Zwischen den Zeilen sehen mit Stefan Heidenreich. Dieses Mal über Urlaubsfotos von Politikern im Wahlkampf...
Text: Stefan Heidenreich aus De:Bug 135

Bildkritik

Ohne Auswahlaxiom.
Mit der Wahl kommt ein altbekanntes Problem der Politik auf uns zu: Die Auswahlkriterien von Kandidaten unterscheiden sich drastisch von ihrem Aufgabenprofil. Das ist ungefähr so, als bilde man Leute erst ein paar Jahre lang zu Metzgern aus, um dann unter ihnen denjenigen zu bestimmen, der die Bank führen soll. Aber man soll das Politische ja nicht an Personen festmachen. Nun bieten die Programme der Parteien allerdings wenig Anhaltspunkte zur Entscheidung an. Vor allem dann nicht, wenn man vorausschauend einrechnet, was davon nicht umgesetzt wird. Wir sind also auf die Person und deren Bilder zurück geworfen.

Die Parteien sind nichts anderes als die Orte der falschen Selektion. Sie bilden ein vergiftetes Soziotop, das genau jene Figuren hervorbringt, die am Ende zur Wahl gestellt werden. Lang vorbei die Zeit, als sich Politiker mit eigener Agenda in diesem Milieu behaupten konnten. Die Parteien geben wieder ganz im Sinn von Max Weber das Bild der Stellenjäger-Vereine ab, in denen sich durchsetzungswillige Karrieristen ihre Posten sichern wollen.

Man kann nicht einmal behaupten, dass sich die Lage ohne Parteien notwendigerweise bessern würde. Siehe Italien, wo die Macht der Organisationen gebrochen ist, und stattdessen ein Medien-affiner Populist unter wechselnden Parteinamen den Laden schmeißt. Bei uns dagegen tritt gegen die Kanzlerin vom Typus verbohrte Hausfrau der Herausforderer in Gestalt des verkniffenen Beamten an. Die Wahl ist so gut wie entscheiden, da es der Amtsinhaberin gelungen ist, in vier Jahren so gut wie jeden Fehler zu vermeiden. Das reicht als Kriterium zur Weiterbeschäftigung vollkommen aus.

Der Urlaub kurz vor dem Wahlkampf bietet den Kandidaten die Gelegenheit, ihr staatsmännisches Bild um ein privates zu ergänzen. Merkels Berater-Team hat ihr empfohlen, auf Urlaubsfotos aus dem Vorwahlkampf ganz zu verzichten. Zu groß das Risiko, es könnte noch etwas schief gehen. Deshalb zeigen die Zeitungen zu der Meldung, sie halte sich in Südtirol auf, Bilder vergangener Ferien. Und auch nur jene, auf denen der Hintergrund in Ischia so aussieht, als könnte er zu den Alpen passen. Der Herausforderer darf keine Chance auslassen, Boden gut zu machen.

Und so versucht er sich im klassischen Bildformat der Familie vor Postkarten-Hintergrund. Weder engagierte er einen guten Fotografen, noch wählte er ein brauchbares Motiv aus oder nahm sich auch nur die Zeit, auf gutes Wetter zu warten. So sehen wir vor umwölkten Hügeln den verkniffenen Geheimdienstler bei dem linkischen Versuch, mit seiner eigenen Frau zu schäkern. Ein Jammer.