Ein Magazin aus Israel ohne Text und die Sache mit dem rechten Winkel.
Text: Stefan Heidenreich aus De:Bug 122


picnicmagazine.net
Foto: Ariel Schlesinger

Schnee ist auf den SUV gefallen. Das Logo des Sportnutzfahrzeugs ist gut bekannt, aber nur zur Hälfte sichtbar. Über den Rippen des Kühlergrills beulen sich Schneelagen zu Gängen und Höhlen auf. Es ist morgens. Bald wird der Herr aus dem Haus kommen, das Zeug in Fahrt setzen, um den Platz, an dem er arbeitet, zu erreichen.

Solange das noch nicht geschehen ist, lässt sich der halbe Kreis einmal mehr nicht von dem Zeichen für Frieden unterscheiden. “Sire, ihr Gehirn mag armselig aussehen, möbliert mit niedrigen Tischen, konischen Leuchtern an senkrechten Fäden, mit Musik, die den Geschäftsgeist löchert, aber ihr Wagen fährt auf dieser Welt nicht zu übersehen durch Paris spazieren. … Wenn ihr von euren Fabriken zurückkehrt, die in den Mulden der Landschaft herumliegen wie ebenso viele stinkende Scheißhaufen, wenn ihr die Portière beiseite schiebt und Eure Salons betretet, so kommen Euch mehrere Frauen entgegen, in Seide gehüllt, wie grüne Fliegen.“

Das hätte ich schöner nicht sagen können. Aber ich weiß nicht, ob damit überhaupt etwas gesagt ist, das die Auswahl dieses Bildes erklärt. Picnic ist ein Magazin aus Israel, das nur Bilder zeigt, kein Stück Text. Beim Blättern gab es genug Motive zu sehen, zu denen ich ohne weiteres sofort etwas zu sagen gehabt hätte. Aber dieses hier wollte abgebildet sein. Obwohl oder gerade weil es nichts sagt. Und obwohl es dazu so wenig zu sagen gibt, dass ich Francis Ponge zu Hilfe nehmen musste, um überhaupt irgendwohin zu gelangen.

Happy Birthday Oscar Niemeyer
In: 032c.
Foto: Todd Eberle

„Der rechte Winkel zieht mich nicht an, und auch nicht die gerade, harte inflexible Linie, die der Mensch geschaffen hat. Was mich anzieht, ist die freie und sinnliche Kurve, die ich in den Bergen meines Landes finde, im mäandernden Lauf seiner Flüsse, in den Wolken des Himmels, im Leib der geliebten Frau.

Das ganze Universum ist aus Kurven gemacht“, gibt der hundertjährige Herr Niemeyer zu Protokoll. Da sitzt der alte Herr von Büchern umgeben und denkt in sich hinein. Sein Schreibtisch mit Bücherschrank gleicht einem Altar. Wenn man ihm Glauben schenken will, so wird ihn dieser Altar im Ganzen nicht sonderlich anziehen. Strotzt er doch nur so vor rechten Winkeln und hält die Bücher in einem ganz geordneten Kastensystem am Stehen.

Im Zentrum des Aufbaus, dort wo andere Altare den Gekreuzigten aufstellen, hat Niemeyer indessen sein gekrümmtes Universum vor sich. Eine Schwarzweiß-Fotografie zeigt drei nackte Mädchenkörper, aufgereiht in der Reihe der Kurven von Scham zu Arsch zu Busen. Ja, der tägliche Kampf gegen den rechten Winkel bedarf besonderer Techniken männlicher Versenkung.

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Elektronische Lebensaspekte.