Zwischen den Zeilen sehen mit Stefan Heidenreich.
Text: Stefan Heidenreich aus De:Bug 142

Dass Mücken große Probleme bereiten können, während große philosophische Probleme sich einfach erledigen lassen, soll hier und heute anhand dieser beiden Diagramme bewiesen werden.

Alain Badiou, seines Zeichens nach dem Tod aller anderen Lichtfiguren – Lacan, Barthes, Foucault, Deleuze, Derrida und so weiter – der unbestritten größte Stern am französischen Denkerhimmel – und das will hier ausdrücklich als eine relative und nicht absolute Wertung verstanden sein – malt zu seinen Vorträgen gerne Diagramme. Dieses hier datiert aus dem Jahr 2006, man findet es aber auch auf der Umschlag-Rückseite seines jüngsten Buches, des 2. Manifestes für die Philosophie. Warum ein zweites Manifest? Ganz einfach, weil das erste bereits 1989 erschien.

Beider Ziel war es, so Badiou, ein “großes Werk” in einfacher Form zu mobilisieren. Damals ging es um “Sein und Ereignis” und die Frage der Wahrheiten. In Teil zwei dagegen um seinen nächsten Schinken “Die Logik der Welten” und die Frage ihres Erscheinens. Wir wissen das sehr zu schätzen, dass der Philosoph sich bemüht, seine Gedanken von einem Umfang von 500 auf 150 Seiten zu schrumpfen. Mit Hilfe das Diagramms lässt er noch einmal einen radikalen Schritt folgen und geht herunter auf eine Seite.

Es sei kurz wiedergegeben. Im Gebiet des Sein von den indifferenten Vielheiten her läuft die Reihe wie folgt ab: Dasein & Erscheinung > Logische Konsistenz > Transzendenz > Inexistenz > Punkt -> Ereignis. Klar? Und von der anderen Seite, in der Region des Subjekts, geht das so: Kreative Gegenwart > Neuer Körper > Existenzbedingung > Spur > Organe > Ereignis. Alles sehr einfach, sehr gradlinig, keine Schnörkel.

Wir finden das außerdem sehr elegant und subtil, wie er Widersacher und verstorbene Konkurrenten in der Liste auf den hinteren Plätzen mit unterbringt: Negris Vielheiten, Heideggers Dasein, Sartres Existenz, Derridas Spur, Deleuzes Organe. Alle führen zum großen König Ereignis, Alain himself. Bravo!! Bravo!! Natürlich muss im Detail noch manches ein wenig erklärt werden. Aber dazu gibt es ja die genannten Bücher. Keine größeren Schwierigkeiten.

Dagegen die Mücke. Ein verschlungenes Problem. Keine logische Konsistenz. Sinnestäuschungen. Schmerz. Abrupte Änderung des Existenzmodus (Schlaf -> Wach). Verwirrung. Hass, Zweifel. Warten. Sinnlosigkeit der Existenz. Die Wahl mehrerer Möglichkeiten. Inkonsistenz des topologischen Bezugsraumes. Körperliche Aktivität. Destruktion. Vernichtung. TOD!!! Blutspuren. Und erneuter Wechsel des Existenz-Zustandes.
Q.E.D.

Fotos:

Alain Badiou
http://students.washington.edu/schenold/badiou/index.html
auch in: Alain Badiou – Second Manifeste pour la Philosophie, Fayard 2009, Back Cover

Christoph Niemann
http://niemann.blogs.nytimes.com/2009/09/14/good-night-and-tough-luck/
auch in: Dataflow 2, Gestalten 2010, S. 32

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Elektronische Lebensaspekte.