Wäre Wall of Sound nicht so eine ur-englische Kumpel-Bastion, würden sie vielleicht wehmütig auf goldene Big-Beat-Zeiten mit den Propellerheads zurückblicken. Aber so freut man sich über Zoot Woman und frönt dem schmunzelnden Anekdoten-Dropping.
Text: Mike Riemel aus De:Bug 75

Big Beat

Wall Of Sound wird 10
Debug gratuliert und hört zu

Big Beat und Rave. Bei den Chemical Brothers heißt es Rave und Big Beat. Beim englischen Label Wall of Sound eben andersherum. Beide sind aber Teil eines großen Feierimperiums, das in seinem selbstverständlichen, bierselig schulterklopfigen Egalitäts-Drang so nur Anfang der 90er in UK wachsen konnte. Ein Feierimperium, in dem man nicht rückblickend über die alten, chaotisch improvisierten Amateurzeiten, sondern über die Abstecher in die fettigen Major-Kochtöpfe wegwerfend grinst. Und in dem man es gelassen hinnimmt, wenn man nach Zeiten bombastischster Major-Hofierung nur noch am goldenen Faden von Röyksopp und Zoot Woman hängt. Der Gründer des Wall-of-Sound-Labels Mark Jones setzt sich zurecht und holt zum 10-jährigen Label-Jubiläum ein paar handfeste Anekdoten raus.

Mark Jones: Oh Boy, wie oft habe ich mich gefragt: weitermachen oder verkaufen? Als es mit den Propellerheads durchstartete, 1997, 1996, als wir uns die heißeste Band gegriffen hatten, was haben wir da mit den Ohren geschlackert, wie weit die Majors gehen würden. Es wurde richtiggehend hysterisch. Ich wurde am Ende in Landschenken zum Essen eingeladen, weil alle Londoner Nobelrestaurants abgeklappert waren. Und frag’ mich mal nach Frauen. Ich war ein lediger Mann damals …
Alex Gifford von den Propellerheads hat mich schließlich vom Major-Karren weggezerrt. Er wollte unabhängig arbeiten und hat mich überzeugt, dass wir es schaffen können. Wir haben’s geschafft.

Debug: … und du bist immer noch nicht müde?
Mark Jones: Ein Indie-Label schaukelt sich durch solch enorme Aufs und Abs, das hält einen ordentlich wach. Und wenn es gut ist, dann ist es WIRKLICH gut. Rock’n’Roll. Ohne das Label hätte ich zum Beispiel nie Nile Rodgers von Chic getroffen. Er kam zu unserer Wall-Of-Sound-Nacht in New York. Mein Gott, bin ich ein Fan von ihm. Ich klammerte mich an sein Gesicht, hielt ihn fest, ganz dicht. Rodgers sagte nur: “Yeah, hi.” Dann: “Security, könnten sie diesen Typ von mir abhebeln?” Schließlich: “Was zum Teufel ist das für ein Psychopath?” Das waren seine drei Sätze zu meiner Person. So cool, richtig cool.

Debug: Gehst du noch viel aus?
Mark Jones: Mein Lieblingsort heißt “Melotonian Dreams”.

Debug: Melotonian Dreams?
Mark Jones: Yeah, so eine kleine Pille, die dich im Schlaf in die wildeste Gegend führt …

Debug: Welche Musik hat dich als Teenager angetrieben?
Mark Jones: Ich stand auf Abba und Blondie. Abba, Blondie, The Clash, ABC … Ich liebe Pop-Musik. Und Gabba – ein bisschen. Wir hatten eine WOS-Nacht in Rotterdam und vertaten uns in der Adresse. Also landeten wir auf einer Gabba-Party. Verrückt, fucking intensiv.

Debug: Oho, aus der Ecke wehen neue Pläne für Wall Of Sound?
Mark Jones: Nö, ich plane keine neuen Acts. Wir hatten aber mal eine 10Inch, die klang wie Gabba-Rock falsch herum, von Pascal R. Sehr Nerven-beruhigend.

Debug: Mit “Les Rhythms Digitales” und “Zoot Woman” ist Wall Of Sound nicht ganz unschuldig am 80s-Hype …
Mark Jones: Das hingegen finde ich gar nicht Nerven-beruhigend. Als wir deren Album “Dark Dancer” herausbrachten, hielt es die Mehrheit für einen Witz. Es war aber ganz autobiografisch Liebhaber-mäßig gemeint. Niemand hatte sich gesagt, okay, lass uns die 80er wieder erfinden. Sobald sich Elektroclash genau das sagte, wurde es wirklich zu einem Witz, einem schlechten. Wenn ich noch eine Platte höre, auf der eine Frauenstimme “Bhoo … Berlin” krakeelt, bringe ich jemanden um!

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Elektronische Lebensaspekte.