Stefan Heidenreich über Ikone und Heimkaff
Text: Stefan Heidenreich aus De:Bug 124


Che Guevara, Foto: Alberto Korda 1960, bearbeitet von Jim Fitzpatrick 1967

Das berühmteste Foto des 21 Jahrhunderts, heißt es, das meist reproduzierte, zählt man alle Varianten mit. Alberto Korda hat Che Guevara am 5. März 1960 in der Pose des Revolutionshelden geschossen. Che stand im Hintergrund, während Castro eine Rede im Angedenken an die Opfer einer Munitionsexplosion im Hafen von Havanna hielt.

Seitdem hat das sich Bild zu einer Ikone des Widerstands jedweder Art entwickelt. Es ist zu einem Vorläufer viralen Marketings geworden, wenn man so will. Anfangs verbreitete es sich nur langsam. Korda verschenkte Abzüge des Bildes an Freunde. Erst 1967, kurz von Che Guevaras Tod, fand es sich erstmals auf Zeitungs- und Buchcovern.

Die zur Ikone stilisierte Druckfassung stammt von dem irischen Künstler Jim Fitzpatrick. Nicht nur, dass er die Vorlage auf die martialischen Farben Schwarz-Weiss-Rot mit gelbem Stern reduzierte, er veränderte auch einige Details. Die Augenbrauen zog er ein wenig nach oben. Über der Schulter fügte er seine Initale ein, ein umgekehrtes F. Erst nach Che Guevaras Tod warf er die Druckmaschinen an und gründete gar eine Firma, um der weltweiten Nachfrage nachzukommen.

Soviel zum Technischen. Wie aber kommt das Bild zu seinem Status als Ikone? Erst der Tod des Helden hat es freigestellt, um rhetorisch aufgeladen zu werden. Solange er lebte hätte er dem eigenen Bild Schaden zufügen können und sei es nur dadurch, dass er immer neue Bilder hervorbringt. Erst sein Tod macht das Bild frei. So gesehen tritt es an die Stelle einer Christus-Darstellung. Mit dem Unterschied, dass die Bilder des Gekreuzigten erfunden werden konnten, während sich hier um genau dieses eine Bild und kein anderes die Reproduktionsmaschinerie schließt. Der Held wird im Bild zu einem unsterblichen Halbgott, das Bild zu einem Symbol, das seine Anhänger sucht und findet.

Biberach an der Riss, 11. Mai 1968 Foto: Zeitschrift “Underground“ 1968

Wenn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre, hätte die Che-Ikone auf dem Bild der kleinen Demonstration aus dem Jahr 1968 auftauchen müssen. Wie man aber sieht, stand die Versammlung repro-technisch auf einem recht veralteten Niveau, mit genagelten Holzkreuzen, bestickten T-Shirts und beschrifteten Leintüchern.

In den letzten 50 Jahren gab es zwei Gelegenheiten, bei denen das Nest, aus dem ich komme, für mehr als 20 Sekunden in der Tagesschau erschien. Irgendwann in den 80ern stürzte ein Starfighter in der Nähe ab. Ums Haar, so behaupteten lokale Apokalyptiker, hätte er eine pharmazeutische Fabrik getroffen und allerlei unbekannte Substanzen und Organismen freigesetzt. Das hätte dem Einschlag zu mehr Bedeutung verholfen, so die geheime Hoffnung.

Etwas früher, vor meiner Zeit sozusagen, kam nicht der Zufall zu Hilfe, sondern der Ort bracht es fertig, im Puls der Welt so mitzuschwingen, dass er für einen Moment gleichauf mit den Städten schien, von denen die Bewegung später ihren Ausgang nahm. Nicht dass die hier abgebildeten Herrn Heilig und Leupolz etwa Anfang Mai 1968 Weltgeschichte geschrieben hätten. Aber als letztens dieses Foto in der FAZ wieder erschien, klärte mich ein Freund darüber auf, dass Biberach sich damals an die Spitze einer Politisierungsbewegung deutscher Schülergruppen gesetzt hatte. Das Bild zeigt einen lokalen Moment des Glücks und der Geschichte.

Von ihrem kurzen Ruhm hatten die Akteure wenig. Der eine vergrub in den frühen 70ern Waffen im Wald, um auf die Revolution vorbereitet zu sein. Später eröffnete er ein Geschäft für Hippie-Klamotten, Räucherstäbchen und indische Accessoires. Der andere wurde Maler, fühlte sich aber mit seinem lokalen Erfolg so zufrieden, dass seine Bilder nie Anlass gaben, ihn über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt zu machen. Und der revolutionäre Impuls erlosch eine halbe Generation später in dem zufrieden schläfrigen Zustand einer “freundlichen Einkaufsstadt“.

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Elektronische Lebensaspekte.