Ed Ruscha: Course of Empire & San Andreas - Hot Coffee Mod
Text: Stefan Heidenreich aus De:Bug 95

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Ed Ruscha: Course of Empire. Biennale Venedig, Amerikanischer Pavillon

Anfang der 90er Jahre hatte der Maler Ed Ruscha – sein Name wird “Ruschäi” ausgesprochen – eine Serie von Gemälden unter dem Titel “Blue Collar Paintings” gemalt. Arbeiter waren darauf schon damals nicht zu sehen, sondern gradlinige Dachkanten vor wolkenverhangenem Himmel aus zumeist schräger Perspektive. Aufschriften wiesen die Gebäude als Fabriken, Läden, Telefonzellen oder Lagerhäuser aus. Die Atmosphäre der schwarzweiß ausgeführten Gemälde ruft den düsteren Fortschrittsglauben wach, der in autobahnnahen Gewerbegebieten zu Hause ist. Dem Titel der Serie zum Trotz war es nicht zwingend, die Bilder als Dokumente der ökonomischen Verhältnisse zu lesen. Ebenso gut hätte man sie als stilisierte Architekturabbildungen betrachten können. Die Grenze zum Abstrakten wurde nur deshalb nicht überschritten, weil die Worte den Bauten eine Funktion zuordneten.
Für den amerikanischen Pavillon der diesjährigen Biennale hat Ruscha Coverversionen seiner eigenen Arbeiten produziert. Er kehrt zu den Schauplätzen der ehemaligen Lager und Fabriken zurück und zeichnet sie noch einmal aus derselben Perspektive, in Farbe. Ihr neuerlich depressiver Charakter wird dadurch nicht schwächer. Aber der Anlass der Depression hat sich verschoben. An der Stelle der Telefonzelle wächst ein Baum, die Handelsschule ist von einem Stacheldrahtzaun umgeben. Das ehemalige Werkzeuglager ist mit neuen Zeichen bemalt. Auf der Längsseite sieht man chinesische, koreanische und japanische Zeichen, die keinen Sinn ergeben. Die schmale Querseite ist mit Graffiti besprüht.
Der Titel der Serie – Course of Empire – lässt keinen Zweifel an der politischen Intention der Bilder. Sie zeigen den Übergang vom Industriemodernismus der späten 80er zu den wirtschaftlichen Verhältnissen des neuen Amerika. Die öffentliche Infrastruktur verrottet, Arbeitsplätze werden exportiert, Schulen werden mit Stacheldraht gesichert. Die politische Aussage der Gemälde lässt viele Deutungen offen. Man kann sie ebenso gut als Mahnruf eines Neokonservativen lesen, der sich um Sicherheit und Nationalökonomie sorgt. Sie argumentieren nicht, sondern sind Feststellungen. Die Dinge werden in derselben Leere belassen, die bereits die alten Versionen gekennzeichnet hat. “Someday I would like to read Socrates while stuck in the traffic on the Hollywood Freeway”, sagte Ruscha kürzlich im Interview.

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San Andreas – Hot Coffee Mod, Screenshot

Am 9.Juni 2005 brachte der Holländer Patrick Wildenborg einen Mod für das Spiel “GTA San Andreas“ heraus. Er nannte ihn den “Hot Coffee” Mod. Hot Coffee deshalb, weil der Held des Spiels, hat er den Mod installiert, nach einer Einladung zu einer Tasse Kaffee in eine neue, bislang verschlossene Welt des Spiels vordringt. Seit dem 9. Juni enthält das Spiel explizite Sexszenen. Man kann den Zeitpunkt der “Entdeckung” nur als geglückt bezeichnen. Haben die Spiele doch nach einer initialen Hochphase ihrer Vermarktung einen Durchhänger im Verkauf, von dem sie sich nicht mehr wirklich erholen. Nicht so San Andreas. Der Wirbel um die Sexszenen hat dem Spiel ungeahnte Aufmerksamkeit beschert. Nun hat sich gar die Senatorin Clinton eingeschaltet. Sie fordert eine Untersuchung durch die Handelskommission. Die Spielefirma, die die Sex-Szenen im Code angelegt haben muss, will mit den Mods nichts zu tun haben und weist jede Schuld von sich.
Aufschlussreich ist einmal mehr der Moment der Empörung. An einem Spiel, dessen Hauptspaß darin besteht, Autos zu klauen, Leute zu überfahren und auf offener Straße zu erschießen, in dem es die lukrativste Tätigkeit ist, Straßendealer abzumurksen, um deren Geld zu kassieren, hat sich niemand gestört. Die Sexszene scheint des Bösen zuviel zu sein. Man sieht keine Geschlechtsorgane, höchstenfalls entblößte Brüste, die in der erstaunlich schlechten Grafikdarstellung als kantige Gebilde erscheinen. Die Ödnis dieser Sexszenen kann sich mit den Schilderungen von Elfriede Jelinek messen. Geglückt sind sie nur als PR-Manöver.
Weit interessanter erscheint ein anderer Aspekt der Geschichte: In den Patches und Mods steckt ein Potential, das die Spieleindustrie aus einem ihrer größeren Probleme erlösen könnte. Ist ein Spiel einmal durchgespielt, liegt es brach und nötigt Spieler, die sich weiterhin daran vergehen wollen, zum immer gleichen Durchlaufen der gleichen Geschehnisse, unterwegs auf den selbst ausgetretenen Spuren. Weit mehr als es schon der Fall ist, könnten Spiele bald nur noch aus einer endlos aneinander geklebten Serie von Flicken und Variationen bestehen.

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Elektronische Lebensaspekte.

Kaputt ist lukrativ und chic.
Text: Stefan Heidenreich aus De:Bug 98

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Sebastian Lütgert: Voiture4, http://www.piratecinema.org/riotporn/voitures4.jpg, 11/2005

Erst 400, dann 700, dann 1400, dann wieder nur 700. Der Gebrauch von Autos ist um einen Aspekt reicher geworden. Die Anzahl der abgefackelten Wagen dient als Indikator der Gewalt in Frankreichs Vorstädten.
Für das Bruttosozialprodukt eines Landes gibt es keine bessere Maßnahme, als sämtliche Fensterscheiben einzuwerfen. Der Binnenkonsum erfährt einen unmittelbaren Impuls. Die Zerstörung entfaltet ihre positive Kraft. Vielleicht auch deshalb blickt die Wirtschaft so gelassen auf das Zerstörungswerk. Es ist gut so! Für alle Beteiligten. Sieht man einmal von den Autobesitzern und den Versicherungen ab. Die Arbeiter bei Renault hätten allen Grund, sich den Kids anzuschließen.
“Dass die Gewalt gut organisiert sei”, lautete eine amtliche Verschwörungstheorie. Doch die Akteure agieren in der Logik von Rheingolds “smart mobs“: vernetzt, dezentral, impulsiv und spontan, aber ohne Einsatzzentrale, ohne Führung, ohne Plan.
Eine neue Gesellschaftsordnung dämmert mit einer wahrhaft kapitalistischen Utopie herauf. Der drohende Totalausfall der amerikanischen Konsumenten kann durch eine groß angelegte, heimische Gewaltorgie der Selbstzerstörung kompensiert werden.

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David LaChapelle: Shoes Portfolio, Vogue Italia 11/2005

Der Fotograf David LaChapelle hatte sein Kinodebüt mit dem Film “Rize“ über einen Tanzstil von Ghettokids. Dann drehte er einen quälend kitschigen Clip über Liebe, Tod und Jeans für H&M. Nun hat er für eine Modestrecke ein wenig Katastrophentourismus betrieben. Was verbindet die drei LaChapelle-Produkte? Die Antwort ist einfach: Eskapismus, in drei verschiedenen Formen. Die Flucht vor dem sozialen Abseits in den Körperkult. Die Flucht vor dem Konsum in die Liebe oder andersherum. Schließlich die Flucht vor der Naturkatastrophe. Fast kann man von Realismus sprechen. Aber das wäre verkehrt. Vielmehr hat sich die Wirklichkeit auf ein Niveau begeben, das den Wünschen LaChapelles genügt. Zeigen die Bilder den Einbruch der Welt in die Modestrecke oder der Modestrecke in die Welt? Der Unterschied ist nicht ganz unwesentlich, sozusagen von erkenntnistheoretischer Relevanz. Der Bischof Berkeley stellte die seltsame Theorie auf, derzufolge nur das wirklich existiert, was man im Augenblick sieht. Dinge, denen man den Rücken zukehrt, gibt es schon nicht mehr. Es spricht viel dafür, dass LaChapelle ein Anhänger der These von Berkeley ist, auch wenn er es nicht weiß.

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Elektronische Lebensaspekte.

Wolfgang Tillmans: Tony Blair & Michael Ebner: Merkel bei Fischern auf Rügen
Text: Stefan Heidenreich aus De:Bug 97

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Wolfgang Tillmans: Tony Blair, in: truth study center, 2005

Zwischen einigen guten Bekannten – Stefan, Connor, Lutz oder Alex – und Bildern von Schwänzen, Parties oder Stadtansichten findet sich in Tillmans neuem Buch ein Porträt von Tony Blair. Man könnte es überblättern, wenn das Gesicht nicht so bekannt wäre. Blairs Ausdruck unterscheidet sich nicht besonders von dem der anderen Partygänger und Freunde Tillmans. Das Bild des Labour-Leaders und Bush-Kriegers reiht sich bruchlos ein. Das hat womöglich einen einfachen Grund: ”Ich glaube, so kitschig das klingt, ich muss alle, die ich fotografiere, lieben, respektieren oder auf irgendeine Weise umarmen … Das ist wirklich ein ganz, ganz strenges Kriterium. Wenn ich also so was gefragt werde wie, wen fotografieren sie, läuft es wirklich auf diese grundlegende Sympathie hinaus.“ Dann wäre eine der Wahrheiten, die es zu studieren gibt, dass Tilmans und Tony gute Freunde geworden sind. Daher die Vertraulichkeit, mit der Blair der Kamera gegenübersitzt. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder die beiden sind gute Freunde, was ein überraschendes Licht auf Tony werfen würde, oder Tillmans versteht es, auch Personen zu umarmen und zu porträtieren, die das strenge Kriterium der Sympathie nicht wirklich erfüllen. Besser wäre das Bild mit ”Tony“ betitelt.

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Michael Ebner (Meldepress) : Merkel bei Fischern auf Rügen, in: die Zeit,8.9.2005

Vor fünfzehn Jahren bereiste Angela Merkel im Dienst ihres Mentors Helmut Kohl die wiedergewonnenen Ostgebiete, die gerade im Begriff waren, sich in blühende Landschaften zu verwandeln. Das Bild passt zu den blumigen Sprüchen, mit denen die Übernahme der neuen Bundesländer, die Zerschlagung der dort ansässigen Industrie und die Wiedergeburt der Ost-Bürger als Konsumenten gefeiert wurde. Es ist ein romantisches Bild, ein Märchenbild. Die junge Prinzessin besucht ihre Untertanen. Sie ist dem Volk nah, in T-Shirt, Rock und roter Jacke. Entfernt erinnert das Licht und der Ort an Spitzwegs Bild vom armen Poeten in der Dachstube oder an Gemälde von Leibl. Die Romantik hatte immer auch eine nationalistische Komponente. Sie legte die Wurzeln für den deutschen Nationalstaat, Romantiker propagierten die Idee des Nationalstaates als bürgerliche Befreiung von der Feudalherrschaft.
Der Rückgriff auf die Romantik passt zu der Idee, im neuen Deutschland an eine staatliche Tradition anzuknüpfen, die die Missgeschicke des 20. Jahrhunderts – zwei Weltkriege und einen Genozid – überspringt, um zur heilen Epoche romantischer Staatsgründung zurückzufinden. Allein die Freiheit ist eine andere geworden. Es ist die Freiheit zu konsumieren, und die entsprechenden Getränkemarken haben unauffällig ihren Platz im Bild eingenommen.

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Elektronische Lebensaspekte.

Gregory Crewdson: "Untitled" & New Orleans, AFP
Text: Stefan Heidenreich aus De:Bug 96

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Gregory Crewdson: “Untitled“
aus der Serie “Beneath the Roses“, 2003-2005, Courtesy: Luhring Augustine, New York
http://www.kunstverein-hannover.de/presse/image_gc_merchants-row300dpi.jpg

Der amerikanische Künstler Gregory Crewdson produziert seine Bildszenen mit einem Stab an Personal, wie er sonst nur in Filmproduktionen üblich ist. Seine Fotos gleichen nachgestellten und dramatisierten Schnappschüssen. Für bestimmte Effekte hegt er Vorlieben, für bläuliches Licht, teils dunstig, mit starken Kontrasten. Damit gelingt es ihm, effektvoll eine romantisch düstere Stimmung zu verbreiten.
Die Motive haben etwas “Typisches”. Sie zeigen ein Amerika, das aus Film und Fernsehen vertraut erscheint. In der Nachahmung von Bekanntem gleicht seine Bildstrategie den Versuchen der frühen Fotografen, monumentale Historiengemälde zu imitieren. Aber seine Pathosformeln sind weder monumental noch dekorativ, sondern filmisch. Sie zeigen den Moment einer Szene, die ein dramatisches Potential hat. Aber die Staffage und der Aufwand lassen das Bild ins Dekorative kippen. Das Drama ist hohl. Mehr als Staunen erreicht das Bild nicht.

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New Orleans, AFP
http://videos.informationclearinghouse.info/images/55313422l.jpg

Die Fernsehsender und die Presse in den USA wurden aufgefordert, Bilder wie dieses nicht zu zeigen. Dass keine Bilder von Toten gezeigt werden sollen, erklärt das Verbot nicht. Die visuelle Kultur Amerikas lebt von Toten. Erstaunlich genug, dass die visuelle Zensur dennoch reibungslos funktioniert. Wie schon beim Irak-Krieg die Särge der Soldaten blieb den Zuschauern auch der Anblick der Leichen auf den Straßen von New Orleans erspart. Seltsam erscheint in diesem Zusammenhang der Begriff, der gebraucht wird, um vor den Bildern zu warnen. “Attention! Graphic images“ lautet der Warnhinweis auf der Website. Ein Euphemismus, der das Wort “grafisch“ verdreht. Daraus spricht die Scheu, auch nur auszusprechen, was die Bilder zeigen. An deren Grausamkeit kann das kaum liegen.
Visuelle Grausamkeiten aller Art zeichnen die amerikanische Kultur aus, vom Kino bis zu den Games. Gerade dieses Bild gleicht einer Szene, die aus Ballerspielen nur allzu vertraut erscheint. Nichts wirkt natürlicher als der Tote, den man auf dem Herweg “erledigt” hat. Was also soll den Zuschauern vorenthalten werden, wenn nicht die Grausamkeit? Offenbar läuft die Schranke nicht entlang der Darstellung, sondern entlang der Herkunft der Bilder. Verschiedene Bildwelten werden strikt voneinander getrennt gehalten. Die Politik der Bilder operiert mit Filtern, die die Motive und deren Framing kontrollieren. Außerhalb fiktiver Bildwelten werden “graphic images“ unterbunden. Man lässt zwar alle Bilder zu, aber eben nur am richtigen Ordner, im richtigen Rahmen.

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Text: Stefan Heidenreich aus De:Bug 94

Bill Gates, 2.Mai 2005, engadget.com

“Einen lustigen Job haben sie da“, sagt Bill Gates am Ende des Interviews dem jungen Mann in Anzug und Krawatte, der ihn im Auftrag des Gadget-Blogs befragt. Die vier – auf dem Bild sieht man links die Hand eines Dritten, ein Vierter könnte die Videokamera bedienen – waren nicht in der Villa des Microsoft-Chefs. Der Raum sieht nicht nur schlicht, sondern sogar ein wenig schäbig aus. Aus der Steckdose in der braunen Wand führt ein verklebtes Kabel über den Boden. Der schwarze Kulissenvorhang lässt ein wenig Sonnenlicht durch eine Ritze. Die Jungs von Engadget waren noch dabei, ihre Ausrüstung aufzubauen, als der Herrscher von Microsoft sie vorzeitig unterbrochen hat. Kabel bleiben liegen, Unterlagen werden schnell zusammengerafft. Die übrigen Mitbringsel sind auf dem Tisch verstreut, gelbe Tulpen hat man zur Seite geschoben, daneben einige Geräte, von denen im Gespräch die Rede sein soll. Der Herr trinkt Cola light, der Journalist ein Mineralwasser. Die Schärfe liegt auf der Tulpe im Vordergrund. Schon die Kabel auf dem Tisch erscheinen undeutlich und von Bildstörungen verzeichnet, mehr noch das Gesicht des ewig jugendlichen Unternehmensgründers. Ein Foto-Anlass, der unkontrollierter kaum sein könnte. Die improvisierte Szenerie hat etwas Privates. Eine Ordnung von Werten, eine Szene vom Milliardär im Wust des Alltags. Ein rohes Bild, dessen Entstehen und Veröffentlichung sich einer Nachlässigkeit verdankt.

•••• (4 punkte)

Google Maps + BBC boneill.ninjagrapefruit.com/wp-content/bbc/newmaps/

Den Hybrid-Medien folgen die Hybrid-Formate, so wie nach den Medien, seit sie in einem universellen Medium aufgegangen sind, die Vielheit der Formate kommt. Es ist eine neue Mode, Datenströme zusammenzuführen, seit Programm-Schnittstellen den Zugriff auf die Rohstoffe der Information erlauben. Nun wird alles mit allem gekreuzt: Bilder mit Buchstaben, Landkarten mit MP3, Games mit Werbeseiten. Vor einigen Wochen hat der BBC seinen News-Datenstrom per API zur Verfügung gestellt. Das Bild zeigt eine der ersten neuen Kreuzungen: BBC-News mit Google-Maps. Je älter die Nachrichten sind, desto blasser werden sie markiert. Unabsichtlich verwandelt die Karte den Nachrichtenstrom in einen verteilten Lokalsender. Denn die überregionalen Nachrichten, die sich auf die Stadt London konzentrieren, überlagern sich gegenseitig, während der sichtbare Rest aus Meldungen vom Land besteht. Die Karte zeigt die Zufallsverteilung des alltäglichen Provinzlebens, die Verkehrsunfälle und Familiendramen. Sie ist ein Filter, der aus BBC ein visualisiertes Regionalradio macht.
Der Charakter des Regionalen wird noch verstärkt. Denn jenseits der Inseln gibt es nur das Meer. Das Große Britannien in einem Weltmeer von Nichts. Kein Frankreich, das jenseits des Kanals erscheint, kein Amerika auf der anderen Seite des Atlantiks. Weiter haben die Karten-Schnittstelle nicht gereicht. Die Welt muss erst noch entdeckt werden.

••• (3 Punkte)

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Text: Stefan Heidenreich aus De:Bug 93

Peter Lindbergh: Ondine, Numéro 62, April 2005

Ein romantisches Motiv, frei nach Undine 1811 von la Motte Fouqué – ”sah er im eben sich wieder enthüllenden Mondlicht unter den Zweigen hoch verschlungener Bäume auf einer durch die Überschwemmung gebildeten kleinen Insel Undinen lächelnd und lieblich in die blühenden Gräser hingeschmiegt.“ Nicht ganz. Nicht lächeln!
Es hat etwas auf sich mit der Romantik, das ihre Bilder nicht erzählen. Die Romantik war konzeptuell, politisch. Es ging um Verfassungen, fehlgeschlagene Revolutionen, Staatsgründungen, letztlich auch einen mythisch überhöhten Nationalismus. Auch wenn der politische Hintergrund vergessen scheint, es muss kein Zufall sein, dass das Romantische genau jetzt wiederentdeckt wird, wo man daran arbeitet, die Staaten Europas neu zu ordnen.
Das Bild Lindberghs folgt im Motiv Fouqué, in der Komposition erinnert es an die Lesende am Fluss von Camille Corot. Aber weder Lächeln noch Lesen lässt Lindbergh sein Mädchen. Es muss sich aufrecht in eine Modelpose recken. Die Romantik der Gegenwart ist Zweck, nicht Muse. Sie vergisst ihre Vorbilder, um ein Schema aufzurufen. Aber auch das Vergessen ist ein Motiv der Romantik.

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Tommy Hilfiger -Werbung. April 2005

Seit seiner proprietären Unabhängigkeitserklärung stand das Label Hilfiger für das alte Nord-Amerika, für blonde Baseballspieler und deren Freundinnen aus dem College. Die Kampagnen konnten nicht systemkonformer sein. Scheu und selig schauten die Hilfiger-Menschen drein, befangen in einem Weltbild, das am ehesten von Propagandisten in der Tradition von Leni Riefenstahl entworfen sein konnte. Aber zu leicht, zu wohlfrisiert, zu widerstandslos – ein seltsam selbstbezüglicher Agit-Prop, keine Ideologie, kein Inhalt, leere Gesten der Propaganda. Es gibt einen Gegensatz zwischen Furcht und Angst. Die Furcht kennt ihren Grund. Angst ist grundlos. So grundlos wie die Heiterkeit in den Bildern der Hilfiger-Kampagnen. Höchstens an Äußerlichkeiten konnte man Anstoß nehmen. Etwa daran, dass so gut wie keine Schwarzen je für das Label werben durften. Der Fehler wurde in der neuen Fotoserie gründlich behoben. Es gibt kein Bild ohne wenigstens ein Gesicht, das Nicht-Weiß ist. Tommy Hilfigers verspäteter Beitrag zum moralischen Imperativ der Political Correctness. Der ganze Rest ist beim Alten geblieben. Vor dem beflaggten Straßenkreuzer als Insignie der amerikanischen Kultur lümmeln die beiden Mädchen im sanften Ostküsten-Licht. Grundlose Freude als andere Form der Angst.

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Text: Stefan Heidenreich aus De:Bug 92

http://www.robertnettarp.com/

Ein Gespenst steht am Straßenrand, spreizt die Arme, die Ellenbogen angewinkelt, als will es sich so aus seiner rosafarbenen Handtasche winden. Aber so geht das nicht. Der leichte Stoff des Oberteils bauscht sich zur Seite und gibt dem Körper eine unförmige Kontur. Sie hat geheult, wirkt wütend und enttäuscht, aber nicht verzweifelt. Die Zähne blitzen auf. Sie ist im Begriff etwas zu sagen, kaum etwas Freundliches. “Lass mich in Ruhe.” Der Stacheldraht an der Leitplanke, Zäune im Hintergrund, der spärlich bewachsene Sand lassen das Gelände wie die Absperrungen am Rand eines militärischen Sperrgebiets erscheinen. Von allein ist sie dort nicht hingekommen. Jemand hat sie abgesetzt. Alles spricht dafür, dass es der Betrachter selbst war. Er wird vom Bild nicht freundlich empfangen. Er soll gehen.
Der Fotograf Robert Nettarp starb 2002. Er wurde 32 Jahre alt. Mitte der 90er begann er nach einer kurzen Model-Karriere das Fotografieren. Nettarp unternahm einen der zahlreichen Versuche, das Genre der Modefotografie aus dem Gebrauchszusammenhang herauszuführen, einen der erfolgreicheren und viel versprechenden Versuche. Den “Heroin-Chic” von Fotografen wie Tillmans oder Teller ergänzte er um einen glamourösen Aspekt. Digitale Effekte und Beleuchtung tragen dazu bei, Szenen in einen irrealen Raum zu verlagern. Der Blitz wird nicht eingesetzt, um die Nähe des Persönlichen zu vermitteln, wie bei Teller, auch nicht, um einzelne Figuren in einer alltäglichen Umgebung hervorzuheben, wie bei Lorca die Corcia. Nettarp trennt den Vordergrund von den Lichtverhältnissen im übrigen Bild und taucht die Szenerie in eine zeitliche unbestimmte Dämmerung, eine falsche “amerikanische” Nacht.

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Miu-Miu-Werbung

Sieht schlecht aus. Viel schlechter als all die anderen Taschen, die die Modehefte den Konsumenten entgegenhalten. Das stumpfe Licht, der harte Schatten. Die unförmige Figur. Das verdeckte Gesicht. Der schreckhafte Blick. Der speckige Glanz auf der Tasche. Der Schriftzug, schwarz umrandet. Auffallend schlecht.
Das Bild verfolgt eine Strategie und sie scheint zu gelingen. Weil es schlecht ist, fällt es auf. Und es fällt so auf, dass es aus einer ganzen Reihe anderer Werbebilder hervorsticht. Beim Durchblättern eines Magazins geht man über all die Fotos, die nichts anderes leisten, als das Erwartbare zu bestätigen, leicht hinweg. Von MiuMiu kennt man andere Bilder. Das Bild bricht die Erwartung. Seine Strategie heißt nicht einfach “hauptsächlich auffallen”. Denn die Werbebotschaft darf nicht durchkreuzt werden. Es muss schlecht genug sein, um die Wahrnehmung durch den Bruch der Erwartung zu verzögern, um dann auf den zweiten Blick doch “gut” zu wirken. Man spricht in diesem Zusammenhang vom “Vampire Effect”. Er ist ein waghalsiges Manöver, das sich leicht gegen die Bildermacher wenden kann. Man darf gerade so schlecht werden, dass die Aufmerksamkeit nicht in Abneigung umschlägt. Das könnte diesem Bild gelingen.

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Elektronische Lebensaspekte.

Gary Brolsma
Text: Stefan Heidenreich aus De:Bug 91

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Gary Brolsma, www3.ns.sympatico.ca/lyle_24/myhero.swf

Als die New York Times Ende Februar anrief, nahm Gary Brolsma schon nicht mehr den Hörer ab. Spiegel Online berichtete eine Woche später. Der Held der Geschichte scheut mittlerweile die Öffentlichkeit.
Das Wort “mope” war mir unbekannt. “Sich mopsen” (langweilen), übersetzt der große Langenscheidt. Herr Brolsma “mopst” um das Haus der Eltern herum, so zitiert die New York Times einen seiner Verwandten. Brolsmas Geschichte beginnt im Dezember 2004. Über das Netz hat ein moldawischer Trash-Hit des Sommers den Weg ins vorweihnachtliche New Jersey gefunden. Der junge Herr Brolsma, 19 Jahre, macht einen leicht übergewichtigen Eindruck. Er gehört offenbar nicht zu den Leuten, die sich fern von Stuhl, Tisch und Screen viel Bewegung verschaffen. Sein Zimmerfenster ist von Vorhängen verhangen, aus der Ecke bei der Tür leuchtet fahl ein Aquarium, die Wände des Raums sind kahl. Eine puritanische Einrichtung.
Das Lied ist ein Ohrwurm. Brolsma hat wohl halbe Tage lang “Dragostea din tei”, von der Liebe unter Lindenblüten, gehört, bevor er seine Webcam anwirft, um ein Video aufzunehmen, das um die Welt gehen wird. Den Stuhl verlässt er nicht, um den “Numa-numa-Dance” aufzuführen. Die Ekstase ist kontrolliert, das Filmchen unsäglich, aber es verbreitet sich von alleine, einmal ins Netz gestellt. Zwei Millionen Hits zählt die Website Ende Februar als der große Ruhm, der dem Helden unsäglich peinlich ist, erst losbricht.
Erinnert sich noch jemand an Zlatko? Man könnte einen Typen wie Brolsma für einen Zlatko des Internets halten. Aber seine Performance ist keine industrielle Markenware. Und sie ist nicht schlecht. Verspielt, selbstironisch, lächerlich, die Gesten genau kalkuliert in der Abwechselung von Mimik und Armrudern. Der Film eine Qualität, die die Anhänger des viralen Marketing vor Neid erblassen lässt. Wer auch immer ihn gesehen hat, muss die frohe Botschaft seinen Freunden übermitteln.

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Lunarynua (Christina Bustos), http://www.flickr.com/photos/theunholytrinity/4606350/in/pool-circle/

Caterina Fake, die Gründerin von flickr.com, mag Bilder mit Kreisen im Quadrat, Bilder in der “squared circle group”. Verkehrsschilder, Untertassen, Autoräder, Armreifen, Bälle, Blumen, Lampen, Gläser von oben, Bullaugen. Christina Bustos alias Lunaryuna hat dort die meisten Einträge gepostet, insgesamt 333. Die Sammlung von Gullideckeln, zu der dieses Bild gehört, macht nur einen kleinen Teil ihrer gesammelten Beiträge aus. Normalerweise dient flickr als Multi-User-Weblog für den amerikanischen Traum der Selbstabbildung. Ich, ich zu Hause, ich und mein Hund, ich in Paris, ich in der Nachbarschaft, ich mit Freunden, ich gestern, ich heute. Die Struktur der Site ist drauf angelegt, denn man beginnt, indem man sich ein eigenes Bilder-Gärtchen anlegt. Die Bildgruppe zur Quadratur des Kreises setzt eine Form gegen den Modus der Ego-Shooter. Sie ruft ein altes Bildgenre zu Hilfe, zugleich ein geometrisches Problem – die Quadratur des Kreises. Das Sammeln folgt dem Ruf der Datenbank. Aber es kann nur dort beginnen, wo eine Beschränkung dafür sorgt, dass nicht alles, sondern nur weniges passt. Wo immer die Startbedingungen stimmen, setzt sich die Sammelmaschine in Bewegung und die zieht die Zuträger in ihren Kreis. Ein Gegenmodell zum Modus der Selbstabbildung, aber beide folgen der gleichen Logik der Datenbanken, sie tragen nur verschiedene Variabeln ein.

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Text: stefan heidenreich aus De:Bug 90

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Jürgen Teller: Louis XV , Ausstellung cfa-berlin (ww.cfa-berlin.de)

„Es tut meinen Augen weh, wenn ich sein Arschloch sehen muss“, sagt sie und weigert sich, zum Empfang bei Contemporary Fine Arts, Berlin mitzukommen. 28 Fotoarbeiten stellt Jürgen Teller aus. Seinen Pimmel, seinen Arsch, sich selbst, Charlotte Rampling und diverse Rokokomöbel hat er eingesetzt, um sich der Zeit Ludwigs des 15. anzunähern (Bankrotteur, Abenteurer und dadurch Wegbereiter der französischen Revolution). So wie er vor ein paar Monaten erst Claudia Schiffer und Boris Becker einsetzte, um sich Strenesse anzunähern. Das hat System. Teller figuriert als fleischfarbene froschartige Skulptur unterm Kronleuchter. Sein Arschloch hat er kompositorisch mehr oder weniger gelungen in den goldenen Schnitt platziert. Es ist schattenlos, hell angeblitzt, in einer ähnlichen Ästhetik abgebildet wie die verrätselten Close-Ups der Marc-Jacobs-Kampagne vom vorletzten Jahr. Eine Werkgeschichte schreitet voran. Und hat seit dem großartigen Go-See-Buch einen weiten Weg zurückgelegt. Man wird den Eindruck nicht los, dass Teller zunehmend mit einem Problem in dem Bereich konfrontiert ist, den man früher ”Inventio“ nannte – die Kunst der Bilderfindung. Nicht dass ihm nichts mehr einfallen würde. Eher anders: Die Einfälle haben Zwangscharakter. Aber weil sie, wenn auch entfernt, ins Genre des Porträts fallen, teilt sich der Zwangscharakter immerhin mit. Und das sehr offen.

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Iceberg-Werbung, Vogue Italia 12/2004 , Supplemento (auch: http://www.iceberg.com/)

Fortsetzung neue Fotoabsurdität. Es gibt Fotoabsurdismus mit und ohne Fotoshop. Teller steht für Fall 1, die Bildgeschichte vom Eisberg für Fall 2. Sie baut eine Flucht von manieristisch verqueren Räumen aneinander. Eine Kreuzung von Pieter de Hooch und Richard Hamilton, aber plumper als beide. Montiert ist die Flucht nicht ganz ungeschickt, gerade so, dass sie auf den ersten flüchtigen Blick glaubhaft wirkt, obwohl die Räume und Größen nicht wirklich stimmen – einen von den vielen Methoden im Kampf um den zweiten Blick.
Die einzelnen Elemente des Ensembles sind konventionell. Das Model, ihre Beine auf dem Sofa und ihr Blick in die Kamera. Der Hund, der Mann vor einer spanischen Wand, mit dem Griff an die Krawatte und einem misstrauischen Blick. Eine Uhr auf kurz vor zwölf.
Das italienische Label ”Iceberg“ stellt sich selbst im Bild als Rosensendung zu. Nicht ”von“, sondern ”an Iceberg“ sagt der Brief und will unter dieser Adresse zum Semi-Glamour der Jungfamilie vorstoßen. Es gibt, ganz anders als bei den vergleichbaren surrealistischen Machwerken, kaum etwas zu interpretieren. Die Szene ist zwar verstellt, aber so sonnenklar, dass man keine weiteren Worte darüber verlieren muss. Schade. Wenn sie wenigstens den Mut gehabt hätten, die Gesichter von Mann und Hund zu vertauschen. Oder das Dekor genutzt hätten, um dem Bild allerlei ikonographische Botschaften einzuschleusen. Leider nein. So bleibt das Absurde eine rein handwerkliche Übung, die zwar einen gewissen Reiz hat, aber keinen Mehrwert schafft.

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Text: stefan heidenreich aus De:Bug 61

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Fot: AP, F.A.Z. 18.05.2002, Dili, Ost-Timor

Postkoloniale Verhältnisse. Die Welt begrüßt ihren neuesten Mitgliedsstaat: ein ehemals portugiesischer Zipfel einer bis vor kurzem indonesischen Insel, nun jüngstes und zugleich ärmstes Land. Das Arbeitsplatzprogramm der Vereinten Nationen läuft noch ein paar Jahre, um dann den Flecken Urwald ordnungsgemäß australischen und japanischen Sweatshop-Betreibern zu überlassen. Der dicke UN-Nissan nimmt zwei Drittel des Bildes ein. Das Kind bückt sich und reicht nicht einmal bis zur Höhe des Rückspiegels. Wenn es weggefahren ist, setzt er sich auf den Boden und wartet auf das nächste. Und wenn die UN abzieht, darf er vielleicht helfen, die verchromten Stühle vor der Bar im Hintergrund hin- und herzurücken. Der Kleine muss Wasser sparen. Wenn er groß ist, wird er versuchen, über den Ozean nach Australien gelangen – dorthin, wo die Sprite-Flasche herkommt und wohin die Turnschuhe verkauft werden, die seine Landsleute zusammenflicken, und dorthin, wo man das Auto gebaut hat, das er sauber machen darf. Wenn er Glück hat, sperrt ihn dort die Polizei in ein stacheldrahtbewehrtes Gefangenenlager in der Wüste. Nein, niemand kann was dafür. Nicht der Fahrer des Wagens. Nicht die UN. Wir werden alle nie nach Ost-Timor fahren, denn dort gibt es keine Komodo-Warane.

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http://www.unser-parlament.de/mitmischen.de/kampagne/view.html?pic=2

Mitmischen. Sie werden umgeleitet auf: http://www.unser-bundestag.de/mitmischen. Die Jugend soll sich wieder für Politik interessieren. So will es Onkel Thierse. Ein Marketing-Mensch, der dann in der heißen Wahlphase für die Propagandaabteilung einer Quotenpartei arbeiten darf, hat ihm eine Vorab-Kampagne aufgeschwatzt. Die unscharfen Füße zeigen: wir sind mitten im Bild, wir sind betroffen. Den Kids muss man ein Gesetz erläutern: z.B. das Fernmeldegeheimnis […] Leider wurde das Kleingedruckte weggelassen, und leider ist die Liste der kleingedruckten Ausnahmen vom Fernmeldegeheimnis ziemlich lang geworden, seitdem Information immer böser wird. Keine Sorge: solange sie nur flirtet, lästert, tratscht, ist alles im grünen Bereich.
Was tun mit einem trägen Souverän namens Volk unter avancierten Marketing-Bedingungen? Vor einem halben Jahr wurde landauf landab das Ende der Spaßgesellschaft verkündet. Nun die klassische Versöhnungs-Retour: den Spaß will man niemandem verderben, aber ein bisschen Ernst tut doch gut. Der Kunde muss erreichbar bleiben, sonst kauft er nichts mehr ab. Eine paradoxe Werbeanforderung: Desinteressierte interessieren, ohne ihre Ansichten zu ändern. Ein wenig Aufmerksamkeit erzeugen, aber nicht zu viel. Erst ein bisschen „mit-“, aber dann gleich gut „-mischen”.

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Elektronische Lebensaspekte.


Text: stefan heidenreich | stefan@debug-digital.de aus De:Bug 52

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CDU-Wahlplakat, http://www.cduberlin.de/cdustart.htm

Mit diesem Bild hat Frank Steffel seine Anhänger am Anfang des Sommers in den Urlaub entlassen. Das Ende ahnt es schon voraus: der Himmel ist trübe. Herbststimmung. Das Verkehrsmittel ist dem Klima nicht wirklich angemessen. Es könnte zum Regnen kommen. Die Frau lacht noch fröhlich, der Herr scheint sich schon selbst bemitleiden zu wollen. Er sitzt Huckepack wie ein knuddeliges Kuscheltier. Der Scheitel wirkt mit den grauen Strähnen eintönig wie der Himmel. Trotz des diffusen Lichtes sind die Gesichtsfalten, die Runzeln, Grübchen und Ansätze zum Doppelkinn deutlich konturiert. Der Slogan verfehlt wie das Bild sein Ziel: jene Mitte, die seit Schröders Wahlsieg zum unerschöpflichen Reservoir aller Sieger-Quoten wurde. Zu allem Überfluss zeigt das Bild einen glatten Gesetzesverstoß. Laut §21a Absatz 2 der StVO müssen “die Fahrer von Krafträdern und ihre Beifahrer während der Fahrt amtlich genehmigte Schutzhelme tragen.“

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SPD-Wahlplakat, http://www.spd-berlin.de/_wk-download/plak1_Taktgefuehl_rgb.jpg

In der Trivialpsychologie kursiert die Ansicht, man könne seine Wunschposition erreichen, wenn man nur so tut, als hätte man sie schon inne. Das wirkt um so überzeugender, wenn man sie wirklich schon erreicht hat. Dann kommt das “Gut-so-Gefühl“ auf, eine wohlige Sehnsucht nach Stabilität. Bewegt wird nichts und soll nichts werden. Das markieren im Bild die metallenen Vertikalen der Säule und der Fensterkreuze. Sie bringen Standfestigkeit zum Ausdruck. Die Slogans tun so, als wollten sie dem widersprechen. Aber jeder, der nur hinsieht, weiß, dass dort alles stillsteht. Der Möchtegern-Dirigent steht fest auf seinem Platz. Mit seinem Taktgefühl versucht er, drei Fliegen auf einmal zu schlagen: Die Regierungsfähigkeit zu reklamieren, sich dem Orchester anzubiedern und die Distanz zwischen der Homo-Ecke und dem Musikantenstadel zu überbrücken. Seltsam genug, wenn solche Manöver auch noch gelingen.

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Grünen-Wahlplakt, http://www.gruene-berlin.de/index.shtml#

Der schleichende Wandel von der ökologischen Revolution zur Alternative der Saubermänner ist vollbracht. Dass die Grünen latent reaktionär sind, dass überhaupt die Rettung der Natur von Anfang an auch ein konservatives Projekt war, und dass die Wald & Wiesen-Romantik sich mit Vorlieben von Saubermännern aller Art gut verträgt, wird kaum je deutlicher, als in diesem Plakat. Der Wandel zur staatstragenden Macht mit kriegerischen Ambitionen schmückt sich mit der weißen Weste. Die Beschwörung der Ariel-Oma, der Persil-Opfer und der Weiße-Riese-Waschkraft-Fetischisten bemüht sich um ein obskures Klientel ordungsliebender Reinheitsfanatiker. Die Spätfolgen solcher Weisheiten werden wohl nur noch biologisch abbaubar sein.

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Text: stefan heidenreich aus De:Bug 51

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Bild: reuters, http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,146382,00.html
“Das Foto des erschossenen Carlo Giuliani zeigt den Horror einer neuen, noch nicht symbolisierten Realität”, schrieb Diedrich Diederichsen in der Jungle World. Der Tote hinterläßt mehrere Lücken – unter anderem die des “noch nicht symbolisierten”. Was Realität in Genua in ihrer schwer vorstellbaren Brutalität war, ist erst langsam in den Tagen danach durchgedrungen. Was aber bedeutet die Lücke der fehlenden Symbolisierung? Einen Aufruf zur Arbeit am Begriff? Der Tod von Giuliani erzeugt einen Eigennamen, der nun für etwas eingesetzt wird. Nicht weil es der Wille einer Person gewesen wäre, sondern weil ihn die Dynamik medialer Vermittlung dazu zwingt. Sie entblößt damit auf eigentümliche Weise den Mangel von Debatten. Politische Information ist in einem solchen Maß zum Verlesen von Tagesnachrichten degeneriert, daß ein komplex motivierter Protest nur unter dem Label “Anti-Globalisierung” abgebucht werden kann und die Ereignisse als rätselhafter Ausbruch von Gewalt wahrgenommen werden. Der Tod wird wie der ganze Protest als entpolitisertes Ereignis vermittelt. Kaum vorstellbar, daß es der Symbolisierung des Todes gelingt, mit einer politischen Dimension die Demarkationslinie der öffentlichen Nachrichtenversorgung zu überschreiten.

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Bild: Attac:
http://www.share-online.de/Finanzmaerkte/genua/genua_bild2/Seiten/Jul23%2433.htm

Ein Territorium zu markieren, kann auch heißen, einen Konflikt als territorialen zu inszenieren, der von Grund auf inhaltlich ist. “Die Demonstranten wollten in die rote Zone”, heißt es dann, als sei das für sie der Grund gewesen, nach Genua zu fahren. Als sei es ein Selbstzweck, an einem Tag im Juli den Hafenbereich der Stadt zu betreten. Einer mobilen Gruppe politischer Aktivisten tritt eine ebenso mobile Staatsmacht gegenüber, die zeitlich und räumlich flexibel die Aufgabe übernimmt, ein bestimmtes Gebiet abzuriegeln. Ausgerechnet in einer Zeit, in der der Raum in digitalen Medien als ein Netz virtuell gleich naher Adressen vollkommen neu definiert wird, tauchen andere Grenzen auf, die für ein paar Tage errichtet werden, um dann wieder zu verschwinden. Die Bilder dieser Absperrungen erhalten, wenn sie später im Netz kursieren, etwas Anachronistisches. Nicht nur, dass die Barrikaden längst wieder abgebaut sind, sondern auch, weil sie aus einer räumlich organisierten, anderen Welt berichten.

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Indymedia: http://de.indymedia.org/2001/07/4845.html

Die Aufnahme wurde gemacht, kurz nachdem die Polizei das Medienzentrum in Genua gestürmt hat. Andere Bilder der gleichen Tat zeigen umgeworfene Bänke, zerstörte Computer, Verwüstung. Dieses Bild zeigt einen Blutfleck. Die Bank am rechten Bildrand erlaubt es, seine Größe abzuschätzen. Und seine Größe erlaubt es – nein: sie zwingt dazu, sich eine Szene vorzustellen, die zu beschreiben ich gar nicht erst versuchen will. Selten gab es ein Bild, das so zwangsläufig eine Kette weiterer Bilder nach sich zieht. Keinem Foto, vielleicht auch keinem Film würde es gelingen, eindringlicher festzuhalten, was dort geschehen ist. Das Ereignisses hat sich selbst als Bild gespeichert. Das primäre Medium ist das Blut auf der Mauer. Es macht die Anfertigung des Bildes selbst zum Horror.

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Camper Werbung in dazed & confused, Umschlagbilder zu Bruce Sterling: Heiliges Feuer, Spiegel / BBC online
Text: stefan heidenreich aus De:Bug 50

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Camper Werbung, Dazed & Confused, Mai 2001

Camper-Schuhe gehören verboten, meint Sascha Kösch. Welche Entschuldigung gibt es noch für den, der nicht rechtzeitig keine Camper-Schuhe gekauft hat? Strategisch geht Camper antizyklisch vor: Erst einmal die Zielgruppe vergraulen. Wer das Zeug an den Füßen hat, sieht sich plötzlich in der Gesellschaft mallorquinischer Rentner. Kundenbindung durch Schizo-Anforderungen: ich hab’s, bin’s aber nicht. Was tun? Die Herren von der Kartenrunde scheinen denselben Anforderungen ausgesetzt gewesen zu sein. Obwohl die Schuhe aussehen wie Opa-Modelle, passen sie nicht wirklich zu den Alltagsklamotten der Kartenspieler. Sie schauen unter dem Tisch hervor und rufen: Kauf mich! Kauf mich! Aber warum? Um danach in die Camper-Beziehungsfalle zu geraten? Und über obskure Lebenshaltungs-Maßregeln wie “Walk. Don’t run” ins Grübeln zu geraten? Wahrscheinlich handelt es sich um eine rechtzeitige Bremsmaßnahme zum Beginn der nun eintretenden Rezension und den Versuch, die in die Armut absinkenden Schichten von Online-Arbeitern über Produktanpassung frühzeitig in ihr neues Umfeld zu sozialisieren.

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Jürgen Rogner: Umschlagbild zu Bruce Sterling: Heiliges Feuer, 2001

Zukunft kennt kein Stilprobleme. SciFi-Deco ist unserer Zeit schon immer so weit voraus, dass es seinen Wurzeln im Design der 60er für immer treu bleiben kann. Eine zeitlose Treue, Verpflichtung forever. Alles andere wäre tödlich: Die Zukunft muss sich den Trends verweigern, sonst verkommt sie zu einer seltsamen Form von Futur II. Aber nicht zu etwas, das gewesen sein wird, sondern zu etwas, das als längst Gewesenes trotzdem noch werden will. Überholt wie 1984 und 2000, zur lächerlichen Vergangenheit geworden. Die Science-Fiction-Ästhetik muss bei den Ellipsoiden, Bezier-Splines, Kurven und Bögen bleiben, die in der Auto-Industrie und nachfolgend bei den phantasierten Raumschiffen zum Einsatz kamen. Absolut zukunftsfähig. Nur Verzierungen zeigen an, dass die Zeit weitergelaufen ist: an Stelle der Zufalllsverteilung von Spray-Glanzpunkten geben nun Raytracer vor, wie eine metallene Wölbung oder ein halbgläserner Torus auszumalen ist. Dem alternden Science–Fiction Leser bleiben die Bilder vertraut. Er ist schon immer mit seinen ovalen Raumgleitern den bunten Sonnenaufgängen bizarrer Welten entgegen gesegelt und findet auch in Zukunft auf jedem Umschlag wieder, was er von der Zukunft schon immer erwartet hat.

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AFP /DPA: Höhlenzeichnung in Frankreich, Spiegel / BBC online

“Prähistorisches Pin-up” meldet der Spiegel, um mit der Abbildung eines Steinzeit-Strichmädchens seine Busen-Quote heimlich zu erhöhen. Die Höhlenmaler müssen universale Diskurs-Propheten gewesen sein. Man kann sich anhand der Figur ebensogut über Gewichtsprobleme, die Verteilung von Hausarbeit, Doggy-Style-Sex, die Renaissance der Vokuhila-Frisuren oder die Kunst des Gravierens Gedanken machen. Die 30.000 Jahre alte Zeichnung in der Höhle von Cussac sei “genauso wegweisend für die Gravierkunst, wie es Lascaux für die Malerei ist”, meint der Archäologe Dany Baraud. Wenn der kulturelle Kontext erst einmal gründlich vergessen ist, werden Strichzeichen universell anschlussfähig. Schneller vergessen!

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Casa Vogue, Glamour, Spiegel
Text: stefan heidenreich | stefan@debug-digital.de aus De:Bug 49

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Foto: Tim Walker. All Summer long … Casa Vogue, Juni 2001
Was soll der Besen auf den Fußmatten helfen? Sieben frische Fish n’Chips, rasch die Kerze angezündet, Essig und Ketchup gehören auf den Tisch. Zeitung-Tischdecke. Auf den dreibeinigen Hockern sind Stoffreste festgetackert. Luftpumpe und Kreuzworträtsel liegen auf dem Boden. “Love”, “steamy wand” steht an die beschlagenen Fenster geschrieben. Keine zwei gleichen Vorhänge, auch kein Strom, eine Petroleumlampe hängt von der Decke. Die Tapete mit Wasserflecken, überall blättert der Lack ab.
Ausgleichsprogramm für den Italiener in der Sommerfrische: die wilde Atlantikküste, von widrigen Winden zerblasen: die Vogue schwärmt von einer Atmosphäre bukolischer Authentizität.
New Urlaub? Fremdenfeindliche Abschreckungsstrategien ? Oder einfach das Mitleid, mit dem die italienische Leserin ihre Sonnenbrille ins Gesicht fallen läßt, sich der Sonne ergibt und sich vor den Bildern des Nordens graust. Ein neue Gattung Reisebericht: wo wir zum Glück nicht sind und auch nicht hin wollen, schon gar nicht einen ganzen Sommer lang.

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Foto: Azim Haidaryan. In Spiaggia. Glamour 6/2001
Ein Remake einer Vogue Strecke von Bruce Weber. Die gleiche Sorte Models, das gleiche laszive Auftreten, die gleichen abgespreizten Oberlippen. Die Figuren sind auf den unbeabsichtigten Moment hin arrangiert, alle Blicke gehen in verschiedene Richtungen, alle sind geschäftig, als hätten sie etwas dringendes zu tun, wobei es doch dem Titel nach nur um das Am-Strand-Sein geht. In Italien ist der Strand eine ernste Sache: Schaulaufen, Wettbräunen, Anbaggern. Bruce Weber hatte etwas ähnliches in Uruguay fotografiert, aber leichthin, ohne Anstrengung.
Das Imitat wirkt doppelt verknotet. Stets den Mund halb geöffnet, mit absprungbereiter Körperhaltung muss sich die Hauptblondine dem Fotografen in den Film werfen, bewacht von einer Staffage, der man die letzten Kommandos noch ansieht.

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Foto: F. Osenbrink, Schröders Schreibtisch, Spiegel 23/2001
Was hat der Vater? Er schaut so ungläubig drein. Will er nicht verstehen oder versteht er einfach nicht? Er will mit Kopfschütteln verneinen, aber das Foto hält ihn fest. Er wendet sich an Schwiegertochter Doris – soll sie es richten. Was sagt die Frau? Sie hält die Arme verschränkt. Das Lächeln will nicht raus. Mit distanzierter Skeptik betrachtet sie ihren Mann beim Regieren. Wieviel Uhr ist es? Kurz nach Büroschluß. Der Kanzler ist noch da. Könnte sein, er spiegelt sich in ihrem Bild: nachdem er hin und her gegangen ist, mit wuchtigen Schritten wieder und wieder den grauen Teppichboden durchmessen hat, mal ein paar Minuten auf der Sitzgruppe ein Nickerchen gehalten oder sich das Kunstbild überm Sofa betrachtet hat.
Nun ans Telefon. Das Ensemble passt dazu: der eine weiss nicht warum, die andere spottet, aber wahrscheinlich ist das Gespräch nach zehn Minuten vorbei. So sitzt der Kanzler vor seiner Kleinfamilie und beobachtet sie, wie sie ihn beobachten. Vater, Frau und heilige Zeit.

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dazed & confused, purple winter 00/01, Corporate Psycho Ambient
Text: Stefan Heidenreich aus De:Bug 48


Sam Taylor-Wood. My ideal man, dazed & confused, May 2001

Ihren idealen Mann stellt sich Taylor-Wood als dunstumwobene Figur vor, deren Gesicht sie aus einem gekachelten Dampfbad heraus fixiert. Er wird sich gleich wieder zurücklehnen und wieder verschwunden sein, wie der Rest seines Körpers. Lessing untersucht im Laokoon die Wolke als funktionales Element, das dazu da ist, nicht Darstellbares anzuzeigen, ohne es zu zeigen. Abgeschaut sind solche Wolken bei Homer. Er lässt in der Ilias Helden wie Hektor aus dem Kampfgetümmel von umnebelten Göttern retten. Bei Malern sind solche Wolken keine natürlichen, sondern willkürliche Zeichen, ärgert sich Lessing, und zudem willkürliche Zeichen widersprüchlicher Bedeutung, “denn sie brauchen es sowohl, um das Sichtbare unsichtbar, als um das Unsichtbare sichtbar zu machen.”

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Vivanne Sassen (photo), Inge Grognard (make-up): Lips and Looks, in: purple winter 00/01

Lips and Looks heißt die Strecke, bei der kein Bild funktioniert außer diesem. Die anderen sind “gewollt”. Und es ist nicht ganz einfach zu unterscheiden, wo etwas gewollt ist, wo es so daherkommt, und wo das Gewollte beiläufig wird und damit überraschend. Die anderen Bilder der Strecke lösen ohne zu zögern ein, was der Titel ankündigt. Man schaut auf die Lippen, es macht klick – fast so unspannend und prompt wie der Verschluss der Kamera – und das Bild ist verstanden. Dieses Bild macht nicht klick, sondern erzeugt einen inneren Widerspruch, aus dem heraus ich es immer wieder anschauen möchte. Als ob man sich davon überzeugen müsste, dass der Mund wirklich so gemalt ist, wie er aussieht, als ob man sich immer von neuem der Erscheinung versichern müsste, weil sich etwas weigert, das Aussehen zu akzeptieren. Schwierig zu sagen, was dieses negative Feedback auslöst. Vielleicht ist die Lösung “multifaktoriell”, wie Soziologen es gerne mit einem verbotenen Lieblingswort sagen. Der rote Mund ist beschattet, er sticht nicht aus dem Bild heraus, sondern ist selbst beiläufig. Schon wenn sich der Blick des Mädchens in die Kamera richten würde, hätte das Bild etwas von seiner Attraktion verloren. Der rote Mund steht in einer Beziehung zum Hintergrund. Er ist wie das rote Licht der Ampel auf der anderen Straßenseite. Als Ampel wird das Mädchen eingebaut in das Bildgeschehen. Und vielleicht der stärkste und unumgänglichste Reiz: der rote Kreis zerstört das Gesicht und fügt ein Element ein, das man nicht kennt und deswegen immer wieder zuordnen muss.

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Stefan Römer: Countryside (Eifel), aus: Corporate Psycho Ambient, Schaden 2001

Unzweifelhaft eine Landschaft aus dem 21. Jahrhundert, eine Ruinenlandschaft. Wir hätten wissen können, dass es so kommt. Spätestens als die von Burroughs versprochenen Privat-Helikopter nicht geliefert wurden. Statt dessen alles mögliche Andere: avancierte Mülltrennungssysteme, rosa-graue anstatt gelber Telefonzellen, brusthohe Kästen, an denen sich von Zeit zu Zeit Kontrollelektriker zu schaffen machen. Das Bild zeigt ein geglücktes Ensemble deutscher Zivlisationserrungenschaften. An den Rändern von Brennnesseln überwuchert, alte Medien – Schilder – sind schon am herunterfallen, mittelalte Medien wie der Briefkasten verblasst, mittelneue Medien – Telefonzelle – noch mit Glanzlichtern. Menschen bewegen sich in der Landschaft nicht, sieht man ab von dem geheimen Zentrum des Bildes, einem Wagen im Hintergrund, dessen rote Bremslichter vom Wald und neben den weidenden Pferden herüberleuchten. Ein gelungener Nachfolger der heroischen antikisierenden Ruinenlandschaften im Geist eines Poussin oder Lorraine.

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Attachment converted: mercedes:DEBG0601.doc (WDBN/MSWD) (00043067)

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Neue Bilder zur Bewußtwerdung festgefahrener Sehgewohnheiten
Text: stefan heidenreich aus De:Bug 47

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http://www.xinhua.org, http://www.xinhuanet.com/news/ztbd/zmzjpzsj/index.htm, Banner 11.4.

Ein Agit-Prop-Banner. Obskure Vorstellung, das Internet wäre voll davon – und nicht mit Klickmich-Müll. ?Verurteilt den hegemonialen Akt der USA!” postet Xinhua, Chinas amtliche Nachrichtenagentur, auf ihrer Seite. Dazu eine eigenwillige Bildversion des Crashs. So wie die Amerikaner immer wieder nur Bilder ihres Flugzeugs zeigen, zeigt China zuerst ein Modell des eigenen Jets. Von dem Feindobjekt fehlt jede Spur. Statt dessen eine Explosion im Nichts, davor ein unbeschädigter Jet. Das Bild könnte alles mögliche illustrieren, einen Unfall, ein UFO, eine Flugshow. Es lässt alles offen. Wer mit wem warum zusammengestoßen ist – dazu gibt es keinerlei Hinweise. Es ist weniger als eine Illustration, eher vielleicht eine Maske, der man alles zuschreiben kann – so als wollte man nur die eigene Betroffenheit zeigen und das Feindobjekt wenigstens bildlich noch variabel halten.

(3 Punkte)
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http://www.spaceimaging.com, lingshui_4_9_01_popup, 9.4.2001

Der Himmel geht auf, die Wolken verziehen sich und die Satelliten senden Bilder eines Zwischenfalls in einer Deutlichkeit, die man in den Kriegen des letzten Jahrzehnts vermisst hat. Die ganze Welt soll sehen, was mit dem gefangengesetzten Flugzeug geschieht. Beim Parken stellen sich die Schurken überraschend ordentlich an: in einer schnurgeraden Linie steht ein Wagen hinter dem anderen. Als würden sie wissen, dass der Himmel ihre Aufstellungen überwacht. Das vermeintliche Verbrechen, ein Flugzeug zu durchsuchen, hätte verbrecherischer ausgesehen, würden die Wagen wie eine Meute rund um das Flugzeug herumstehen. Vielleicht hätte sich die eine oder andere US-Behörde noch ein wenig Nachbereitungszeit gewünscht. So vermittelt das Bild etwas durch und durch rechtmäßiges. Eine sehr ordentliche Park-Performance.

(4 Punkte)

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cnn.com – A look at the Aries 3E EP-II

Aus der Reihe: gefährdete Arbeitsplätze, bedrohte Berufe. ?Unschuldiger Büroangestellter von chinesischem Selbstmordattentäter bedroht.” Der kleine fliegende 24-Mann Betrieb – man könnte sich gut vorstellen, daß die US- Regierung im Zuge weiterer Privatisierungen die Küstenüberwachung Rotchinas an ein Security-Unternehmen aus Texas vergibt – ist ein durch und durch transparentes Unternehmen. Nach Innen transparent – der freizügige Blick auf den Arbeitsplatz zeigt es – wie auch nach aussen – Auftrag: Transparenz. Wie sagte Bush: ?im Dienste des Friedens!” Man kann sich ein Bild von der Arbeitssituation verschaffen, an die Stelle der Flugbesatzung treten, um das ganze schöne Labor zu besichtigen, das mithilft die Pax Americana zu sichern. Welchen Grund könnte es geben, gegen ein fliegendes Büro vorzugehen?

(3 Punkte)

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Elektronische Lebensaspekte.

aus De:Bug 45

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Foto: Dan Zoubek, Make-Up: Christina Roth in Regina 12/2000

Die Zerstäuber glänzt. Im polierten Stahl spiegelt sich der Raum, die Pflanzen sind zu langen grünen Strähnen verzogen, die Spiegelung der Hand geht in eine Fleischmasse über, aber gerade wo die Wölbung des Gefäßes einen unverzerrten Bildaussschnitt zeigt, sieht man die Reflexion des Fotografen bei der Arbeit. Die andere Seite ist die der Blumen und der Fingernägel, die sich halbe Nachmittage lang genüßlich in die weiche Torferde gegraben haben, um sie in die Töpfe zu verteilen. Der Schmutz und das Silber machen sich die zentrale Bildachse streitig und rahmen dabei die unscharfe Blüte im Hintergrund ein. Hinter der Beauty-Arbeit scheint noch ein Rest vom Wonzimmerterror des Blütengartens durch.

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Day>dream. comfortzones. Image: Clang, in: Surface Nr. 27

Kein kuscheliger Platz zum Mittagsschlaf. Fünf Bilder lang ist die Tagträumer-Strecke in der neuen Surface. In allen Bildern sind die Farben sorgfältig verwaschen, auf ein Spektrum zwischen rosa getöntem weiß und fadem violettem schwarz eingeschränkt, mit allen denkbaren braunen Pastelltönen dazwischen. Als sei ein Tagtraum nicht ein Moment der Abwesenheit, sondern nur eine Phase leicht verblaßter Wahrnehmung. So scheinen auch die Personen, die sich dort so genüßlich auf Bäumen, Bürgersteigen, Hausfluren oder unter Tischen ausbreiten nicht wirklich zu schlafen, sondern gerade für den Moment dahin gerutscht. Die Haltung ist nicht wirklich gemütlich. Man hat alles dabei, streckt sich kurz lang. Versucht 30 Sekunden lang, an irgendetwas zu denken. Steht auf und geht weiter.

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Prada-Werbung, in: Dazed&Confused, 2/2001

Ein Mischwesen. In mehrerlei Hinsicht. Kreuzung zwischen di Caprio und Winslet. Als ob es im Bauch der Titanic doch etwas geworden wäre. Geht und geht nicht. Im Sand, der sich zu weißen Wolken zerstreut. Im Anzug, aber trotzdem barfuß. Er ist nicht wirklich an seinem Platz. Es soll aussehen, als suchte er etwas in dem Studiostrand. Horizont gibt es keinen, nur diese Fläche, die sich rund um die Figur schließt und sie zwischen den Körpern der anderen, liegenden Badegäste vereinzelt. Wäre er ganz allein, würde er gleichsam aus dem Sand herauswachsen wie eine Polymerfigur, die vom Laser aus Plastikkügelchen zusammengeschmolzen wird. Er verbreitet keinen wirklichen Raum um sich. Raum kommt mit den Schatten und Schatten werfen nur die Nachbarfiguren. Sie sind ungleich verteilt. Rechts gibt es einen ganz deutlichen Schlagschatten auf dem Handtuch, links eine verwaschene dunkle Fläche in den Sandwellen.

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aus De:Bug 38

<0800#1.gif> http://www.krawall.de/jobs.khtml Ein Jobanzeige auf einer Game-Seite: ãIrgendwann wird selbst das Fraggen einmal langweilig und man sehnt sich nach neuen Aufgaben.” Genügt jetzt schon ein Quake High-Score als Qualifikation für die Neue Ökonomie? Stellen wir uns – wie wahrscheinlich Zehntausende im gleichen Augenblick (Headhunter, Karrieristen, Schon-Gestartete, Noch nicht Gestarte, gerade Startende) – die Biografie des neuen Bill Gates vor: Gamer seit 7, Quake Euro High-Score mit 14 , dann der Knick: vom Ballerboy zum Programmierknecht – erst Tellerwäscher (Java-Script-Puitzen beim eKunden) zum Millionär. Und alles dank dem feinfühligen Hinweis. ãWe want you”. Eine vertraute Geste mit vorgehaltener Waffe. Entscheidungszeit: 5 Millisekunden. Ping. I do it: Direktmarketing. ãUnser engagiertes und dynamisches Team ….” blablabla. Ab jetzt nur noch mit vorgehaltener Waffe ins Berufsleben. Alles o.k.? >sh 0 0 (2 Punkte) ……………………………………………………………………………………………………………….. <0700#2.jpg> freshmilk.de – Realvideo: Prada Meinhoff auf der Expo Prada Meinhoff als Sonderbotschafter der Hauptstadt auf der Expo. ã.. Länder von denen wir noch nie etwas gehört haben…” Seit 5. Juli ständig live auf Freshmilk.de. Wie sagte McLuhan so schön: Die neuen Medien bilden die alten ab. Es scheint ein gottgewolltes Schicksal zu sein, dass wir jetzt im Web bei ruckelnden Bildern die gleiche Sose anschauen müssen, die es im Fernsehen auch andauernd zu sehen gibt. Werfen wir also über die Schulter der beiden Streaming-Jungstars einen staunenden Blick auf die Gemischtwaren der Expo. Unmöglich: denn es hat sich etwas geändert: Blicke über die Schulter gibt es nicht mehr. Ging es bislang bei Fernsehberichten immer darum, irgendetwas vorzuführen und mit der Kamera irgendwo drauf zu halten, so hat sich bei PradaMeinhoff diese Einstellung vollkommen geändert: außer den Protagonisten der Show zeigt die Kamera kaum etwas. Die Reportage als narzisstische Life-Talk-Show vor Ort. Nach Luhmann ein Schritt in die richtige Richtung, weil Beobachten 2. Ordnung: nicht mehr einfach beobachten, sondern das Beobachten selbst beobachten. Ab jetzt konsequent 50% Eigenface. Branding geht vor, wen kümmert das restliche Zeug da draussen schon – Laarmann, Loveparade, Expo, egal. Prada Meinhoff O-Ton beim Juli-Mikro-Lounge im WMF: ãWir tun doch niemandem etwas.” Aber hallo … das versteht sich doch wohl von selbst! >sh 0 (1 Punkt) ……………………………………………………………………………………………………. <0800#3.jpg> Filmposter: Perfect Storm (Ausschnitt) Twister war nur Unwetter. Perfect Storm nun Unwetter mit Objekt. Wenn es schon nicht gelingt, die Klimakatastrophe ordentlich vorherzusagen, dann wenigstens lokale Katastrophen zu simulieren. Dank rechenbarem Wetter stehen wir vor einer Wachablösung im Blockbuster-Business: Böse Natur besiegt nationale Action (Patriot). Das Kino passt perfekt ins Rechenmodell der Klimatologen. Ihre Modelle erzeugen Katastrophen-Szenarien (ganz notwendigerweise, sie müssen nur lange genug gerechnet werden) und die Simulationen von Wind und Wetter realisieren die Katastrophen im Kino. Ein Zirkel schliesst sich: der Film realisiert das böse Klima. Himmel und Wasser schließen sich über der Arche Noah zu einem Horizont – der wie die Börsenkurse von einem halben Jahr stolz emporsteigt -, um unter sich den Menschen zu begraben. Stoff für 2 Stunden ? Aber man schaut solche Streifen schon gar nicht mehr wegen der Handlung an, sondern nur noch, weil man gerne groß das Bild sehen will, auf das alle warten: Das Poster. >sh 0 0 0 (3 Punkte)

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Text: steffi aus De:Bug 33

<0300#1.jpg> Fotograf unbekannt. Testbild in: cÕt 2/2000 Ein Unwesen aus dem Keller des Mad Scientists, geschaffen um die Ergebnisse von Farbdruckern zu testen. Welcher Apparat bringt die stumme und freundliche Dienerin am buntesten herüber? Wer malt die obskure Ikonografie von Äpfeln, Handtäschchen, Longdrink am besten nach? Und welcher Gedankenblitz führte dazu, das technisch notwendige – feine Strukturen (Haare), Kontraste im extremen Schwarz- und Weissbereich (Hut und Jackett) und verschiedene grelle Farben (Obst) – anstatt in einem Testbild in einem derart dümmlichen Arrangement unterzubringen. Die Figur passt wie ein Stecker in die Phantasiebuchse eines ausgewachsenen Programmierers mit Festanstellung – die Traumfrau der digitalen Menschen, der Software-Könige einer kommenden Informationsgesellschaft. Wenn endlich einmal die ersten Haushaltsroboter mit menschlichen Antlitz geschaffen werden, so werden sie sich nach diesem Bild richten. Gehorsam, verklemmt, zugeknöpft mit langem Ausschnitt werden sie uns in das technische Paradies führen. >sh 0 (1 punkt) ……………………………………………………………………………………………………………….. <0100#2.jpg> Liz Collins. Anna Molinari-Werbung. Vogue Italia 1/2000 Die Hände sind zu Fäusten verkrampft. Das Mädchen hält sich selbst und seinen weisen Rock fest. Der Blick verharrt genau zwischen zwei Zuständen. Man hat sie in die Enge getrieben. Die Kamera ist nah herangerückt, so nah dass die Beine beinahe berührt werden und in die Unschärferen hinein reichen. Aber das kindliche Gegenüber wird nicht nur aus der Nähe gezeigt, sondern auch von unten – so als hätte man sich dem Mädchen erst genähert und dann begonnen, sich vor ihr zu bücken. Das Bild zeigt einen Moment aus einer Bewegung, die geradewegs auf die dunkle Zone zwischen ihren Beinen zuführt – zu dem Ort, an dem sich der in Popschriftzug wiederholte Slogan “I love you” in die Tat umsetzen lässt. Kleine Mädchen in pseudopornografischen Posen haben sich als Werbung vielfach durchgesetzt – die Vogue Deutschland wurde dafür indiziert. Auf welchem Weg hat die Kinderpornografie-Debatte von vor drei Jahren ihre Fortsetzung in der Mode gefunden? Eine einfache Verschiebung von Aufmerksamkeit, in der sich beliebig verkehrt, was an moralischen Debatten dem Motiv einmal mitgegegeben wurde. >sh 0 0 (2 punkte) ……………………………………………………………………………………………………. <0100#3.jpg> Spiegel 3.1.2000 Ein neuer Bildkanal. Er kommt recht altertümlich daher. In der Auflösung schlechter als die Computerbildschirme von vor 30 Jahren. Aber mobil. 80 mal 120 Pixel Welt online. Wieviel ökonomische Hoffnung lässt sich auf den Mini-Screens der Handys bündeln ? Wieviel wildgewordene Kleinaktionäre verwetten ihr Geld dafür, dass auch mit diesem Interface irgendein Internetgeschäft aufgezogen werden kann? Und wie viele User lassen sich davon überzeugen, in stoppeligen Schwarz-Grün-Buchstaben ihre Seele und ihr Geld einzugeben. Die neue Ökonomie der Netze beginnt schon, merkwürdige Blasen zu werfen. Unhandliche Elektrobücher, Minibildschirme, Knopftastaturen. Es scheint das die reine Bewegung das Geldes die technische Entwicklung der Geräte längst überholt hat, und Techniker dazu zwingt, Dinge zu produzieren, die ihre Existenz nur von der Vorstellung verdanken, dass auch sie irgendwie funktionieren müssten. Wir werden noch mehr davon bekommen. Tragbare Joysticks mit Schallrückkopplung, Kinofilme im digitalen Daumenkinoformat, Brillen mit GPS-Wegleitsystem, ins Ohr implantierte Anrufbeantworter etc…. >sh 0 0 0 (3 punkte)

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aus De:Bug 35

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Text: stefan heidenreich aus De:Bug 32

<0100#1.jpg> Nick Knight: Sweet: In: Dazed & Confused 1/2000 Der britische Fotograf Nick Knight hat sich ein paar neue Geräte besorgt und macht damit Medienkunst – genauer: Medienkunst Phase 2. Phase 1 ist los, wenn die richtig hartgesottenen Kunst-Betriebs-Künstler sich der Grossindustrie andienern, öffentliche Stipendien kriegen und für viel Geld interaktives oder immersives Gerümpel zusammenstecken. Phase 2 läuten kommerzielle Dienstleister ein, die sich mit technischem Schnickschnack Profil verschaffen wollen. Auf show.uk.com zeigt zum Beispiel N.K., was er alles nicht wirklich draufhat. Etwa den Umgang mit dem 3D-Scanner. “If you put shiny things all over you it canât tell if something is coming towards or going away from it.” Das Ergebnis ist unrettbar kreativ, zutiefst verstörend und unglaublich aufregend. Damit die Dimension klar wird, scannt er ein wenig Text mit ins Bild: “The number of people who change the way we perceive ourselves is down to about five.” Wenn er wenigstens geschrieben hätte: “The number of scanners that change the way I perceive myself is down to about one.” Aber nein. Bleibt die Hoffnung auf besseren Output in Phase 3 der Medienkunst: Wenn alles kommerziell eingespielt ist und nur noch deshalb Kunst heisst, weil das Wort gut klingt. >sh 0 (1 punkt) ……………………………………………………………………………………………………………….. <0100#2.jpg> Lukas Duwenhögger: Chéri. in: Frieze nr.49 /1999 Retro-Kitsch. Swing, Gamaschen, Schlag, Strohhut, Oberlippenbart. Frieze meint, das Bild erinnert an Mapplethorpe. Ein eigenwilliges Erinnerungsvermögen. Im letzten Jahr – oder muss man in dem Fall sagen: Jahrhundert – hatte Duwenhögger den Eindruck, in A.N.Y.P. daran erinnern zu müssen ³dass jede Form hingebungsvoller connoisseurship bevorzugt im Reich der feinen Dissonanzen von Nachbarschaften schwelgt, anstatt sich im Stumpfsinn der überdeterminierten Kontraste zu verbrauchen.” Im Gewand der Latino-Mafia sehen wir einen Connoisseurship-Hero leichtfüssig über eine zart verhauchte, himmelhohe 32Bit = 16Millionenen-Farben Treppe auf uns zu eilen. Ein Bild voll plumper Eleganz und erhabener Einfalt. Wäre nur nicht der Klumpen hinter dem Knie. Es sieht aus wie ein Huf. Es soll ein Schuh sein, aber je öfter man hinschaut, desto eindeutiger ist es ein Huf. Der Zeichentrick-Huf eines Lucky-Luke-Gauls als mega-connoisseurshipmässig überdeterminiertes emblematisches Versatzstück, das “Chéri” voll in einen Liebe-Sünde-Interpretationszusammenhang abfahren lässt. >sh 0 0 (2 punkte) ……………………………………………………………………………………………………. <0100#3.jpg> Antje Majewski: Ingo und Antje. Face 1/2000 ”Kunst” titelt The Face. “The Germans are coming!” Ich stelle mir den Moment sehr schwierig vor, in dem aus Hunderten von Fotos eines zum Abpinseln auszuwählen ist. Aber Pinsel muss sein. Das wusste schon Gerhard Richter vor einem Vierteljahrhundert. Seit Bilder en masse und ganz schnell geschossen werden, ist die richtige Wahl entscheidend. Und auf der Gegenseite trifft die Wahl auf eine neue Summe – auf alles, was man so sieht. Auch dort werden ein paar Entscheidungen gefällt. Sie sind umgebungsabhängig. Bilder funktionieren in bestimmten Zusammenhängen. Sie sind eingebettet in Handlungen, Gespräche, Einkäufe, Nachrichten oder Räume. Als Illustration zum Kosovo-Krieg würde das Bild kaum funktionieren. Als Kalenderblatt – mundgemalt – schon besser. Als Titelblatt auf einem Junger-Arzt-Roman noch besser. Und – was hiermit bewiesen ist – in Öl auch als Kunst. >sh 0 0 0 (3 punkte)

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Text: stefan heidenreich aus De:Bug 29

DJ Hell&Friends. Peek&Cloppenburg Werbung, in: Spiegel 39/99 Soziale Identifikationsfelder ausfindig machen, Kernfiguren isolieren, anwerben, als Multiplikatoren einsetzen, soziale Zugehörigkeit übernehmen, Gruppen mit firmeneigenen Attributen ausstatten, Umsatz erhöhen. Klub Kultur als Organisationsform sozialer Zugehörigkeit, Cultural Studies als Hilfswissenschaft für BWL. Vielleicht ist P&C mit der Kampagne übers Ziel hinausgeschossen, wenn sie querbeet Nina & Cosima Hagen, Benjamin von Stuckrad-Barre, Christian Kracht, Michael Würthle (wer ist das?), dessen Freunde, DJ Hell und seine Friends einspannen wollen. Ein großes Möbelhaus braucht eben viele Parkplätze. Aber das Bild ist ordentlich. So ein Anflug Rubens, große knallfarbige Flächen komponiert, Tizian mit dabei, viel Schwarz zwischendrin und ein paar Köpfe so durcheinander, dass man sie nicht auf einen Blick durchzählen kann. Ein gutes Bild. Was hilft’s? >sh 0 0 0 0 (4 Punkte) Leichtathletik Weltmeisterschaften. ARD, 29.08. 1999 Da steht der Herr Johnson und hält sich an vier Zahlen fest. Zweimal die 3, einmal 4 und 1. Oder war die 3 am Bildrand eine 8. Auf seinem T-Shirt dagegen zweimal die 1, einmal die 4 und die 8. Wenn das kein Zufall ist. Unglaublich viele Menschen in der Linkskurve in Sevilla sind aus dem Häuschen. Aber einer trabt nebenan über die Rennbahn, so als sei dort nicht gerade vor ein paar Minuten etwas Unglaubliches geschehen. Heilige Erde, hundertmal küssenswerter als alle Fleckchen miteinander, die Papa Giovanni Paolo 2 auf Flughäfen und Busbahnhöfen angelutscht hat. Ein in Leichtathletikdimension historischer Augenblick, bzw. dessen Nachwehen. Und, um nicht immer über Sport und Zahlen zu reden – ein wunderhübsch komponiertes Bild. Die Anzeigetafel gegenüber der Bahn verzerrt wie eine falsche Perspektive bei Giotto, die hochgereckte Hand des Sprinters im goldenen Schnitt, als Gegengewicht der gelbe Mast neben der Bahn in der vertikalen Bildmitte, in der horizontalen der obere Rand der Tafel. Wieder einer dieser Abermillionen von Glückstreffern, die das Fernsehen tagtäglich hervorbringt, ohne dass sich jemand darum kümmern würde. >sh 0 0 0 0 (4 Punkte) ZDF – übernommen aus dem japanischen Fernsehen, 30.9.1999 Neues aus dem Reich der Zeichen. Fast so nichtig wie im semiotischen Fantasialand von Roland Barthes. Die Zeichen so leer wie der Eimer mit Uran zu voll. Den Eimer, den keiner mehr sieht, seit die drei, die es sich ganz genau angeschaut haben, im Sterben liegen. Und zufälligerweise verhält es sich auch bei diesem Bild ganz so wie Barthes eingangs in seinem Buch “Das Reich der Zeichen” sagt: “Der Text ist kein ‘Kommentar’ zu den Bildern. Die Bilder sind keine ‘Illustration’ zum Text.” Können sie nicht sein, denn sie scheinen so zufällig mit dem zu erzählenden Ereignis verbunden, wie etwas nur zufällig sein kann: Dächer, Hallen, Zäune. Der Regisseur Griffith beklagte sich im ersten Weltkrieg bei einem Filmversuch an der Front darüber, wie wenig visuell die Veranstaltung angelegt sei. Es gäbe nichts zu filmen. Mit diesem neuerlich Versuch, das Nichts abzubilden, nähert sich das japanische Fernsehen einer im Sinn von Griffith und Barthes buddhistischen Tradition an. Ein Versuch, der in Punkten wirklich schwer zu honorieren ist. >sh 0 – 0 0 0 0 ( 1 bis 4 Punkte)

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Text: stefan heidenreich aus De:Bug 24

Fotograf unbekannt. Vogue bei Zapa. Vogue Deutschland 5 / 99 Profis lassen sich von Partyfotografen aufrecht erwischen und lehnen sich im letzten Augenblick noch ein wenig zurück – das gibt ihnen einen Hauch von Noblesse. Aber wer will es unseren Kunstvermittlern schon übel nehmen, dass ihnen das unerwartete Glück, endlich einmal unter den Partylöwen in der Vogue aufzutreten, ihren sonst so geschäftstüchtigen Sinn verdreht. Und so sieht man sie wie ewig junge Rotzlöffel ungestüm auf das Objektiv zustürmen. Sie können noch froh sein, dass sie dritt waren. Einer allein hätte seine Nase am Ende bildfüllend in Szene gesetzt. Aber der Streit um die besten Plätze und die Angst vor dem gnadenlosen Rand des Bildausschnitts hält jeden vor dem äußersten zurück. Das Foto räumt vier Punkte ab, weil es ihm gelingt, die Masken ein wenig zu lüften und einen Augenblick unerwarteter Ehrlichkeit einzufangen. >sh ¥¥¥¥ Fotograf unbekannt. Saatchi & Saatchi. Transitions Werbung. in: Geo 4/99 Vielleicht funktioniert diese Werbung tatsächlich. Ich stelle mir einen 29 Jahre jungen aufstrebenden Ingenieur vor, der sein Studium der Biogenetik kürzlich abgeschlossen hat und seit 8 Monaten in einem Biotechnik-Betrieb in Borken beschäftigt ist. Gerade als er die Tür seines Opel Omega öffnet, wird er für einen Augenblick von einem Sonnenstrahl geblendet, der sich durch die dicken westfälischen Wolken hindurchgequält hat. Problem! Und wie hinlänglich bekannt ist, verlangt jedes Problem nach einer Lösung, jede Nachfrage nach einem Angebot und umgekehrt jedes Angebot nach einer Nachfrage und jede Lösung nach einem Problem. Die hier angebotene Lösung läßt sich auf gleich vier Probleme anwenden: drinnen, draußen, sportlich, elegant. Den klassischen blauen Anzug mit blauem Bürohemd und der Krawatte mit den dünnen blauen Streifen einfach gegen die Gore-Tex-Jacke und das blaue Hemd mit den legeren roten Streifen eintauschen – und die Brille auflassen. Einfach rein gehen – und die Brille auflassen. Einfach raus gehen – und die Brille auflassen. “Damit fühlen Sie sich gut und man sieht’s Ihnen an.” >sh ¥ Ron Dahlquist: Nr. 5- 556, in: Mauritius Bildagentur: Superstock Portfolio Nr. 28 Wenn es so etwas geben würde wie eine Weltmeisterschaft der Wellenbildermacher, dann hätte Ron Dahlquist ganz gute Chancen, seine Konkurrenz zu schlagen – vor allem seinen schärfsten Gegner Woody Woodworth. Die Kriterien für die Bewertung von Wellenbildern sind allerdings so undurchsichtig wie die anderer vergleichbarer Sportarten – etwa Synchronschiwmmen, Eiskunstlauf – oder auch die einer Weinverkostung. Unter den Preisrichtern herrscht in puncto Qualität indessen ein gnadenloses Einverständnis, über das sie sich in einem verwegen ausgeklügelten Slang unterhalten. Die Welle von Dahlquist würde vielleicht einer anderen vorgezogen werden, weil sie so sahnig und sanft verschmiert einrollt, im Gegensatz zu den Bildern, die Woodworth dieses Jahr auf den Andamanen im Indischen Ozean oder irgendwo anders aufgenommen hat. Die sind einfach zu spröde, fast gefroren, sie klirren förmlich. Nachzuschauen im selben Katalog unter den Nummern 5-539, 5-541 und 5-549. Im Vergleich dazu weitere Exemplare von Dahlquist: 5-552, 5-554 und besonders 5-544, das ganz besonders wegen der leicht teigig gerührten, sehr expressiv verschleuderten und irgendwie gummierten Krone ausgesprochen bemerkenswert scheint. >sh ¥¥¥

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