Ab September muss sich jeder Einreisende in die USA mit Fingerabdrücken und digitalem Foto abspeichern lassen. Erstmalig kommen damit an einer Grenze im großen Stil biometrische Verfahren zum Einsatz. Wie realistisch das Ganze ist oder ob man hier nicht doch einfach nur mit Terrorpanik die bürgerliche Freiheit bedroht, erklärt Anton Waldt.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 82

Überwachung

Bei Einreise Fingerabdruck / Der neue Weg in die USA

Ab September diesen Jahres werden allen europäischen Besuchern bei der Einreise in die USA zwei Fingerabdrücke abgenommen und ein Digitalfoto ihres Gesichts erstellt. Diese Maßnahme illustriert derzeit am deutlichsten den Vormarsch von biometrischen Methoden in den Alltag – eine Entwicklung, gegenüber der einige Bedenken äußern und auf Risiken verweisen. Denn auch wenn dies Dank digitaler Fingerscanner nicht mehr mit geschwärzten Fingern verbunden ist, haftet der Maßnahme zu Recht ein modriger Gefängnisgeruch an. Andere wiederum begegnen dieser Entwicklung mit Gleichgültigkeit, meinen, strenge Kontrollen treffen sowieso nur die Bösen oder pflegen einen Fatalismus, nachdem “Sie” sowieso schon alles wissen und es sich daher nicht lohnt, sich über weitere Kontrollen aufzuregen. Beide Biometrie-Vorurteile sind grundfalsch, allerdings sind die Zusammenhänge und Auswirkungen wesentlich komplexer, als man dies aus schnöden Sci-Fi-Fantasien über absolute Bio-Kontrolle kennt: Technische Hürden und Tücken treffen auf soziale Auswirkungen von unabsehbaren Ausmaßen bei einem fragwürdigen Gewinn an Sicherheit.

Wie man Biologie digitalisiert

Biometrie ist definitionsgemäß die Vermessung quantitativer Merkmale von Lebewesen. Dabei wird heute zwischen der “klassischen” Biometrie, die sich vor allem mit der Statistik aller möglichen Pflanzen, Tiere und auch Menschen beschäftigt, und der “neuen Biometrie” unterschieden. Die “neue” Biometrie versucht Menschen anhand von allen möglichen Merkmalen eindeutig zu beschreiben und zu identifizieren, wobei essentiell ist, dass die gemessenen Daten zu Kennwerten verarbeitet werden, die sich wesentlich einfacher handhaben lassen als beispielsweise analoge Fingerabdrücke. Dazu werden die Daten aus der Vermessung eines Gesichts, eines Fingerabdrucks oder eines Auges mittels ausgefuchster Algorithmen in so genannte “Hashes” (salopp: Prüfsummen) umgewandelt. Diese “Hashes” sind eine Wissenschaft für sich. Sie bestehen im Idealfall aus möglichst wenig Daten, wobei gleichzeitig die eindeutige Zuordnung eines Datensatzes zu einer Person möglich ist. Mit diesem Verfahren ist dann zumindest theoretisch allerlei Schabernack möglich wie etwa das Erkennen von Superterroristen mittels Gesichtserkennung auf schwammigen Videobildern. Praktisch stoßen solche Anwendungen aus den Wachträumen des Herrn Innenminister Schily allerdings auf jede Menge Schwierigkeiten und derzeit ist nicht klar, ob sich diese jemals wirklich lösen lassen werden.

Der Statistik-Buhei

Die Implementierung von biometrischen Kontrollen im Reiseverkehr ist nämlich längst nicht so einfach, wie das die Hersteller von entsprechenden Systemen versprechen und sich das Kontrollfreaks wünschen. Gerne wird beispielsweise von stolzen Fabrikanten der neuesten Körperscanner eine “Fehlerquote von einem Prozent” angegeben. Was sich erstmal super anhört, ist aber in vielen Fällen völlig unpraktikabel: Wenn von 100 Terroristen nur einer nicht erkannt wird, ist das zwar schön, umgekehrt wird aber ein Zusammenbruch des Reiseverkehrs daraus. Wenn nämlich einer von 100 unbescholtenen Passagieren zu Unrecht als Fiesling markiert wird, muss so ziemlich jedes Flugzeug wegen ausgiebiger Kontrollen am Boden bleiben und kann höchstens verspätet abheben. Das Beispiel illustriert, dass mindestens derzeit das angestrebte Ziel der “Terrorbekämpfung” schon auf der technischen Ebene scheitern muss. Nach derzeitigem Stand müssten es nämlich schon mindestens zehn Finger sein, die nach kriminalistischen Regeln auch nicht einfach auf einen Scanner gelegt, sondern “aufgerollt” werden, um einen Datenbankvergleich mit akzeptablen Fehrlerquoten zu ermöglichen. Was bleibt, ist die Eins-zu-Eins-Kontrolle – das heißt, mit den aktuellen Methoden des Fingerscannens kann eindeutig festgestellt werden, ob die Daten in einem Pass, der biometrische Merkmale enthält, mit denen der Person, die den Pass vorlegt, identisch sind. Damit ist allerdings in Punkto Terrorbekämpfung wenig gewonnen – im schlimmsten Fall ziehen die Fälscher sogar nach und integrieren eben auch den digitalisierten Fingerabdruck in ihre Machwerke. Bei anderen Merkmalen, wie den Fingerabdrücken, wird die Sache sogar noch schwieriger, weil die Technologien dafür noch jünger und unerprobter sind, wobei die viel gepriesene Gesichtserkennung nach Bildern aus Überwachungskameras die Methode mit der höchsten Fehlerrate ist – ein herber Rückschlag für Kontrollliebhaber. Die erhofften sich nach dem 11. September 2001, mit dem Abgleich von Videobildern, die sowieso von Überwachungskameras gemacht werden, mit minimalem Aufwand und vor allem ohne große Belästigung unbescholtener Bürger einen Sicherheits-Coup zu landen. Die “abgerollten” zehn Fingerabdrücke kommen wiederum für die Massenabfertigung nicht in Frage, weil die Prozedur zu umständlich ist und weil sie dann doch zu sehr an den Knast erinnert.

Terroristen sind zu unauffällig

Notorische Miesmacher, Eckensteher und Datenschützer gehen allerdings noch einen Schritt weiter und verkünden frech, dass auch, wenn der erwünschte Datenbankabgleich eines Tages einmal technisch möglich wird, der Sicherheitsgewinn fraglich bleibt. Weil Terroristen und insbesondere die fundamentalen Islamisten unter ihnen die Angewohnheit haben, bis zur tödlichen Aktion unauffällig zu bleiben, nach einem Anschlag sind sie dann auch noch oft tot und müssen damit in eine andere Datenbank. Was biometrische Kontrollen allerdings in Punkto Terrorbekämpfung nicht leisten, machen sie bei der Einschränkung ziviler Rechte und Freiheiten mehr als wett: Hier gilt das aktuelle Credo aufgeklärter Datenschützer, dass viele Kontrollmaßnahmen zwar für sich genommen eigentlich kein Drama wären, sich in der Summe aber verheerend auf bürgerliche Rechte und die Intimsphäre auswirken. So wäre zunächst nicht viel dagegen zu sagen, dass man sich bei der Einreise in ein fremdes Land eindeutig ausweist. Allerdings sollte auch hier die Verhältnismäßigkeit gewahrt werden und man sollte sich bewusst sein, dass die biometrischen Kontrollen zuletzt die wirklich fiesen Gangster und Massenmörder treffen, sondern vielmehr Immigranten und Kleinganoven das Leben schwer machen werden. Und das Beispiel der “klassischen” Fingerabdrucknahme macht deutlich, dass die Bekämpfung von gewöhnlicher Kriminalität den zivilen Gesellschaften bislang nicht den Preis einer lückenlosen Kontrolle wert war: Daher akzeptiert der unbescholtene Bürger eigentlich nicht, dass ihm die Fingerabdrücke abgenommen werden und er damit potentiell zum Verbrecher abgestempelt wird. Hier handelt es sich auch nicht bloß um eine Frage des modisch verstandenen Codes, sondern um die symbolische Festschreibung eines Selbstverständnisses, das allzu weit gehende Begehrlichkeiten des Staates aus historisch wohlfeilen Gründen eingrenzt.

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Elektronische Lebensaspekte.