Gegenoptimierung durch Profillosigkeit
Text: Felix Knoke aus De:Bug 176

Selbstverbesserer

Wenn über Selbstvermessung geredet wird, dann meist über Optimierung. Aber warum nicht mal in die andere Richtung denken: weniger Leistung, kaputtere Performance. Vielleicht könnten die Fitnessarmbänder und Gamification-Apps ja subversiv eingesetzt werden – und sich so neue Identitäten stricken lassen?

Es gibt grundsätzlich drei Strategien, mit dem Druck zur Selbstkontrolle und -überwachung umzugehen: Die zwei bekanntesten sind das Einverständnis und der Dissens. Entweder man gibt dem Druck nach, vermisst sich selbst, schließt sich an die Kontrollmaschinen an und folgt den Optimierungserwartungen der Gesellschaft. Oder man stellt sich quer, sabotiert das System durch Ungehorsam. Variante Zwei hat Hans-Christian Danys anhand seines Idioten dargestellt. Dieser Idiot unterläuft die Regulationsmechanismen der kybernetischen Gesellschaft, anstatt vor ihnen wegzulaufen. Eine Störung, “allein um noch mehr Menschen in die idiotische Asozialität zu verführen“, wie der Autor im Interview (S. 14) sagt. Doch Danys Idiot ist eine gefährliche Strategie, sie wird sanktioniert, da sie zersetzend ist und sie ist ständig unter Beschuss, da der Idiot sein Nicht-verstanden-Werden gegen einen ständigen Verständnisversuch behaupten muss. Der Idiot ist leider auch deshalb keine besonders kluge Strategie, da sie Innen- und Außenleben gleichmacht und damit neue Angriffspunkte für ein System bietet, das bislang ja doch noch alles gefressen hat. Und warum überhaupt immer nur ans Außen denken?! Ein dritter Ansatz wäre deswegen, und der ist seltsamerweise reichlich unterdiskutiert, dass man sich gleichschaltet und durch Überanpassung mitten im System versteckt. Dass man also die Normalitätsmaßstäbe des Systems gegen es selbst richtet, in dem man lesbar wird, es aber nicht viel zu lesen gibt. Man wird langweilig und vorhersehbar – und kann dafür einen inneren Raum eröffnen, der nicht von den Regelungssystemen erreichbar ist. Ab in den Mainstream, du neue Nische. Ab in die Spiritualität.

Die Idee ist, das Normale zu identifizieren und die Selbstoptimierungswerkzeuge dafür zu benutzen, es zu erreichen. Zum Glück ist das, was als normal gilt, längst von Markt- und Werbeforschung, Demographie und Gesellschaftsforschung ausformuliert. Dies sind die Kennzahlen, die optimiert werden müssen, nach denen der private Konsum, das öffentliche Auftreten, der Geschmack, die Fehler und Missstände ausgerichtet werden können. Zum Glück ist das Normale ein Nullpunkt und damit einfacher zu erreichen, als die ständig erweiterten Maxima. Das Ziel ist, möglichst normal zu werden, also möglichst wenig vom Durchschnitt abzuweichen. Dass man also zu genau dem Phantom wird, das dieser in der Realität ja (praktisch) nie anzutreffende Durchschnitt ist. Denn das Individuum
wird durch Abweichung gekennzeichnet. Man ist all das, was man nicht ist. Die ungleichmäßige Verteilung dessen ist das persönliche Profil. Profillosigkeit bedeutet in der überwachten Datenwelt Unsichtbarkeit, der Nullpunkt als der nicht beobachtete Ort. Die Profillosigkeit wächst, wenn möglichst viele Menschen diesem Mittelpunkt zustreben. Das Ideal wäre eine Null-Gesellschaft, äußerer Stillstand, die völlige Gleichheit und Ausdruckslosigkeit. Der Zufall wäre Gott.

Statt sich zu differenzieren, also seine spezifischen Werte und Eigenschaften zu extremisieren, könnte man sich entdifferenzieren, also seine Ausreißer minimieren. Gewicht rauf, statt runter. Arbeitskraft runter, statt rauf. Ganz normal Internet, Waren, Kultur konsumieren. Äußerungen ausbluten lassen, Exzesse verhindern, das soziale Umfeld beschränken. Die Fitnessarmbänder, Smartwatches, Gamification-Tools und Kontrollwagen wären dann nicht mehr die Peitschen, die einen zu noch mehr Leistung und Individualität antreiben, sondern Warnsignale: bis hier hin joggen und nicht weiter. Ohne Eitelkeit gleiten die subtilen Überwachungs- und Kontrollmechanismen an einem ab. Diese blanke Hülle verhüllt eine innere Freiheit. Ein spiritueller oder ideeller Raum, der nicht durch die üblichen, kurzfristig wirksamen Werkzeuge erreicht werden kann. Die Verdunklung der Seele, das Hegen von Geheimnissen, die Verschleierung der Gedanken – auch vor sich selbst – wird dem Offenbarungszwang der aktuellen Informationsgesellschaft folgen. Das ist kein Rückzug und keine innere Emigration, nicht einmal eine affirmative Subversion sondern vielleicht ein echter dritter Weg: dass man sich letztlich tatsächlich der Norm hingibt, das Innen gegenüber dem Außen maximiert, die inneren Prozesse befreit und schließlich das Außen neutralisiert. Dafür müsste man sich eingestehen, dass Individualismus-Ansprüche und Selbst-Zersplitterung keine Gegensätze sind, sondern in einem neuen Verständnis aufgehen können: dass man Masse sein kann. Eine Marionette ohne Fäden, bewegungslos im Glück. Die Gesellschaft, der Mainstream nicht als Angriff, sondern als neutrale Zone, als Freund. Denn nur dort, im Land des uniformen Rauschens, können Innen und Außen irgendwann entkoppelt voneinander existieren. Das muss das Paradies sein, Frieden. Es muss Haßloch werden, überall.

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Elektronische Lebensaspekte.