Debug hat die Fotoprofis Ines Folk-Koffan und Hartmut Haller zur Diskussion über Fotoästhetik und -image in Zeiten der allgegenwärtigen Digicam gebeten. Folk-Koffan, 31, ist Fotografin und unterrichtet Mediengeschichte an der Fachhochschule für Gestaltung in Buxtehude. Haller, 54, ist Pressefotograf in Berlin und hat sich seit Mitte der 80er auch als Portrait-Fotograf für Prominente aus Politik und Showbiz einen Namen gemacht. Haller verfügt über eines der größten Bild-Archive von Berliner Celebrities der letzten 30 Jahre. 
Text: walter opossum aus De:Bug 107

SELBSTBILDER KNIPSEN
MEDIEN-KOMPETENZ VS. VERBLÖDUNG

Debug: Aktuelle Buzz-Wörter wie der “Leser-Reporter” oder “user generated content” künden davon, dass Kameras auf breiter Fläche im Alltag angekommen sind. Hat das ihrer Meinung nach Auswirkungen auf die Fotoästhetik?

Folk-Koffan: Auf jeden Fall! Aber was wir heute sehen, ist ja einerseits nur das Ende einer langen Entwicklung, die Jahrzehnte gedauert hat und in deren Verlauf Fotografieren und auch Filmen seinen elitären Charakter langsam verloren hat – und zwar sowohl ökonomisch wie technisch. Andererseits ist der aktuelle Boom von Digicams und Fotohandys noch längst nicht das Ende der Fahnenstange: Wenn Kameras erst einmal wirklich permanent von jedem mitgeführt werden, dürfte es qualitativ noch einmal ein großen Sprung geben …

Haller: Entschuldigung, aber da muss ich gleich mal unterbrechen bzw. mich übergeben: Wo soll denn bitte ein “qualitativer Sprung” herkommen? Wenn ich im Kellerbrackwasser anfange zu springen, habe ich nachher Modder an der Hose und stehe noch genau an der gleichen Stelle wie vorher … Menschen, auch ganz bekannte, schwitzen im Rampenlicht immer. Doch als Profi hast du die Möglichkeit zu entscheiden, ob du sie schwitzen lässt oder nicht. Das ist eine Frage des Momentes, des Lichts. Wir können entscheiden, interpretieren. Normalos knipsen! Und noch viel wichtiger: Digicams rauben der Fotografie ihre Seele! Erst muss die räumliche Tiefe dran glauben, dann die Details, und wenn sich alle an den Schrott gewöhnt haben, sollen auch wir Profis plötzlich digitalen Mist abgeben, merkt ja eh keiner, das finde ich echt zum Kotzen.

Folk-Koffan: Moment, ich hatte ja gerade erst angesetzt, und dem Durchschnittsbürger ein unterirdisches Niveau zu bescheinigen, ist auch überhaupt nicht konstruktiv. Wir können nämlich schon heute beobachten, wie sich das allgemeine Wahrnehmungs-Niveau deutlich steigert und verfeinert: Hier haben die Jahrzehnte der Selbstbeobachtung durch Urlaubsfotos und auch der Medienkonsum schon gewaltige Veränderungen bewirkt. Zudem können sie ihre Bilder jetzt auch einfach online veröffentlichen und von anderen beurteilen lassen: Portale wie Designclicks oder stern.view entwickeln durch ihre Vergleichsmöglichkeiten ein grundsätzliches Bewusstsein für Ästhetik. Auch Laien wissen heute ziemlich genau, wie ihre Fotos und wie sie selbst vor einer Kamera wirken, das können sie nicht bestreiten!

Haller: Klar, kann ich, sogar mit Hand in der Hose – Wenn die Leute sich angeblich so gut auskennen mit ihrer Außenwirkung, dann würden sie ja nicht alle so Scheiße aussehen, oder? Das Einzige, was sich da ändert, ist der Grad der Selbstverarschung. Und: Warum sollte ich mich von einem Laien bewerten lassen. Allein der Vergleich hinkt, niemand von denen muss sich in die erste Reihe drängeln. Sie mögen zwar in ihrer kleinbürgerlichen Akribie die Technik der Tiefenschärfen beherrschen, doch das sagt noch lange nichts über das Motiv, den Augenblick. Das ist nichts anders als Mutti mit Enkeln auf dem Sofa zu inszenieren. Obwohl das, zugegeben, schon ein anspruchsvolles Motiv darstellt. Der Laie arrangiert den Augenblick und Mutti wartet auf den Blitz. Professionals fangen den Moment ein. Der allein durch seine Authentizität ein Statement ist. Deshalb gibt’s bei uns auch nie rote Augen. So sieht’s doch aus!

Folk-Koffan: Sie fotografieren doch eh nur Schwarz-Weiß …

Haller: Aber das jedenfalls kontrastreich …

Debug: Ok, der Reihe nach, wie drückt sich das aus: Das Wissen um die eigene Wirkung vor der Kamera bzw. die Illusion derselben?

Folk-Koffan: Eigentlich liegt der Mechanismus doch auf der Hand: Vor hundert Jahren sind die Leute höchstens ein paar mal in ihrem Leben zum Portraitfotografen gegangen, vor fünfzig Jahren haben dann schon weite Kreise regelmäßig selbst zu besonderen Anlässen wie dem Urlaub oder Familienfeiern fotografiert und inzwischen sehen wir uns andauernd selbst auf Fotos: Das kann ja nicht wirkungslos bleiben, die meisten Menschen inszenieren sich heute also aufgrund zahlreicher Erfahrungswerte selbst, sobald ein Objektiv auf sie gerichtet wird. Gleichzeitig hat sich aber auch der Blick durch das Objektiv professionalisiert, hier findet der gleiche kollektive Lernprozess statt wie vor der Kamera. Wir können das bei neuen Klassen ganz gut beobachten, die sich in meinen Kursen zuerst viel gegenseitig fotografieren müssen, da muss inzwischen einiges an aktiver Arbeit geleistet werden, damit die Schüler wieder beim unbedarften Blick beginnen, auf den dann unsere Ausbildung aufbaut …

Haller: Also wenn die Kids heute was im Übermaß haben, dann doch wohl Unbedarftheit, oder um es klarer zu formulieren: Blödheit. Nur weil sie blind rumknipsen und den Schrott dann ins Netz stellen, haben sie immer noch keinen blassen Schimmer, worauf es beim Fotografieren ankommt. Und als Models sind sie auch nicht zu gebrauchen, weil sie alle sonstwas für Flausen im Kopp haben, Nee, nee, nee …

Debug: Kann es sein, dass sie mit der “Selbstinszenierung” und den “Flausen im Kopf” das gleiche Phänomen meinen, aber grundverschieden bewerten?

Haller: Wir meinen auf keinen Fall das Gleiche! Gute Fotografen müssen erst mal durch die Scheißhölle von Autobahnunfällen und Bezirkswahlkämpfen, da schleift sich dann der Blick mit Disziplin und unter Schmerzen! Der Anspruch an das gute Bild liegt nämlich ganz woanders: ‘Haller, komm zum Interviewtermin mit ins Hotel’, heißt es doch in der Praxis, und das bedeutet: Warte drei Stunden und hab dann zehn Minuten Zeit, auf einer Capellini-Couch ein aussagekräftiges Photo mit ‘ner Zicke zu arrangieren. Da baust du keine Lampen mehr auf. Da geht’s um Handwerk und die Erfahrung, wie die Zicke locker gemacht wird – und zwar Zack-Zack! – damit auch bei Scheiß-Licht die Atmosphäre stimmt. Wobei Atmosphäre immer vom jeweiligen Bildredakteur definiert wird, der dir das Ganze abnimmt. Und Atmosphären gibt es viele: Stern, Focus, HörZu, Dummy. Das sind atmosphärische Amplituden. Scheiß drauf, Hauptsache, es ist scharf. Frag mich mal nach einem Briefing. Da heißt es immer, mach was Gutes, hast wenig Zeit.

Folk-Koffan: Mit genau DER Haltung wird doch bloß das Paparazzitum befördert, mit der die mühsam erlernte, kollektive Medienkompetenz in einem Strohfeuer vor die Hunde geht! Entschuldigung, aber so was regt mich auf. Wir befinden uns doch gerade an einem ganz heiklen Punkt in der Medienentwicklung, wo es darum geht, ob die weitere Fahrt in Richtung Bild-Leserreporter geht, was auch bedeutet, dass die Ästhetik völlig irrelevant wird, Hauptsache, es wurde ein Promi “abgeschossen”. Oder aber – und hier sind die Profis als geduldige Lehrer und Korrektiv gefragt – oder aber wir nutzen die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte und die fantastische Technik, die uns heute zur Verfügung steht, um eine ganz neue, kollektive Wahrnehmungs-Ästhetik zu entwickeln. Diese Wahrnehmung bietet nämlich die Chance, sowohl Freude an der Schönheit dieser Welt zu erzeugen, als auch das Bewusstsein für die Probleme, gerade im sozialen Bereich, zu schärfen. Mit ihrer Haudrauf-Vorgehensweise fördern Sie jedenfalls nur das billige Spannertum …

Haller: Scheißt doch der Hund drauf, ist mir doch egal, ich muss jetzt Robbie Williams portraitieren, die olle Zicke: Da verdiene ich übrigens mehr als sie mit ihrer Kuschel-Pädagogik in fünf Jahren. Tschö mit Ö!

Debug: Frau Folk-Koffan, Herr Haller, wir danken Ihnen für das interessante, kontroverse Gespräch.

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Elektronische Lebensaspekte.