Während sich deutsche und europäische Paare bei der amtlichen Bekanntgabe ihres Verhältnisses noch gern ganz einfallslos an verordnete Bildmuster des privaten Glücks halten, hat sich in China das Genre der Hochzeitsfotos offenbar mächtig weiterentwickelt.
Text: Stefan Heidenreich aus De:Bug 136

Bilderkritiken
Fotos: FAZ 08.09.09

Es wird als Bild eines gemeinsamen Lebens inszeniert und der Vorstellung, die man, das heißt in diesem Fall wohl tatsächlich einmal Mann, sich davon macht, genauer gesagt der aus Film und Fernsehen bekannten Vorstellung, die man mangels eigener Einbildungsgabe kopiert.

Abgesehen von der ewig gleichen Figur der Braut in weiß, ungefähr so aufregend wie im späteren Leben der Mann im schwarzen Anzug, hat sich die chinesische Populärfotografie die Ikonographie des Kinos und der Computerspiele erschlossen. Allein da der ganze Film nicht gedreht, das ganze Spiel nicht zu spielen ist, bleibt unklar, wie die Szene eingebettet ist. Im Zweifel eben im wirklichen Leben, das dann wieder ganz anders aussieht.

In unserem Fall ist es schwer zu sagen, ob der junge Bräutigam die Braut entführt hat, ob er sie vor etwas retten muss, ob sie gerettet werden will, oder ob er sie nur auf seinem ganz eigenen Film mitschleppt, als Beute in Form eines weißen Stoffbündels. Ich stelle mir also eine Wohnung in einem Hochhaus am Rand einer mittelgroßen chinesischen Millionenstadt vor, deren Familienaltar künftig jenes Foto vom Privatfeldzug des Familienoberhaupts ziert. Man muss schon eine Menge Dissonanz aushalten können, um den Widerspruch zwischen dem wirklichen Leben und dem gewünschten Krieg auf Dauer hinnehmen zu können.

Damit hat unser Verteidigungsminister nun wieder keine Probleme, mit dem Widerspruch zwischen gewünschtem Krieg und wirklichem Leben. Denn in dem Feldzug, den die blödsinnige Geostrategie unserer atlantischen Allianz uns nun einmal aufgenötigt hat, löscht der gewünschte Krieg hin und wieder wirkliches Leben aus. Das hat ein Krieg nun einmal so an sich, sagen die etwas strammeren Kommentare in vielen Zeitungen. Kehren wir an die nächtliche Szenerie zurück.

Da bleibt ein entführter Tanklaster in einem Flussbett stecken. Vielleicht um ihn leichter zu machen und wieder flott zu kriegen, vielleicht weil es Frei-Diesel gibt, macht sich alles was Beine hat aus dem nächstgelegenen Dorf auf den Weg, um die verfügbaren Gefäße, Krüge, Kanister, Fässer zu füllen.

Unterdessen hat der deutsche Offizier seine guten Drähte in den verbündeten Himmel aktiviert, um Rache anzufordern, die auch alsbald eintrifft. Denn es könnte sich bei den Tanklastern um eine Bombe handeln. So vervielfältigen die wirklichen Bomben die Wirkung der möglichen Bombe und verwandeln die Nacht am Fluss in ein Blutbad. Wie viele Verwundete es neben den Toten gab, wissen wir gar nicht.

Welch ein Unglück, sagt der US-General. Denn schließlich sei man zum Schutz der Bevölkerung da. Und um gegen die Taliban, nachdem man sie erst als Feind des Feindes gegen die russische Besatzung jahrzehntelang genährt und gerüstet hat, einen freien und demokratischen Staat aufzubauen. Als ob das bei den anderen befreundeten Staaten im nahen Osten, den Saudis, den Emiraten oder in Kuwait eine Rolle spielen würde. Und als ob Soldaten, selbst zu Friedensengeln umerzogene, dazu je geeignet gewesen seien.

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Elektronische Lebensaspekte.