Stefan Heidenreich über Wertigkeiten
Text: Stefan Heidenreich aus De:Bug 132


Hans Strack: FAZ-Werbung mit Reich Ranicki

Beide Bilder erwecken falsche Eindrücke. Seltsamer Plural, aber es ist tatsächlich nicht ein Eindruck, es sind zwei, einer in jedem Bild. Hat die Zeitung in Gestalt eines greisen Bücherwurms das Fernsehen vernichtet? Nein. Hat sie nicht. Beide sind zusammen dabei unterzugehen, oder sagen wir es diplomatisch: sich zu wandeln. Hat der Grantler uns über den Zustand des Fernsehens Bescheid gesagt? Nein. Wussten wir schon vorher.

Aber er hat im Fernsehen Bescheid gesagt. Und das war tatsächlich ein großer Auftritt des alten Mannes. Hat er doch nicht nur den Fernseh-Zuschauern zu verstehen gegeben, dass ihnen laufend Blödsinn serviert wird, sondern auch gleich noch den verantwortlichen Herren Intendanten, die obendrein noch live aufgenommen wurden, wie sie sich RR’s Tirade mit verkniffenem Grinsen anhörten. Das war schön anzusehen.

Aber es darf mit einem Sieg der Zeitung nicht verwechselt werden. Der Leser alter Schule wird nicht auferstehen. Die Szene findet eine andere Fortsetzung. Denn der Alte wird wohl von seinem Fernsehtrümmerthron herabgestiegen sein, aber die Zeitung bleibt zerknittert und zerfleddert zwischen den Fernsehern liegen. Um im Bild zu bleiben und den falschen Eindruck zu korrigieren.

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Merlin Carpenter: Banks are bad

Merlin Carpenter macht es ganz locker mit seinen jüngsten Ausstellungen. In einer Serie von Shows unter der Bezeichnung “Opening“ nutzt er die Eröffnung, um die Bilder vor Ort herzustellen. Mit einem dicken Pinsel schmiert er einige Slogans in Schwarz auf weiße Leinwand. Das ist eine gute Idee. Warum lang herumsudeln, wenn es kurz nicht nur schneller, sondern auch noch erfolgreicher geht.

Eine rasch gefüllte Leinwand verkauft sich ebenso gut oder mittlerweile ebenso schlecht wie eine langsam gefüllte. Immerhin brachte er es dieses Mal bis in den Guardian und zu Bloomberg. Dreistigkeit und kalkulierter Dummheit sei Dank. “Die Collector Scum – Sammler-Abschaum, verrecke!“ war der letzte Carpenter-Smash-Hit im Herbst 2007 in New York. Dieses Mal lief der Slogan “Banks are bad“.

Über den Ladentisch gehen die Bilder zu 20.000 Pfund. Herstellungszeit zehn Minuten für sieben Stück. Der Claim “Kunst=Kapital“ verkauft sich sofort, drei andere sind bestellt, meldet Bloomberg und zeigt die schlechten Banken auf der Website. Und was ist der Eindruck, der falsch sein soll? Als sei Kunst dieser Art je gegen die Banken gewesen, denen die Sammler ihre Vermögen anvertrauen. Oder gegen die Messen, die nicht umsonst in Basel am besten laufen, wo Banken beide Augen zudrücken.

Um 50 Prozent schätzt man den Anteil von Schwarzgeld und Geldwäsche am Kunstmarkt. Dass Banken “bad“ sind, haben wir erst kürzlich gelernt. Die Kunstszene wusste es schon länger und hat sich damit prächtig arrangiert. Aber daran, dass Banken schlecht sind, hat die Kunst nie etwas auszusetzen gehabt und Merlin Carpenter wohl auch nicht, nur ums noch einmal klar zu stellen, hätte dieser Eindruck je aufkommen wollen.

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Elektronische Lebensaspekte.