Stefan Heidenreich über Kunst ohne Politik.
Text: Stefan Heidenreich aus De:Bug 137


Auf dem Screen: Thomas Demand. Nationalgalerie
Im Buch: Jason Dodge: Amethist, garnets and rubies inside of an owl.

“Nationalgalerie” hat Thomas Demand seine Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie genannt. Das kann ironisch gemeint sein, muss aber nicht. Das Gleiche gilt für seine Bilder. Sie könnten ironisch gemeint sein, sind es aber vielleicht eher doch nicht. Und noch einmal das Gleiche gilt für die Machart der Bilder.

Demand lässt seine Assistenten aus Pappe ein Motiv nachbauen, fotografiert das Modell ab und vernichtet es danach. Wer hat nicht schon alles in den Demand’schen Produktionsstätten Papp-Fitzel gecuttet, gerne auch ein paar Hundert kleine Blätter, und sie später zum Modell zusammengesetzt. Das könnte immer alles ironisch gemeint sein, aber wahrscheinlich soll es ganz ernst genommen werden.

Wahrscheinlich will und wollte Demand mit seiner Modellbau-Serie schon immer den Olymp unserer nationalen Ehrengalerie erklimmen. Er hat sich gerne Bildstoffen von staatstragender Bedeutung angenommen. Unvergessen die Nachbildung der Badewanne in Genf, in der damals Ministerpräsident Barschel tot aufgefunden wurde. Das Bild ging durch die deutsche Presse, und Demand hat die Wanne minus Barschel nachgepappt. Hier nun der Ausschnitt aus dem alten Bonner Bundestag der unvergessenen Bonner BRD.

Für den Katalog hat er den Dichter Botho Strauss gefragt – ja, den ”anschwellenden Bocksgesang“-Strauss, ganz ironiefrei – einige Texte beizusteuern. Das liest sich so: ”Erinnerung an eine zauberhafte Dürftigkeit, beinahe Unschuld, von heute aus empfunden, die jede Frühe besitzt, auch die eines Staatswesens, die Bundesrepublik der ersten Jahre.“ Wir sollen das so ernst und wichtig nehmen wie die Nationalgalerie.

Sieht man von den zu Staatskünstlern entrückten Stars der 90er ab, geht es in der Welt der Kunst in letzter Zeit wieder ein wenig innerlicher, sensibler, poetischer und unpolitischer zu. Die letzte Biennale in Venedig hat Werke mit expliziter politischer Bedeutung kategorisch ausgeschlossen. Große Themen sind nicht mehr gefragt, eher der Rückzug aufs Persönliche, gerne gepuffert von akademischen Theorien, die in philosophischen Autoritäten ihren Halt suchen.

”Amethyst, garnets and rubies inside of an owl. During the embalming process, gems have been placed inside of an owl“ heißt das Werk von Jason Dodge. Ob die Edelsteine tatsächlich in der toten Eule liegen oder nicht, spielt eigentlich keine Rolle. Ob und wann und wie viele Tierkadaver als aufgeladene Objekte im letzten Jahrhundert Kunstgeschichte angefertigt und ausgestellt wurden, vielleicht schon eher, aber das verschwimmt im gnädigen Schummerlicht des Poetischen. So kehrt das Werk wieder einmal ganz zum Betrachter zurück, macht es sich in der heimeligen Zweisamkeit der imaginierten Privatkopie gemütlich.