Stefan Heidenreich über Fratzen auf TV-Zeitschriften
Text: Bildkritiken aus De:Bug 123


iD-Cover, Agynes Deyn Foto: Matt Jones
TV Klar-Cover, Aleksandra Bechtel

Das Land lächelt, die Stadt bleibt kühl. Darf man es so kurz machen? Testen wir noch ein paar grobschlächtige Gegensätze aus, die die Sache auf den einfachsten Nenner bringen könnten. Die eine will mir etwas verkaufen, die andere ist ihr Bild. (Um nicht zu sagen “Sie zeigt sich selbst”, denn sie ist eigentlich ich selbst, wenn ich “sie” wäre. Alles klar?) Also noch kürzer: Appell gegen Repräsentation. Inklusivität (Gibt’s das, oder wurde es eben erfunden.

Wenn, dann nicht schlecht) gegen Exklusivität. Oder Arbeit gegen Identität. Dienst(leistung) gegen Freiheit (individuelle)? Oder ums auf die allgemeine Form zu bringen, die sich hier schon zeigt: A(a’+x …) <-> B(b’+y…)
Also es haut mit den binären Gegensätzen schon in der Konstruktion nicht ganz hin, wenn es um eine Sache geht, die formal unscharf bleibt. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass wir alle gelernt haben, dass Gegensätze in der Regel konstruiert werden.

Das schreit nach De-Konstruktion. Schon der vielen Klammern halber, die sich gleich am Anfang eingeschlichen haben. Aber wie? Wo wollen wir damit rauskommen? Der übliche Trick wäre, dass die, die lächelt, in Wahrheit gar nicht lächelt, die andere aber eigentlich ein Lachen auf den Lippen hat. Kenner mögen mir den etwas trivialen Ansatz verzeihen, das De- der Konstruktion so simpel und banal von hinten aufzuziehen.

i-D ruft Agyness Deyn in der Mai-Nummer zum großen allgemeinen Icon auf. Das ganze Heft ist voll von ihrem Bild. Mal lächelt sie, mal nicht. Sechs verschiedene Coverversionen wurden geschossen, Lächeln auf 2,5 (42%, der Frage nach dem halben Lächeln widmen wir uns in der Ausgabe 09/2011). In welchem Zusammenhang zeigt sie sich? Mit einer Reihe verschiedener VIPs und VIP-Kandidaten in den verschiedensten Klamotten. Ihr Styling übernimmt sie teils selbst, das ein Detail von Bedeutung. Sie entwirft ihr Bild als eigenes. Als Icon muss sie positioniert werden, und das in zwei Systemen, der exklusiven Gruppe wichtiger Personen und dem der Kleider. Ob sie lächelt oder nicht, schert nicht.

Ganz anders (nein, kein Rückfall in binäre Gegensätze) Aleksandra Bechtel. Sie ist schon positioniert (RTL II, 20.15, prime-time). Dort tritt sie mit Heirate mich! Geheimprojekt Hochzeit an gegen Tierärztin Dr. Mertens, Expeditionen zu den Berggorillas, CSI Miami, Der weiße Hai 2, Bully sucht die starken Männer, … die gefährlichsten Sportunfälle.

Der Supermarkt auf dem Land ist eine seltsame Zone des Lächelns. Es trifft zusammen, was zusammen lebt. In der flachen fensterlosen Neubaukiste mit geplätteltem Parkplatz unweit des Siedlungsgebietes am Waldrand begegnen sich Arbeitslose, Mütter und Schüler.

Die Auswahl der Zeitschriften ist monothematisch. Sie verraten uns, dass in die Ferne sehen eine der abendlichen Hauptbeschäftigungen darstellt. Die Covers sind so erbärmlich wie das Programm. Sämtliche Fratzen lächeln dem Konsumenten aus der gleichen Bildaufteilung entgegen.

Frau Bechtel lächelt um ihr TV-Leben. Was in Österreich mit “bitte recht freundlich“ daherkommandiert wird, lautet auf englisch einfach Käse – “Cheese“. Die einen appellieren noch ans schauspielerische Vermögen, die anderen vertrauen schlicht auf die Gesichtsmuskel-Mechanik. Ihr Lächeln ist kein Lächeln, es ist Käse (und zwar digital aufpolierter), und darin liegt ein Stück Wahrheit.

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Elektronische Lebensaspekte.