Text: stefan heidenreich | stefan@debug-digital.de aus De:Bug 53

Bilder

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Nina Simon: George W. Bush. F.A.Z. Sonntagszeitung, 30.9.2001

Frei nach Rodin – George W. in der Pose des Denkers. Selbstverständlich gezeichnet, denn es wird kaum gelingen, den ersten Kreuzritter der Post-Postmoderne in dieser Pose zu fotografieren. Die Zeichnung leistet Imagetransfer im wahrsten Sinn des Wortes: Zu Hause gibt Bush den Cowboy, führt mit markigen Sprüchen den unermüdlichen Kampf gegen das Böse, “dead or alive”. Für Europa, wo sich mit der Western-Mentalität keine Mehrheiten mobilisieren lassen, muss ein anderes Gesicht her. Nina Simon zeichnet den besonnenen Präsidenten, den weisen Krieger, der wohlüberlegt seine chirurgischen Schnitte ansetzt. Was dem Präsidenten trotz allem fehlt, ist eine gewisse gelassene Heiterkeit – wie sie etwa das Gesicht seines Erzfeindes Osama Bin Laden auszeichnet.

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Siemens-Werbung. Spiegel 40/01

Josche A.s neue Ordnung. “Du wirst ein Musterbeispiel an Effizienz und Ordnung”, verspricht der Text zum Siemens GPRS (sehr schöne Abkürzung). “Du wirst nie mehr eine Verabredung verpassen.” Was haben sich die Werber dabei gedacht? Offenbar ist ein paar findigen Ingenieuren wieder einmal etwas eingefallen, das weder wirklich praktisch noch besonders “cool” ist. Lösung: doppelte Negation – etwas noch Unbrauchbareres, das auch nicht funktioniert, aber dabei Sympathien abwirft. Weil Siemens nicht soviel Geld ausgibt wie Kaufhaus, muss Josche A. die Kreuzung aus Verona F. und H. Schmidt mimen, was ganz gut gelingt. Sehr besonnen (s.o.) widmet er sich seinem privaten Post-it-System. Ob GPRS die Probleme besser löst als die Birne auf dem Tisch, ist unerheblich. Das richtige Produktumfeld ist hergestellt: das Bild macht lustig, der Ausfall der herrschenden Ordnung ist cool und das Produkt wird platziert. Hol dir die Birne!

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http://www.geocities.com/Area51/Rampart/5256/osama.jpg

Rasterfahndung – do it yourself. Fight the terror! Im Zug der jüngsten De:Bug-Ermittlungen hat Google eine neue Spur zu Osama.jpg aufgedeckt! Der erste Verdachtsmoment trifft mit dem Beginn der Fahndung zusammen. Das Raster erklärt erst einmal alle für verdächtig. Glück hat, wer durch die Maschen des Siebes fällt. Doppelt schwer im Fall Osama, haben sich doch gerade diejenigen als die übelsten Übeltäter erwiesen, die sich so normal wie nur möglich verhalten. Pizza essen, grüne Jacke, blaue Hose usw. … Was tun mit einer Rasterfahndung, bei der zu allererst die verdächtig sind, die als unverdächtig durchfallen? Was tun mit Osama? Begeben wir uns mit Sherlock Holmes und Carlo Ginzburg ganz altertümlich auf Spurensuche. Das erste Pixel des Bildes im links oberen Eck hat folgende RGB-Werte: Rot162, Gelb: 182, Blau: 206. Das entspricht im ASCII-Zeichensatz der Zeichenfolge ¢¶Î , die in Wingdings verwandelt ¢Œ ergibt – der Angangsverdacht scheint bestätigt.

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aus De:Bug 36

http://www.zdnet.de/kamera/kam-wc.html ³Beobachten sie unsere News-Redakteure Susanne Rieger, Dietmar Müller und Martin Fiutak bei der Arbeit…;-)”. Da dachte man immer: dass auf die Videoüberwachung ohnehin niemand draufschaut. Aber hier ist die Webcam Volkseigentum. Hätte das den real existierenden Sozialismus retten können? Volkseigene Arbeitsplatzüberwachung volkeigener Betriebe? Hallo Susanne! Hallo Dietmar! Hallo Martin! Hört ihr mich? Ich habe vom 4.Mai eine Aufnahme, bei der Dietmar eine gute Stunde lang am Arbeitsplatz schläft. Wieviel wäre es wert, diese Information zu unterbinden? Oder: ihre Arbeitsüberwachungsbot hat festgestellt, dass am 24.8.2056 ihre Informationsleistung in KBit/h 60% unter normal lag. Leistungsanforderungen: Sie werden pro kBit bezahlt und unterliegen am Arbeitsplatz öffentlicher Überwachung gemäß der alten Straßenverkehrsordnung. I wanna webcast, baby … >sh 0 0 0 (3 Punkte) ……………………………………………………………………………………………………………….. http://www.cityscope.de/pp/index.html Seit 1994 beobachtet die Cityscope-Webcam den Aufbau des Potsdamer Platzes. Nicht stündlich, sondern in einer recht geruhsamen Frequenz, bislang 61 Fotos über 6 Jahre verteilt. Das Bild hier zeigt nur einen kleinen Ausschnitt des Panoramas. Man kann sich nochmal alles in Ruhe anschauen. Die Bilderfolge sieht aus wie die Simulation der Bauplanung, so als sei alles nicht tatsächlich gebaut, sondern nur animiert. Man könnte noch Hoffnung haben. Schließlich sieht jetzt auch alles dort wie animiert aus. Für einen Moment kommt der ³wie war das noch”-Flash: wie war das noch mit dem WMF unter der Leipziger Strasse? Auf den Bildern sieht die Geschichte nicht so aus, als hätte sie so komen müssen, sondern eher wie eine von vielen Möglichkeiten, unter denen man noch immer die Wahl hat. Man kann sich recht gut eine andere Webcam vorstellen, die eine andere Version der Bauarbeiten und der Wirklichkeit zeigt. >sh 0 0 0 0 (4 Punkte) ……………………………………………………………………………………………………. Macquarie-Island Station, Tuesday 9th May 2000, 9.12 PM. Ein Bild vom anderen Ende der Welt. ³Ein ungewöhnlich sonniger Morgen heute. Viele Gantoo-Pinguine leben auf dem Landstreifen rund um die wissenschaftlichen, meteorologischen und Kommunikationsgebäude. Hier sind einige von ihnen wie sie sich am Strand sonnen. Wetter: 0,8o C, Wind NW 27 Knoten.” Man sollte einen Bildverkehrsglobus aufstellen, der auf einer großen Kugel zeigt, von welcher Stelle der Welt Bilder an eine andere geliefert werden, hinter welcher Linse sich welche Augen versammeln, wo große Ströme fließen und wo nur ein Bild im Monat dröppelt. Wer weiss: vielleicht gibt es den großen Pinguin-Fan-Club, dessen Mitglieder jedesmal nach dem Aufstehen erst einmal nachschauen, was während der Nacht am anderen Ende des Globus los war. >sh 0 0 0 0 0 (5 Punkte)

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