Stefan Heidenreich über Wahlpartys
Text: Stefan Heidenreich aus De:Bug 128


Obama Wahlparty, Grant Park Chicago, 4.11.2008

Ganz langsam. Wir wissen alle, was das ist. Aber halt. Tanzen wir den Retro-Panofsky. Also nicht aufsteigend von der Beschreibung des bloßen Sachverhalts hinauf zum symbolischen und ikonografischen Gehalt und weiter zur Ikonologie des kulturellen Umfeldes. Nein, machen wir’s retour. Weg vom Parteitag, weg von der Wahlnacht. Weg von den Hunderttausenden, die sich aus was-weiß-ich-nicht für einem Grund dort versammelt haben.

Im Vordergrund sehen wir zwei eng umschlungene Paare. Die Männer tragen lange Beinkleider, Hosen genannt. Die Frauen dagegen Röcke, die gerade übers Knie reichen. Um das Handgelenk haben sie kleine Kästchen geschnürt, die man Uhren nennt. Sie zeigen die Zeit an. Die Frauen haben ähnliche Frisuren, wenn auch andere Haarfarbe. Sie werde umlagert von einer Menge von Menschen, die zweierlei verschiedenen Beschäftigungen nachgeht.

Die einen schwenken einen buntbedrucktes Stück Stoff. Es zeigt die Farben Blau, Rot und Weiß in einem offenbar charakteristischen Streifenmuster. Die anderen näher am Podium Stehenden sind damit beschäftigt, auf die eng umschlungenen Paare eine Art von Gerät zu richten, das eine runde gläserne Öffnung hat. (Anmk.: Dabei handelt es sich um eine so genannte Kamera und wir müssen davon ausgehen, dass derjenige, der das Bild aufnahm, ein ebensolches Gerät in den Händen hielt.) Das Ganze spielt sich vor einer Szenerie von Hochhäusern ab, also offenbar inmitten einer großen Stadt.

Um was mag es sich bei diesem Ereignis handeln? Wir könnten es mit einer öffentlichen Tanzveranstaltung zu tun haben. Der Tanz ist gerade vorbei. Wir sehen zwei von vielen Pärchen, die sich außerhalb des Bildes auf dem blauen Tanzboden tummeln. Es könnte auch eine Szene am Rande eines religiösen Kultes abbilden, bei dem Paarbildung eine besondere Rolle spielt, etwa während einer Massenhochzeit.

Nun, um die Lage zu klären, ziehen wir ein weiteres Bild hinzu, das am selben Ort zur fast selben Zeit aufgenommen wurde. Wir befinden uns inmitten einer Menge von Menschen. Deren Tätigkeit scheint vor allem darin zu bestehen, Bilder von einem Bild zu machen. Besser: kleine Geräte in die Luft zu halten, die ein Bild zeigen, das wiederum ein Bild zeigt. Wir können davon ausgehen, dass derjenige, der dieses Bild gemacht hat, genau in derselben Haltung dasselbe tut wie die vielen ihn Umgebenden.

Keiner in der Gruppe blickt in eine andere Richtung als auf die Leinwand, die einen Mann im Profil zeigt. Er gleicht einem der beiden Tänzer. Wir können davon ausgehen, dass es sich um ein und dieselbe Person handelt. Er winkt, scheint zu lächeln. Im Hintergrund sehen wir wieder dasselbe charakteristische Streifenmuster. Es könnte ein für die Interpretation der Bilder bemerkenswertes Detail sein, dass keiner der hier Anwesenden dieses buntbedruckte Stück Stoff schwenkt. Warum nicht?

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Elektronische Lebensaspekte.