Zwischen den Zeilen sehen mit Stefan Heidenreich
Text: Stefan Heidenreich aus De:Bug 149

Ich mag Museen. Und obwohl man heute ein Museum nach dem anderen baut – hauptsächlich als den Standort aufwertende architektonische Versuchsanordnungen ohne wirklichen Zweck – kommt uns die Idee, ein Haus zu bauen, in dem Bilder gezeigt werden, ein wenig eigenartig vor. Wir laden uns Bilder aus dem Netz, stellen sie online, schauen sie in der Kamera an. Die ganze Idee des Bildes als ein schwerfälliges, materielles Ding, bei dem auf eine dünne Oberfläche Farbpigmente aufgetragen werden, ist doch etwas Absurdes geworden.

Kürzlich hörte ich ein Kind seine Mutter beim Anblick einer Telefonzelle fragen: “Was ist das, Mama?“ Und nach der Antwort: “Warum telefonieren die Leute nicht mit ihrem Handy?“ Auf ähnliches Unverständnis müsste bei einem ganz und gar in der Gegenwart lebenden Menschen der Vorschlag stoßen, ein Haus zu bauen, um darin Bilder zu zeigen. Ein Haus? Warum?

Einsamkeit vor den Bildern
Aber es ist ja doch ein Glück, dass es diese Häuser gibt. Und ich gehe gerne hin. Meistens sind sie leer, weil umsichtige Verwaltungen zu allem Überfluss die meisten Leute, die den Zweck der Gebäude ohnehin zusehends weniger verstehen, mit einer kleinen Gebühr davon abhalten, sie einfach einmal auszuprobieren. Also finde ich mich in Deutschland – nicht wie in der Nationalgalerie in London, die ich zur Mittagszeit nur ganz großartig voll kenne – in einer gewissen Einsamkeit vor den Bildern wieder. Das gilt natürlich nur für die Museen, die sich nicht als touristische Attraktion vermarkten. Eine Wärterin schleicht herum und wundert sich, was der Gast will. Ich komme mir ein wenig wie in einem Einkaufsladen in der DDR vor, wo jeder Kunde als potenzielles Ärgernis betrachtet wurde.

Das obige Porträt habe ich in der Staatsgalerie Stuttgart gefunden, ohne mir den Maler zu notieren. Es gibt eine Epoche der Porträtmalerei, die zwischen Fotografie und Ikonographie liegt. Die ikonographische Anordnung blendet das Persönliche der Person meistens aus. Das Gesicht gefriert, Figuren geraten in ein Schema. In der Fotografie taucht plötzlich das Gegenteil auf, die nichtige Geste, die dumme Fratze. Dazwischen gibt es eine Phase, in der das gemalte Gesicht eine Stimmung wiedergibt, als wollte man sich schon dem fotografischen Moment annähern. Dann hätte Jonathan Crary mit seiner These von der Vorahnung der Fotografie in der Romantik doch recht, was ich nicht glaube.

Karge Einöden, durch die der Wind faucht
Die anderen Bilder stammen ungefähr aus derselben Zeit. Und der Maler Carl Rottmann unternimmt darin etwas Ähnliches, ohne dass ich genau sagen könnte, worin die Ähnlichkeit der Bilder liegt. Er hat sich, einer alten Tradition folgend, auf die Reise zu den antiken Stätten gemacht. Dabei sind Landschaften herausgekommen, auf denen als einzige menschliche Spur neben ein paar Steinen vielleicht einmal ein Hirte bei einer Herde Schafe zu sehen ist. Von der Größe der Städte wie Sparta oder Delos ist nichts mehr übrig. Rottmann hat verlassene, wilde Gegenden gemalt, nicht einmal sommerliche Idyllen, sondern karge Einöden, durch die der Wind faucht.

Man könnte nun sagen, der verbindende Aspekt in beiden Bildern besteht im frühen Realismus. Aber das trifft die Sache nicht. Denn es geht beiden nur vordergründig um die Wirklichkeit. Die junge Frau hat einen Brief bekommen. In der Landschaft ist ein Hirte unterwegs, vielleicht auch ein Wanderer, ein Bote. Zur selben Zeit wurden übrigens auch die großen Museen gebaut.