Der Marseiller Vernetzungsenthusiast Philippe Petit sucht auf seinen bip-hop-Compilations nach dem roten Faden von experimentellem Lärm bis experimentellem Lamento. Nur Technologie-affin muss es sein, was Acts wie Rechenzentrum, Mira Calix oder Frank Bretschneider für Petit einspielen.
Text: olian schulz aus De:Bug 56

Philippe Petit ist Punk geblieben, im positiven Sinne. Er verabscheut Autoritäten und Passivität. Deshalb ist der ruhelose Macher in bester Hardcore-Tradition seit Mitte der 80er in der Musikszene aktiv, obwohl er selber nie etwas aufgenommen hat. Ob als DJ oder Herausgeber von Fanzines, in Radiosendungen oder als Chef des experimentellen Noise-Labels “Pandemonium” (41 Releases!): Von seiner Heimatstadt Marseille aus versucht Philippe, “kreative und intelligente Szenen zu dokumentieren.”

Im neuen Jahrtausend fehlt der alternativen Rock/Jazz-Umgebung die Inspiration. Hungrig überlässt sich Philippe einem frischen Faible und gründet mit “bip-hop” ein Label für Elektronika. Wie Pandemonium funktioniert bip-hop als gewinnfreie Vereinigung. Nur ein paar Freunde helfen gelegentlich bei der Webseite oder der Covergestaltung, während Philippe tagtäglich vom Mac sein enormes Netzwerk beackert. Mira Calix, Rechenzentrum, Warmdesk und Wang Inc.: Für die zunehmend kohärenten Compilations “bip-hop generation” (Volumes 1 bis 5) produzieren die Musiker einen langen, exklusiven Track. Dazu werden inzwischen auch noch reine Künstleralben veröffentlicht. Sehr gelungen zum Beispiel die CD “Enthusiast” von si-cut.db. Ohne dass wir diesen Ursprung zunächst wahrnehmen, hat der Engländer Douglas Benford überwiegend Geräusche von Holzarbeiten zu swingenden, dubbigen Tracks zusammengebaut. Parallel starten Philippe und das irische Label “Fällt” ihre Serie “Reciprocess”. Zwei Musiker sollen Koproduktionen und Solo-Stücke nebst gegenseitigen Remixen auf eine CD bannen. Für die erste haben sich jetzt Frank Bretschneider und Chris Dooks aka Bovine Life vorgewagt.

DEBUG: Die Kinder des Techno entdecken gerade wieder verstärkt den Klang der Gitarren. Kommt dein Label für elektronische Musik nicht etwas spät?
Phillippe: Für die einen bist du immer zu früh, für die anderen immer zu spät. Ich achte kaum noch auf diese Kategorien. Das erste Konzert meines Lebens war 1976 Kraftwerk. Ich funktioniere nach dem Lustprinzip und mochte schon immer verschiedene Musikstile. Eine ganze Menge der Noise- und Experimental-Musiker von Pandemonium machen heute elektronische Musik, viele meiner aktuellen Kontakte kommen aus diesem Bereich. Mit bip-hop wollte ich vor allem aus einer Monotonie ausbrechen: Ein Label funktioniert nach einigen Jahren wie von selbst. Ich wollte einen Neuanfang.

DEBUG: Manche Leute finden deine Compilations “bip-hop generation” willkürlich, ohne roten Faden …
Phillippe: Natürlich sind sie willkürlich, schließlich sind die Compilations nach meinem Geschmack zusammengestellt. Aber mit der Behauptung, sie seien “ohne roten Faden”, bin ich gar nicht einverstanden. Ich interessiere mich für die Dokumentation von verschiedenen Stilen aus dem Bereich der experimentellen Elektronika. Ich erfreue mich an der Vielseitigkeit der Klänge. Der Leitfaden ist, dass Musik-Technologie eine Rolle bei der Komposition der Stücke spielt. Die Werke guter Musiker veröffentlichen und weiterhin positive Ideen in die Welt setzen…daran ist mir sehr gelegen.

DEBUG: Wie suchst du die Leute für die Künstleralben aus?
Phillippe: Ich höre mir sehr viele Sachen an. Manchmal ist da ein kleines Plus, das den Unterschied ausmacht. Ich kann es wirklich nicht erklären. Dagegen weiß ich sehr genau, was ich nicht haben will: Die x-te Kopie von Autechre oder Oval. Oft fehlt es bei Elektronika an Menschlichkeit, an einem Blick von außen. Deshalb sind und werden viele Alben auf bip-hop Koproduktionen.

DEBUG: Du arbeitest sehr international. Beim Club Transmediale in Berlin machst du zum Beispiel einen bip-hop-Abend.
Phillippe: Die Transmediale ist ein bedeutendes Festival. Viele Leute, die ich schätze, sind eingeladen. Ich bin glücklich, dass ich auch dabei sein kann. Ich bin in Marseille geboren, da ist das Leben schön und angenehm. Aber kulturell gibt mir das Leben dort sehr wenig. Klar würde ich mich in einer künstlerischen Metropole wie Berlin besser fühlen, wenn es hier nur nicht so kalt wäre!

DEBUG: Merci, Philippe!

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Elektronische Lebensaspekte.