Super-Detektive gehen mit Super-Software auf die Jagd nach MP3s und illegal verwendeten Markenlogos. In bewährter Manier wird diese Spitzelarbeit mit Nazis und Kinderpornos verhübscht.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 42

Auf der Jagd nach illegalen Datein im Netz
E-Sherlock und die Nazi-Pornos

Nachdem auch der letzte Spatz auf digitales Pfeifen upgedatet hat und seine Melodien aus dem Netz saugt, statt sie von der Gema zu lizenzieren, erlebt die Branche der digitalen Detektive einen Boom. Immer mehr “Spezialfirmen”, die mit vermeintlich noch viel “speziellerer” Software zur Jagd auf Content-Piraten in die Netzweiten ausrücken, dienen sich der Industrie an und versprechen, deren kostbare Güter und Marken vor der Informationsflut in Sicherheit zu bringen. Zunächst geht es dabei natürlich um MP3s, wobei die Suche nach den Soundfiles eine mehr als banale Angelegenheit ist. Richtig spannend dürfte es zukünftig werden, wenn es um bewegte Bilder geht, wobei einige Unternehmen schon den technologischen Durchbruch für diese Aufgabe verkündet haben. Durchgehend fällt in der E-Detektei-Branche eine scheinbare Techniklastigkeit auf, hinter der sich beim näheren Hinsehen allerdings oft solide Handarbeit verbirgt. Das Technologie-Fähnchen dürften die Digi-Sherlocks sich von ihren Auftraggebern in der Kulturindustrie abgeschaut haben, die von Anfang an auf technische Lösungen des Problems mit den Content-Piraten setzten: Noch in diesem Jahr soll auch endlich das Modell “Rights Protection System” [RPS] starten, das den Zugriff auf gekidnapte MP3-Files einfach und effektiv bei den Providern stoppen soll, indem die entsprechenden IP-Adressen gesperrt werden. Dass dieses Vorhaben scheitern muss – konsequent umgesetzt bedeutet es nichts weiter als das Ende des Internets – wird dabei nach wie vor tapfer ignoriert. Und diese Ignoranz vor der digitalen Wirklichkeit müssen scheinbar auch die E-Detektive übernehmen, um bei ihren Auftraggebern zu punkten.

Billige Petzen
Bei den meisten dieser E-Detekteien, die sich um illegale MP3s kümmern, entsteht allerdings schon auf den ersten Blick der Eindruck, dass hier schnelles Geld gewittert wird und die “Spezial-Software” von Napster und Gnutella kommt. Neben diesen Geheim-Tools gehört zum Job aber natürlich auch noch die seltene Gabe, sich in die perfiden Verbrecherhirne einfühlen zu können: “Wir haben schon Musikstücke gefunden, die als jpeg-files getarnt waren”, beschreibt beispielsweise Ernst Georg Berger von der Wiener Firma VRcontrol seine detektivischen Erfolgserlebnisse.

Seriöse Techniker und Nazi-Pornos
Der seriösere Teil der Branche stellt sich – wahrscheinlich auch, um sich von den MP3-Eckenstehern abzuheben – am liebsten als Suchmaschinen-Entwickler der nächsten Generation dar. Dass hier viel mit Nebelwerfern gearbeitet wird, die das gegenwärtige Geschäftsmodell als Industrie-Spitzel verhüllen sollen, wird allerdings spätestens klar, wenn die Firmen hartnäckig von den Lieblingsgespenstern des Netzes reden: Kinderpornos und Nazis. Das Unternehmen, das sich diesbezüglich am weitesten aus dem Fenster gelehnt hat, kommt aus Kassel und dürfte nicht ganz zufällig auch in Puncto technologischer Heilsversprechen weltweit ganz vorne liegen. Cobion, vor kurzem noch “Only Solutions” genannt, kommt daher wie ein sympathisches Garagen-Start-Up ehemaliger Mathematik-Studenten. Zum ersten mal öffentlich Furore machte Cobion mit dem selbstlosen Aufspüren von 50.000 Hakenkreuzen im Netz: Eine prima Gelegenheit, im ‘Sommer der Gutmenschen’ Branding zu betreiben. In einem “Spiegel”-Artikel, der Ende Oktober erschien, wurde die Suche nach illegal verwendeten Markenzeichen sogar als “Testterrain” für die Suche nach entführten und für Pornos missbrauchten Kindern verbrämt. Das ist doppelt dreist, da Cobion erstens schon jetzt im Auftrag von Unternehmen gut bezahlt nach deren Logos im Netz sucht und zweitens, weil die Entwicklung einer Suchtechnologie für bewegte Bilder in erster Linie ein Angebot an die Filmindustrie ist. Die soll zukünftig einfach die Gesichter ihrer Stars als Suchbegriff verwenden können, um illegale Kopien oder – Gott bewahre – ungenehmigte Modifikationen ihrer Blockbuster aufspüren zu können. Fraglich ist allerdings nicht nur der Heiligenschein, den Cobion seiner profanen Geschäftstätigkeit geben will, sondern auch die vorgeblich so “spezielle Filtertechnologie”. Stimmen die Angaben Cobions, haben die smarten Kassler einen gemütlichen Vorsprung vor der internationalen Wissenschaft, was die maschinelle Nachempfindung des menschlichen Sehens betrifft: Die Software zur Wiedererkennung von Personen in bewegten Bildern ist nach Firmenangaben schon weit fortgeschritten und nur noch ein bisschen buggy, während australische Forscher in diesem Jahr erstmals die Farbwahrnehmung in unbewegten Bildern simulieren konnten. Zyniker machen daher hinter der “schieren Rechenpower” aus Kassel inklusive der medienwirksam inszenierten “Steuerzentrale”, die jedem Raumschiff zu Ehren gereichen würde, eine Armee von Studenten oder Indern aus, die die Hauptarbeit der Bildsuche ganz altmodisch mit ihren biologischen Optik-Sensoren und Recheneinheiten leisten.

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Elektronische Lebensaspekte.