerika kommen. Aber sie verhalten sich eher passiv, wollen nicht aktiv nach Platten suchen, sondern nehmen einfach das, was ihnen die Europäer, also unter anderem wir, vorsetzen. Es ist eben kommerzieller, vielleicht liegt es an der Größe des Landes. Die meisten Promoter versuchen trotzdem noch auf den vorbeifahrenden EDM-Zug aufzuspringen.”

No muscle – no hustle
Kennen gelernt haben sich die beiden im zarten Alter von vier Jahren, beim nicht so zarten Rugby-Spielen; später gingen sie gemeinsam zur Schule. Andy erinnert sich: “Wir waren Freunde, haben aber noch nicht daran gedacht, Musik zu machen. Erst zu Beginn des Studiums haben wir gemerkt, dass es uns nicht mehr reicht, nur in Clubs zu gehen und die Musik zu hören. Wir wollten sie selber machen.” Musikalisch gesehen war Belfast eine gute Schule. “Durch den Nordirland-Konflikt stellt die Presse Belfast gerne als apokalyptisches Höllenloch dar, das stimmt aber nicht.” Ansonsten ist es grau und regnerisch, es gibt nicht viel zu tun, Auflegen ist deshalb das gängige Hobby auf der Insel im Atlantik. Ihre Einflüsse ziehen Bicep zu großen Teilen aus ihrer Jugend im Club Shine. “Ich erinnere mich an einen Abend dort, da waren wir vielleicht 16 oder 17 und wollten Green Velvet sehen. Underground Resistance haben oben gespielt, Richie Hawtin auf dem mittleren Floor. Die Line-Ups waren immer unglaublich. Wir konnten die Musik damals noch nicht genau einordnen, aber sie hatte definitiv großen Einfluss auf uns”, erzählt Matt. “Selbst an der Uni staunten die Kommilitonen über derartig gute Bookings. Die Musik schweißte uns zusammen”, fügt Andy an. Musste sich auch: Biceps Wege trennten sich für eine Weile – und Musik brachte sie wieder zusammen. Matt lebte in Dubai, Andy in London. Ideen für neue Tracks schickten sie sich per Mail, “zurück kam dann ein komplett anderer Track, das hat einfach nicht funktioniert.” Matt schmiss seinen Job im Mittleren Osten, um sich ganz auf die Musik zu konzentrieren. Heute leben beide in London.

Erste große Erfolge konnten sie mit “$tripper” und “You” verbuchen – gesampled, gepitched und als Garage-Monster wieder ausgespuckt. Viele Vocals. Ihre neue EP “Stash” löst sich langsam von diesem Konzept, dafür wirkt der Sound immer selbstsicherer. “Wir brauchen einfach Abwechslung und wollen nicht zulange in eine Ecke gestellt werden”, sagt Matt, “wir haben auch schon komischen dubby Techno veröffentlicht, die Leute kennen diese Seite von uns aber einfach nicht, weil sie erst im letzten Jahr auf uns aufmerksam wurden.” Dabei ziehen sich die Einflüsse von Techno, ’70s und ’80s bis hin zu Brian Eno. “Meine Mutter war Tanzlehrerin, sie hatte die merkwürdigste Musik”, sagt Matt. Trotzdem muss es vorwärts gehen, stehen bleiben geht nicht. “Ich bin einfach schnell von einer Musikrichtung gelangweilt, wenn ich zuviel davon höre, mittlerweile sogar von 90er-House. If I hear one more piano chord, I swear I’m going to die”, lacht Andy. Er liebt das rohe Gerüst, “rough and ready”. Die neue EP wird dominiert von der 909, die langsam von Jersey nach Detroit wandert. Inspiration für die Titel war HBOs “The Wire”: “Die Musik versprüht diesen Ghetto-Vibe, das war das Gefühl, das wir beim Produzieren hatten. Das hat ganz gut gepasst.”

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70 Tracks in der Hinterhand
In London verbringen sie die meiste Zeit im Studio. Dort produzieren sie in Dauerschleife: “Wir fangen etwas Neues an, sind schnell gelangweilt, fangen etwas Anderes an, sind wieder gelangweilt – es ist ein ständiger Wechsel”, erklärt Matt ihren Arbeitsprozess. Sie haben etwa 70 Tracks in der Hinterhand, arbeiten gerade an einem Titel mit Simian Mobile Disco und könnten ein Album in einer Woche fertig stellen. Geplant ist das jedoch nicht, zumindest nicht in nächster Zeit. “Falls wir jemals eine LP aufnehmen sollten, muss es etwas Besonderes sein”, meint Matt, “es muss kohärent sein, das fehlt den meisten Alben, die im Moment rauskommen.” Erstmal wollen sie ihr Studio fertig stellen, neue Hardware ist auf dem Weg. “Wir arbeiten viel analog, als nächstes versuchen wir gute Sänger zu finden, um etwas ganz Persönliches aufzunehmen. Das braucht seine Zeit”, sagt Andy.
2012 haben sie ihr gleichnamiges Label Feel My Bicep ins Leben gerufen. Der nächste Release ist nur noch eine Timing-Frage. “Wir haben es überhaupt nicht eilig.” Sie lassen sich nicht gern reinreden, deshalb kümmern sie sich auch um alles selbst. “Wir sehen das eher entspannt. It’s always meant to be very light hearted”, grinst Andy.
Dabei hilft auch der Proteincocktail, der gerade in ihrem Namen kreiert wurde. “Wir haben auf unserer Australien-Tour einen Anruf bekommen”, erklärt Matt. “Eine Bar in Melbourne hat einen ‘Feel My Bicep’ entwickelt. Das ist Grapefruit, Wassermelone, Limette und eine teure Gin-Sorte. Der kostet 30 Dollar und ist ihr Bestseller.” Darum geht es schließlich: “No muscle – no hustle.”

Bicep, Stash EP, ist auf Aus Music erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.