Von Flickr bis Pinterest
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 162

Die extrem erfolgreiche digitale Pinnwand Pinterest gehört mit 83% weiblichen Usern zu den jüngsten Pegelanhebern der anhaltenden Bilderschwemme im Netz, die mit Instagram natürlich noch längst nicht zu Ende war. Sascha Kösch zeichnet den Weg nach. Von pixeliger Schwarz-Weiß-Digitalfotografie über den Erfolg von Flickr bis zum Food- und Schönporn von Pinterest.

Man könnte behaupten, vor Flickr war die Bilderwelt im Internet eine Stock-Wüste, in die mühsam neuer Sand geschippt wurde – aus den analogen Bildwelten via Scanner und auf einzelne Seiten. Das langsam aufsteigende Summen der Sirenen der Digitalphotographie war damals eher ein raumgreifendes Gefühl. Es war die Zeit, in der das Web 2.0 entdeckt wurde. Es war noch vor YouTube. Stewart Butterfield und Caterina Fake aus Vancouver hatten 2004 genau die richtige Oberfläche parat für die ersten akzeptablen Handy-Bilder und die mittlerweile mehr als erschwingliche Flut von Schnappschuss-Kameras. Bilder “sharen” entwickelte sich bald zum Volkssport und zur neuen Ausdrucksart eines ständig kreativen Lebensstils. Folksonomy, Usergenerated-Content, Social Networks, das stand alles noch ganz am Anfang und wollte auch in den Bilderwelten neu definiert werden. Flickr schaffte das so gründlich, dass in den Folgejahren keiner mehr auch nur ansatzweise an sie rankam und noch heute Firmen wie Apple ein Photojournal für eine innovative Idee halten. Flickr war nicht nur der unerschöpfliche Pool für den weiterverwertbaren Schnappschuss, sondern schnell auch der Treffpunkt, das Portfolio für Fotografen auf der ganzen Welt. Die frühe Integration von Creative Commons, das Tagsystem, die Bildergruppen, RSS-Feeds, Map-Integration, die Freunde, Favorites, Sharing-Optionen, all das machte digitale Bilder auf ein Mal zu den Stützen eines sozialen Netzwerks, zu einem Thema, über das man gemeinsam reden konnte, in Bildern und darüber hinaus. Selbstdarstellung, Selbstdefinition in Bildern, das war die große Leistung von Flickr. Das Bild des Users war zuvor der goldene Frosch von ImageShack im Schmuddeltümpel, mit Flickr war er plötzlich ein Prinz. Die Ästhetisierung der eigenen Umwelt durch den Fokus der Kamera konnte beginnen.

Absacker im Deadmedia-Park
Digitalfotografie hatte damals schon einen langen Weg hinter sich. 1991 waren 376×285 Pixel Schwarz-Weiß noch eine Sensation. Mitte der 90er waren alle klassischen Kamerafirmen in den Markt eingestiegen, aber die ersten bezahlbaren Modelle erzeugten immer noch Bilder, die eher dazu einluden, Pixel zu zählen, als irgendetwas anderes damit zu tun. Ernsthafte Fotografen hätten sich damals nie mit einer digitalen Kamera blicken lassen, aber der Film war schon zum Jahrtausendwechsel auf dem besten Wege, mit dem Vinyl eine One-Way-Butterfahrt in den Deadmedia-Park zu unternehmen (man trifft sich dort zum Absacker mit Kodak). Die Entwicklung war rasant. Wer in Zukunft noch analoge Fotos machen möchte, dem empfehlen wir ein Chemiestudium und die Silberlöffel von Oma einzumotten. Kurz nach der Jahrtausendwende befindet sich analoge Fotografie im freien Fall, die digitale schnellt exponentiell in die Höhe. 2 Milliarden Kamerahandys, 180 Milliarden Bilder auf Facebook (6 Milliarden auf Flickr, 150 Millionen auf Instagram). 10 Prozent aller Bilder, die auf der Erde jemals gemacht wurden, sind in den letzten 12 Monaten entstanden und 20 Prozent aller neuen Bilder landen irgendwo im Netz.
Flickr hatte für lange Zeit eine Innovations-Stille hinterlassen. Erst als Facebook die feindliche Übernahme der Welt abgeschlossen hatte und Apples iPhones explodierten, änderte sich plötzlich etwas. 2010 – mit Erscheinen des ersten iPhones mit einer Kamera, die den Namen wert war – war der Startschuss für eine neue Welle von Apps wie Instagram, Hipstamatic, die als ästhetischer Propfen auf der Kamera des Handys sitzen und Bilder über Filter produzieren, die immer nach was aussehen. Es war der Zeitpunkt, an dem das iPhone anfing, die Flickr-Charts zu beherrschen und in der Zange zwischen DSLRs und Handykameras die Kategorie Point-And-Shoot langsam ins Gras beißen durfte. Ganz natürlich gaben sich Instagram und Konsorten als eine Schnittstelle zwischen iPhone und Facebook. Die Freunde aus dem Social Graph, die Bilder direkt aus der Hipstermaschine schlechthin hochgeladen, die Ästhetik aus der Mottenkiste einer schon fast verschwundenen Zeit der Analogfotografie. Mit der Erfindung der Retro-Kamera-App als heißester Social-Network-Scheiß läuteten wir einerseits die große Nostalgiephase im Netz ein, deren Ausläufer sich gerade in der Facebook-Timeline verirren, andererseits gab es selbst dem ungeübtesten Knipser dank mitgelieferter Bildästhetik der Filter eine Möglichkeit, jedes drittklassige Menü in eine grün-braune Pixelsuppe zu verwandeln, die (Magie!) irgendwie schmackhaft wirkt (Like, Love, <3). Hightech-Apps wie 360-Grad-Fotografie konnten nie auch nur ähnlich virale Höhen erreichen. Und Cinemagraphs, obwohl mit ähnlichem Nostalgie-Flair einen Stillstand in der digitalen Welt der Videos in animierten GIFs erzeugend, haken an der Unfähigkeit von Facebook – anders als Google+, die damit ihre erste Popularitätswelle geritten haben –, animierte GIFs darzustellen. Man könnte sich die Köpfe darüber zerbrechen, warum ausgefranste Bilder, verwaschene Farben, grellbuntes Wischiwaschi einer Polaroidnachempfindung irgendwie schärfer sind als jedes HDR, aber vielleicht ist es einfach nur unsere Art, in den rasenden Entwicklungen einen Hauch von Geschichtlichkeit zu bewahren. Und dank des Auto-Ästhetisierungs-Bonus hat man auch keine Chance damit, in einer Like-Welt irgendwo anzuecken. Memes auf der Pinnwand
Wir sind von einem Aufbruchland ständiger Innovationen mit Web 2.0 in einer digitalen Umwelt gelandet, die ihre Normalität sucht und in die Realität zurückfinden will. Wir befinden uns nicht in einem Verlassen der viel zu wichtig gewordenen digitalen Umwelt, sondern in einem verzweifelten Versuch der Anpassung des Digitalen an Greifbares. Das Genie von Apps wie Instagram ist aber nicht zuletzt auch die völlige Konzentration auf Mobile. Photo-Sharing-Startup-Sensation ohne nennenswerte Webseite und mit Bildern in der Größe einer durchschnittlichen Sonderbriefmarke auf genau einem Endgerät, dem iPhone (die Android Version ist jetzt erst erschienen). Vor ein paar Jahren wäre so ein Konzept komplett lächerlich gewesen.
Über die letzten Jahre hatte sich für jede Randgruppe ein technischer Bilderfokus der Betriebsblindheit herausgebildet. Die Modeposse und Lifestyleadepten trafen sich auf Microbloggingsite Tumblr, die professionellen Fotografen bei 500px, die Dokumentar-Knipser auf Twitter, Liebhaber alter Familienfotos bei 1000Memories, animierte GIF-Enthusiasten auf Google+ und der Rest zwischen Partyfotos, Bilder-Memes und einarmigen Selbstportraits auf Facebook. Dass es ausgerechnet eine Webseite wie Pinterest in den Fokus aller geschafft hat, dessen Konzept man lapidar als digitale Pinnwand (nach Jute jetzt Kork) zusammenfassen kann, ohne viele Feinheiten auszulassen, ist schon die nächste Sensation. Noch nie hatte es eine Webseite so schnell auf 10 Millionen User gebracht. Es passt in den lange vorbereiteten Versuch, den digitalen Tsunami als neue Kuschelecke zu verklären. Der Erfolg von Pinterest ist auf viele Weisen zu erklären. Die Mütter sind im Internet. Die Normalen. Und ein weiterer Magnet im Mosaik des digitalen Kühlschranks dürfte die Ansage gewesen sein, dass es das erste soziale Netzwerk mit 83% Frauenanteil ist. Werber lieben das, Pinterest-UserInnen klicken und kaufen auch überdurchschnittlich viel. Man könnte fast glauben, die Zalandos dieser Welt hätten es erfunden. Und wo 83% Frauen sind, da kommen die Typen schnell hinterher.

Kinderkrankheit des Klarkommens
Der endlosen digitalen Unübersichtlichtkeit wird auf Pinterest mit einer fast rührenden Pinnwand-Naivität von Pseudoordnung einer Welt in Rezepte, Lieblingsbücher, tolles Design und schöne Kunst entgegnet, die sich auch in der Naivität des Firmengebarens zeigt. Zunächst rasselte Pinterest in die Copyright-Falle mit Urgestein der digitalen Bilderwelten Flickr, die drittwichtigster Bilderlieferant der Pinwütigen waren, und für privatere Bilder schnell einen “do-not-pin-code”-Riegel vorgeschoben haben und schüchtern rückte Pinterest dann auch mit einem eigenen “nopin”-Metatag nach. Dann wurde bekannt, dass Pinterest alle Links auf Produkte mit eigenen Affiliate-Links ersetzt und bei sämtlichen Kaufempfehlungen von Usern mitverdient, was Scammer nicht davon abhält auf dem Rücken des Pinterest-Erfolgs selber Produkte durchzuschmuggeln und mitabzusahnen. Pinterest kennt keine Ästhetik der Bilder, was man nach Instagram ja fast schon als Befreiung empfinden könnte, sondern nur ein fröhliches Miteinander von zusammengeklaubtem Foodporn, Petporn, Schuhporn und sonstwie Schönporn und “Geheim”-Tipps. Der perfekte Oprah Winfrey Ersatz und klar, Barack Obama ist auch schon dabei. Und wir steigen zum ersten Mal bereitwillig als Totalverweigerer eines Bilder-Massenphänomens aus und beten inständig für ein baldiges Ende jeglicher Netz-Nostalgie, die wir immer noch als Kinderkrankheit des Klarkommens mit der digitalen Realität sehen. Irgendwann muss der Schluckauf doch mal vorbei sein.

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Elektronische Lebensaspekte.

4 Responses

  1. Henry

    Ich bin wahrscheinlich nur nicht schlau genug, um es zu verstehen, aber was genau ist hier das Problem, über das sich beschwert wird?