Stefan Heidenreich über Feinheiten auf anderen Planeten
Text: Stefan Heidenreich aus De:Bug 127


Vogue India Juli 2008 / Chris Nieratko: Vice Magazine (Book)

Suche nach Differenz treibt Blüten. Die Herren von der indischen Vogue hatten sich wieder einmal einfallen lassen, die sozialen Ungleichheiten vor ihrer Haustür für eine nette Kulisse zu gebrauchen. Mit einem Kleintransporter voller Luxusgüter haben sie sich aufs Land begeben, das Zeug den verarmten Eingeborenen umgehängt und sie in der temporären Verkleidung abgelichtet. Es scheint den Betroffenen keinen Schmerz zugefügt zu haben, traut man seinen Augen oder diesem Bild.

Was man nie tun sollte. Denn wie wir wissen, beschneiden Bilder Raum und Zeit. Wie sollen wir uns also die Szene vorstellen? Etwa im Hintergrund einen finsteren Werbeleiter, der sich den Sozialporno für teures Geld erkauft hat? Während Stunden davor und danach ein Alltag von Elend regiert, der für den Moment des Fotos aufgehübscht wird? Wohl ja. Also erhob sich ein Sturm des Protestes. Man dürfe soziale Ungleichheiten nicht in dieser Weise vorführen.

Aber wem fügt das Foto eigentlich Schaden zu? Nicht wirklich den armen Bauern, die für einen Moment Accessoires aus einem Leben bekommen, das sie sich nicht leisten können. Nein, viel eher den Käufern der Dinge, die sich in ihrem Sinn nach Distinktion verunsichert fühlen. Man will sich schließlich nicht von Bauern unterscheiden, sondern im eigenen sozialen Umfeld Geschmack beweisen.

Dass die Objekte des Geschmacks etwas Ausgleichendes haben, weil jeder sie sich umhängen kann, ist eine enttäuschende Tatsache. Ebenso der Verdacht, dass die in Distinktion investierte Summe sich eventuell nicht auszahlt. So richtet sich der Protest nicht eigentlich gegen die soziale Ungleichheit, sondern gegen die ärgerliche Tatsache, dass die feinen Unterschiede durch einen so groben Gegensatz entwertet werden.

Die Unterschiede, die Chris Nieratko auf einer Ausfallstraße in den Staaten aufgegabelt hat, haben mit Feinheiten wenig am Hut, es sei denn mit den Feinheiten auf einem anderen Planeten. Sag mir, welcher Clan du bist, und ich sag dir … ja, was? Sprechen wir noch dieselbe Sprache? Dass die Monster aus World of Warcraft und ähnlichen entlegenen Gegenden irgendwann einmal auf unseren Straßen einfallen würden, darf niemanden ernsthaft überraschen.

Wir hätten es wissen können, aber eine Völkerwanderung steht nicht zu befürchten, nein. Sie sind längst unter uns, wenn auch im normalen Leben weggesperrt hinter Bildschirmen. Wir werden sehen, wen mobile computing aus diesen Löchern noch ans Licht bringt. Die Kleingruppe jedenfalls hat sich in standesgemäßem Aufzug in diese Welt begeben, um hier etwas so Erbärmliches zu tun wie eine Entfernung zurückzulegen.

Gewiss wird es ihnen eigenartig vorkommen, sich plötzlich der Schwerkaft der Gesellschaft aussetzen zu müssen, anstatt sich mit Hilfe eines simplen Zauberspruchs von einem Ort an den anderen zu versetzen. Aber wie wir wissen, hat die reale Welt längst noch nicht die zivilisatorische Höhe der bloß vorgestellten erreicht. Begrüßen wir also die Gäste aus einem fortgeschrittenen Universum. Machen wir ihnen die Existenz auf unserem Planeten leicht. Respektieren wir die Unterschiede, ob fein oder weniger fein.

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Elektronische Lebensaspekte.