Stefan Heidenreich über Markierungsstreifen
Text: Stefan Heidenreich aus De:Bug 125


Obama in Berlin
Russland marschiert in Südossetien ein
(ddp 22.07.08 und afp 08.08.08)

Ja, das ist die Siegessäule. Ja, sie stand erst woanders, in der Nähe des Reichstags. Und ja, Herr Hitler ließ sie 1938 umstellen. Sie sollte Teil von Groß-Germania werden. Einige Alliierte wollten sie später sprengen, aber da sie nur den lang zurückliegenden Sieg der Preußen über Dänemark feiert, blieb sie stehen.

Aber nein, das ist nicht die Siegessäule. Es ist das Washington Memorial. Und es ist nicht Obama, sondern Martin Luther King bei seiner Rede – ”I have a dream“. Nein? Wie die Bilder sich gleichen.

Warum sie dem alten Washington einen Obelisken hingestellt haben, wissen nur die Illuminaten. Und warum am Fuß des Obelisken geschrieben steht: Fy iaith, fy ngwlad, fy nghenedl Cymru — Cymru am byth – meine Sprache, mein Land, mein Staat Wales – auf ewig Wales. Das weiß keiner. Globalisierung Anno 1890.

Um was ging es wieder an der Siegessäule an jenem schönen Tag im Juni? Ach ja … um das Thema ”wir“. Die Sache mit dem Wir ist nicht so einfach. Es will erst einmal erfunden werden. Wer gehört dazu, wer nicht. Bei Herrn Bush gab’s noch Schurken. Da wusste man wenigstens, wer nicht dabei ist. Das ist bei Herrn Obama nicht klar. Alle können mitmachen. Dass er gar nicht zu uns gesprochen hat, ist da nicht weiter aufgefallen. Schließlich wird er in Amerika gewählt, nicht in Berlin.

Es war also eine Rede, die sich an ein Publikum ein paar tauend Kilometer im Westen gerichtet hat. Wir waren nur ein Ersatz-Wir. Trotzdem waren wir alle da. April, Ralph, ich, Pit, Mercedes … Wir sind alle hingegangen. Um einmal wieder ein Wir zu sehen, seit es die Loveparade nicht mehr gibt und wir die Fußball-Meisterschaften lieber in kleinen Buden anstatt auf der Fanmeile anschauen, Silvester eh nicht.

Wie war’s? Gut. Dann – Cymru am byth!

* * *

Ich wollte schon immer in den Kaukasus fahren. Europas höchstes Gebirge. Ich weiß, Europa endet an der Manytsch-Niederung und am Ural. Aber jetzt, wo Russland in Südossetien endet und Georgien ohnehin schon bei der Qualifikation zur Europa-Meisterschaft mitmacht. Es wird höchste Zeit, den Kaukasus als genuin europäische Tourismus-Destination zu erschließen. Spätestens zu den Winterspielen 2014 wird es ohnehin so weit sein. Billigflüge an die abchasische Riviera und so weiter. Kommt alles.

Es gibt eine Art von touristischer Gentrifizierung, die uns bevorsteht. Zuerst werden Bilder verbreitet, die der Laie als politische Berichterstattung versteht, Panzer etc. Aber eigentlich geht’s um Berge, Landschaft, unberührte Natur. Denn mit den Truppen kommen die Fotojournalisten. Dann kommt der Katastrophentourist. Der eben nicht am K2 sein Leben riskieren will, sondern im Hagel längst verflogener Kugeln von Srebrenica bis Ruanda. Dann kommen die Backpacker, immer auf der Suche nach Neueinträgen für den letzten aktuellen LonelyPlanet. Glaubt jemand, sie fahren ins benachbarte Dagestan, nachdem für Süd-Ossetien so viel Werbung geschaltet wurde?

Dann wird investiert, Hotels, Flughäfen, Straßen. Dann kommen wir, und dann der ganze Rest. Praktisch zeitgleich. Denn wir sind der Rest. Was sehen wir also auf diesem Bild? Eine recht ansprechende Berglandschaft. Die Straßenverhältnisse sind in Ordnung, auch wenn der mittlere Markierungsstreifen mal wieder nachzuziehen wäre.

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Elektronische Lebensaspekte.