Was neben der Spur liegt, trifft manchmal mitten ins Herz. Der Schotte Bill Wells hat mit einem japanischen Bläserchor ein Album eingespielt, das aus jedem falschen Ton ein Maximum an Poesie trötet.
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 104


Drück die Tuba
Bill Wells

Diesen Sommer trennt sich die Spreu vom Weizen. Die einen vergammeln auf Afterhour-Parties an stinkenden Flüssen und zählen abgestürzte Zombies, die anderen hören Bill Wells. Gucken aus dem Fenster und träumen sich nach Osaka, in den Bridge-Club, hoch oben über der Stadt. Draußen rast die Achterbahn vorbei, drinnen sitzt Bill Wells am Piano, um ihn herum das “Maher Shalal Hash Baz”-Ensemble. Wer den Schotten Wells kennt, wird ihn nach diesem Album nur noch mehr lieben. Und wer die Japaner kennt, zum Beispiel von ihrem Geographic-Release, wird leicht lächeln und sagen: “Siehst du, ich hab’s doch immer gesagt.”
Vor allem niederknien. Die Japaner zersägen die Stücke von Bill Wells mit so viel Herzblut, dass man gar nicht anders kann. Klar, im Unterschied zu Handys und modularen Synths sind Blasinstrumente – und um die geht es bei Maher Shalal Hash Baz vor allem – nicht unbedingt für kleine Japaner-Hände gebaut, aber eine derart Sake-betrunkene (wir spekulieren), stoische Groove-Vorstellung entschuldigt nicht mal das. Zum Glück. Es klingt ein bisschen so, als wenn die Bigband schon vor der Beerdigung des besten Freundes (er spielte Posaune) viel zu tief ins Glas geschaut und dann doch tapfer die Instrumente angesetzt hätte. Ich wünschte, alle Platten klängen so. Dabei wollte Bill Wells gar keine Platte aufnehmen. Er wollte einfach nur nach Japan. Nichts Ungewöhnliches für Musiker. Er traf Mitglieder der japanischen Gruppe in Schottland, organisierte sich einen Flug mit Fördergeldern und vertrieb sich zwei Monate die Zeit in Japan. Eine Hand voll Konzerte waren organisiert. Solo im ersten Teil, dann mit der Band. “Als wir auf Tour waren, merkte ich schnell, dass ich unsere gemeinsamen Konzerte unbedingt dokumentieren wollte”, schreibt Bill Wells aus einem schottischen Internetcafé. “In Osaka haben wir schließlich vor dem Gig eine wirkliche Aufnahme-Session gemacht. Sechs Stunden, jeder Track hatte nur wenige Takes. Deshalb klingt das Album auch ein wenig ‘all over the place’. Aber ich fragte die Band nach jedem Take, ob sie das ok fänden, und alle nickten nur begeistert. Also ließen wir es so und nahmen einfach das nächste Stück auf. Der Techniker sprach kein Englisch, also verständigten wir uns mit Händen und Füßen. Schlug er die Hände über dem Kopf zusammen, hieß das nicht etwa, das etwas passiert sei, sondern schlicht und einfach: Aufnahme läuft, los geht’s. Die Aufnahmen passten auf drei DVDs. Ich nahm die einzigen Kopien mit zurück nach Hause – kein gutes Gefühl. Der Schreck kam dann im Studio, als zunächst die eine DVD nicht spielen wollte und ich dann merkte, dass alle Files japanische Namen hatten. Drei Tage später hatte ich alles durchgehört und fing an zu mixen.” Zum Glück ging alles gut. “Osaka Bridge” ist groß und einzigartig, kann Berge versetzen. Die Berge, auf denen Bill Wells und Maher Shalal Hash Baz sitzen und freundlich winken, wenn Piano und Tuba einmal beiseite gelegt sind, sind jetzt schon Pilgerstätten. Orte der Kraft für alle, die die Afterhour Afterhour sein lassen und lieber betrunken schunkeln, als Zombies zu zählen.

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Elektronische Lebensaspekte.