Text: natascha sadr haghighian aus De:Bug 23

Anweisung ans Layout: Freigestelltes auto ist das hauptbild Bild 1- 3 haben Verweise im Text, also bitte Bild 1… drunterschreiben danki! eventuelles quote für s layout Was man sich so von Natur erzählt Mit Natur wird im allgemeinen der Teil der Welt bezeichnet, dessen Zustandekommen und gesetzmässige Erscheinungsformen unabhängig von Eingriffen des Menschen gedacht werden können. Das sagt jedenfalls das Lexikon. Aus dem anfänglichen Beobachten der Natur (natura naturans), auch Physik genannt, wurde in der Neuzeit eine Methodologie der Naturwissenschaften. Die Erklärbarkeit von Natur wurde allein von den Bedingungen experimenteller Verfahren abhängig gemacht. In der Industrialisierung schliesslich wurde die Natur vor allem zum Objekt technischer Produktion. Durch die vielfältigen Interventionen des Menschen kam es zu einer Veränderung dessen, was als vom Menschen unabhängige Natur gesehen wurde. Dies zeigt sich unter anderem in der Sprache. Es wurde differenziert, z.B. zwischen ursprünglicher- und modifizierter Natur. Vor einigen Jahrzehnten wurde nun gefragt, ob es Natur an sich überhaupt gibt, oder ob sich hinter dem Begriff Natur nicht vielmehr ein Konstrukt verbirgt, der unsere Vorstellungen von Umwelt reflektiert. Somit war Natur ein kulturelles Phänomen und musste diskursiv verhandelt werden. Heute sind wir grösstenteils von Technologie und deren Folgeerscheinungen umgeben. Unter Natur verstehen wir nicht mehr das unmittelbare Gegenüber, sondern vielmehr etwas Abstraktes, fast Geschichtliches. Auch uns selbst verstehen wir eher als kulturelle, technisierte Wesen. Das Natürliche wird zur unerreichbaren Formel, auch mit Biofood und Ökofuton. Wir reflektieren unsere Umgebung und leiten daraus unser Selbstverständnis ab. Sich als Cyborg zu bezeichnen (Mensch mit technischen Extentions) kann als Flucht nach vorn verstanden werden, ist aber vielleicht einfach auch ein Abgleich mit der Umgebung. Eine Mutation im Sinne einer künstlichen Evolution und damit eine Absage an die eigene Natürlichkeit. Von dort aus scheint es schon fast wieder verwirrend retro, sich z.B. mit der Erbmasse zu beschäftigen. Aber während wir, breakdancenderweise, unsere Hitech-Trainers am Subwoofer reiben und dazu lässig einige Algorythmen in unser Psion hacken, hat sich die Industrie wieder der Natur zugewandt. Der Bionik. Die neuen Stoffe, aus denen die Zukunft gebaut wird, heissen Haifischhaut und Fliegenauge, Spinnenbein und Wespennest. Billig und geschmacksfrei, Bionik Der angeblich junge Forschungsbereich Bionik beschäftigt sich mit der Funktionsweise der Organe von Lebewesen hinsichtlich ihrer Eignung für technische Anwendungen. Der Begriff setzt sich aus Biologie und Techik bzw. Electronics zusammen. Während die ebenfalls boomende Biotechnologie die Grundlagen für die Verwendung von lebenden Organismen, vor allem Mikroorganismen, erarbeitet, wird in der Bionik ein technisches Modell nach der lebenden Vorlage erstellt. Das Adjektiv “jung” ist vielleicht insofern gerechtfertigt, weil die produktorientierte Forschung als neuer Wesenszug der Naturwissenschaften im Mittelpunkt steht. Die Baustoffe dessen, was als Natur bezeichnet wird, werden untersucht, um Technik zu optimieren oder neu zu konstruieren. Dies hat vor allem ökonomische Gründe. Rohstoffe sind knapp & teuer. Es liegt aber auch an den neuen Möglichkeiten, Lebewesen zu untersuchen. Durch neue Verfahren können Materialeigenschaften und Beschaffenheit besser erkannt und nachgebaut werden. Ein völlig neues Feld der Vermarktung tut sich auf. Im Gegensatz zu Biotechnologie hat das Wort Bionik keinen Beigeschmack von Gentomaten. Es scheint, als handle es sich hier endlich mal wieder um ein Forschungsgebiet, dass uneingeschänkt cool und unbedenklich ist. Die direkte Nähe zur Industrie scheint in diesem Fall ok und sinnvoll. Deshalb wundert sich auch kein Mensch, dass die Ausstellung “Bionik – Zukunfts-Technik lernt von der Natur” im SiemensForum des Siemenskonzerns in Siemensstadt stattfindet. Die Ausstellung wurde ursprünglich vom Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim konzipiert. In Berlin nun wird sie, wohl aus finanziellen Gründen, nicht in einem staatlichen Museum, sondern eben bei Siemens gezeigt. Jugend forscht Ich fahre also nach Siemensstadt, fülle eine Siemens – Besuchsanmeldung aus und lande, statt in der Ausstellung, in der Preisverleihung vom “Jugend forscht”-Landeswettbewerb. “Tierisch neugierig” heisst das diesjährige Motto. Auf der Bühne steht ein Turm mit Siemens Telefonen, die als Sonderpreise verteilt werden sollen. Eine Band spielt “Men in Black”. Die Kids grooven mit und warten gespannt auf ihren Preis. Der Sprecher bedankt sich bei den Patenfirmen, die diesmal zehn weitere Schulen fördern konnten. Mit der Formel “Patenschaft” konnten sich die Schulen wahrscheinlich eher anfreunden als mit Sponsoring. Jedenfalls scheinen die Schulen selbst nicht in der Lage zu sein, die “Jugend forscht”- Projekte zu unterstützen. Im Publikum sitzen Vertreter von Debis, DaimlerCrysler, dem VDI (Verein Deutscher Ingenieure) und natürlich von Siemens. Die Senatorin für Jugend ist auch da und die Eltern und Schüler. Eingeteilt in die Bereiche Arbeitswelt, Biologie, Informatik/Mathematik, Geo- und Raumfahrtwissenschaften, Physik/Chemie werden die Preisträger auf die Bühne gerufen und bekommen ein Siemens Telefon oder bis zu 500 DM (erster Preis). Sonderpreise, wie ein dreiwöchiges Praktikum bei Debis, werden jubelnd entgegengenommen. Der Mann vom VDI sagt: “Werden Sie Ingenieur. Das sind die besten Voraussetzungen für eine Zukunft in Deutschland.” Während auf der Bühne geredet wird, schaue ich mich in den Wettbewerbskojen um. Jedes Projekt hat seinen eigenen kleinen Messestand. Die Produkte mit klingenden Namen wie “Oxikat”, “Analogix” oder “Recob” werden auf geplotterten Plakaten beworben. Das Ganze sieht teilweise sehr professionell aus. Mich würde nicht wundern, wenn Firmenscouts vor Ort, gleich von der Schulbank weg, rekrutieren. Industry rules – scheint hier das Motto, und alle sind froh drüber. Der Übergang zum Debis-Gymnasium oder der Siemens-Oberschule wird wahrscheinlich ein fliessender sein. Er wird wohl Adoption genannt werden. Die Band spielt “Titanic”. Das Buffet ist eröffnet. Hinter den Messeständen finde ich doch noch den Eingang zur Bionik Ausstellung. Konventionelle Austellungsarchitektur mit Schautafeln auf Leichtmetall-Gestellen und Videomonitoren, die mit einem Fussschalter bedient werden. Einige Modelle aus verschiedenen Unilabors fristen ihr Dasein hinter Plexiglas. Die Information ist in kleinen, leicht verdaulichen Häppchen aufbereitet. Man scheint den Besuchern nicht viel zuzutrauen. Lebende Prototypen Es wird sehr kurz auf die Geschichte der Bionik eingegangen. Leonardo wird als Erster genannt, der den Vogelflug wissenschaftlich untersuchte, um daraus einen Flugapparat zu entwickeln. Dann folgt Otto Lilienthal mit seiner Abhandlung “Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst”, die fast vierhundert Jahre später erschien. Als einer der Pioniere der Bionik prägte der Biologe Francé den Begriff der Biotechnik in seinem Buch “Die technischen Leistungen der Pflanze”, das 1919 erschien. Auf aussereuropäische Entwicklungen wird an dieser Stelle nicht eingegangen. Wann begannen z.b. die Japaner, die Gesetze der Papierfaltung einzusetzen? “Siegen durch Nachgeben” heisst ein japanisches Sprichwort, das aus der Beobachtung von Faltungen entstand. Der erste Kongress zum Thema Bionik fand 1960 in Dayton, Ohio statt. Die amerikanische Luftwaffe hatte im Jahr zuvor ein Forschungsprogramm aufgenommen, das die Bezeichnung Bionics erhielt. Im Air Forces Avionics Laboratory gab es eine eigene Bionics- Abteilung. Auf dem Kongress in Dayton mit dem Titel “lebende Prototypen – Schlüssel zu neuen Technologien” führte dann ein Luftwaffenoffizier die Bezeichnung Bionics für die Umsetzung biologischer Sachverhalte in die Technik ein. Eine militärische Nutzung der Erkenntnisse über “lebende Prototypen” liegt nahe, und das Geld muss ja auch irgendwoher kommen. Dieser Umstand lässt jedoch eine zivile Nutzung wie ein willkommenes, profitables Abfallprodukt erscheinen. Wie zum Beispiel die Riblet-Selbstklebefolie. Was das z.B. so ist: Hai-Tech Bisher ging man davon aus, dass eine Oberfläche umso reibungsärmer ist, je glatter sie ist. Der Paläontologe und Zoologe Wolf-Ernst Reif entdeckte auf den winzigen Schuppen des Samthais feine, in Strömungsrichtung verlaufende Rippen. Obwohl ihm das zunächst keiner glauben wollte, vermindern diese Rippen den Strömunswiderstand. Es wurde eine Folie mit Rillen entwickelt, die denen des Hais ähnlich sind, die Ribletfolie. Ein Airbus wurde damit beklebt, und in Flugversuchen wurde eine Reibungsverminderung von 6% festgestellt. Das spart 350 Tonnen Treibstoff im Jahr. “(Bild 1) Eine andere Entwicklung ist der Laufroboter Robug 2 . Er ist dem Kletterer Gekko nachempfunden. Die Echse hat die Fähigkeit, mit Hilfe von Haftscheiben an ihren Zehen an einer senkrechten Wand oder an der Decke laufen zu können. Robug 2 hat an jedem Fuss taktile Sensoren und Saugnäpfe mit einer Vakuumpumpe. Position und Bewegung werden von Mikroprozessoren überwacht. Robug 2 soll z.B. in kontaminierten Bereichen von Kernkraftanlagen eingesetzt werden. (Bild 2) Ein weiteres Feld sind Mikrosysteme. Dazu gehören Miniaturgelenke und -pumpen oder kleinste Sensorsysteme. Die Bionik liefert Anregungen und führt zu Lösungen, die nachher wieder in die belebte Welt, z.B. menschliche Gefässsysteme, integriert werden können. Elektromagnetische Mikrogetriebemotoren kommen in der minimal invasiven Chirurgie oder bei miniaturisierten Laserscannern zur Anwendung. (Bild 3) Diese und viele andere Beispiele bionischer Entwicklungen werden in den Videos und auf den Schautafeln gezeigt. Allerdings hat man keinen grossen Erlebnis- und Informationsverlust, wenn man sich nur den Katalog ansieht. Ausserdem bleibt einem die musikalische Untermalung der Videos erspart. Zur Ausstellung läuft eine begleitende Vortragsreihe, und der Museumspädagogische Dienst bietet Sonderführungen an. http://www.siemens.de/siemensforum SiemensForum in Berlin Rohrdamm 85, Berlin Siemensstadt U-Bahn Linie 7 , U-Bahnhof Rohrdamm Mo – Fr 9 .00- 17.00 Uhr Die Ausstellung läuft noch bis zum 18 Juni Vorträge: 18. Mai – “Wie Pflanzen wandern” 2. Juni – “Bäume als Lehrmeister” 8. Juni – “Experimentelles Design von Faltstrukturen”

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